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Santo Antao - eine Insel zum Verlieben
Eigentlich hatten wir gar nicht vor die größte Insel der
Kapverden, Santo Antao, zu besuchen, denn der Revierführer empfiehlt,
die Insel lieber mit der Fähre anzureisen, da die Ankerplätze
rar gesäht und dazu miserabel seien. Segler werfen ungern ihr Eisen
in Gewässer, die nicht auf der Karte mit einem kleinen Anker gekennzeichnet
sind, daher erliegen auch wir beinahe der Versuchung, diese Insel auszulassen.
Doch einen Tag vor unserer Abfahrt lernen wir Frank und Susi kennen.
Die beiden haben in Tarrafal an der Westküste der Insel eine kleine,
sehr individuelle Appartementanlage
zusammen mit den Einheimischen gebaut und schwärmen ohne Unterlass
von diesem Fleckchen Erde. Der Ankerplatz sei nicht gerade der beste
des Archipels, doch ihr Boot würde das ganze Jahr dort liegen und
es hätte noch nie Probleme gegeben.
Glücklich über die Möglichkeit mal wieder Pläne
ändern zu können, brechen wir am nächsten Tag auf nach
Tarrafal. Das Glück scheint uns hold zu sein, denn noch bevor wir
die Bucht von Mindelo verlassen haben, zappelt ein wunderschöner
Wahoo an unserer Angel, der erste überhaupt und vor lauter Glück
und Staunen lässt der Michi die gesamte Schleppangel ins Wasser
fallen
!
Schade um Fisch und Angel, doch der Rest der kurzen
Reise verläuft ohne Zwischenfälle.
Gegen Mittag taucht zwischen grau-braun-roten Felsen und schwarzen Lavazungen
plötzlich ein kleiner Flecken Grün an der Küste auf.
Eine Oase, eingeschlossen von der Steinwüste an der Südwestküste
von Santo Antao. Vorsichtig nähern wir uns mit der IRON LADY dem
Dorf Tarrafal, das verschlafen inmitten dieser Zuckerrohrfelder, Kokospalmen
und Zedern liegt.
Der schwarze Kies- und Sandstrand erscheint schon zum Greifen nah, doch
unser Echolot zeigt noch immer eine Tiefe von über vierzig Metern
an. Erst in der Nähe ein paar kleiner Fischerboote, kaum zwei Bootslängen
vom Ufer entfernt, können wir unseren Anker
in annehmbarer Tiefe fallen lassen. Keine Autos, Stromgeneratoren oder
Meerwasserentsalzungsanlagen stören die Stille, stattdessen umgibt
uns das sanfte Geräusch der Brandung, Vogelgezwitscher und die
Stimmen von spielenden Kindern.
Wind gibt es selten in Tarrafal, das an der Lee-Küste von Santo
Antao gelegen ist. Die Zeit des Südwestschwells durch tropische
Stürme oder Hurrikans im Atlantik ist jetzt, Ende Oktober nahezu
vorbei, so dass unser Boot friedlich im ruhigen Wasser der Bucht liegt.
Eine Horde
Kinder empfängt uns fröhlich kreischend an Land und sowohl
Kinder als auch Fischer helfen, dass Dingi den steinigen Strand hinaufzutragen.
Es sind keine Watchmen, Beachmen oder sonstige Helfer, die Geld verdienen
wollen, sondern freundliche Menschen, die allabendlich dasselbe Problem
haben, wenn sie ihre schweren Holzboote aus dem Wasser holen.
Erst auf Nachfrage erfahren wir, dass es in einem der Häuser direkt
am Strand Bier zu kaufen gibt, leider warm, denn Strom gibt es nur für
ein paar Stunden am Tag. Auf der Terrasse vor dem Haus sitzen wir und
werden erst mal ausgiebig bestaunt, begrüßt und in viele
kurze Gespräche verwickelt. Mit Händen und Füßen,
Spanische, Französisch und ein paar Brocken Englisch gelingt es
uns, die vielen Fragen zur allgemeinen Zufriedenheit zu beantworten.
Auf einer alten Tiefkühltruhe vor dem Haus wird gerade ein großer
Thunfisch von einem der Familienmitglieder
fachmännisch ausgeweidet und zerlegt. Frisch und lecker sieht
er aus. Unser Angelhaken ist auf der Überfahrt leer geblieben, so dass
wir versuchen, ein bisschen Fisch zu kaufen. Nur die Verständigung
gestaltet sich etwas schwierig. Doch was Mama
versteht, ist, dass wir Hunger haben, so bietet sie uns an, den Thunfisch
direkt in die Pfanne zu werfen.
Zehn Minuten später sitzen wir mit der gesamten Familie im Esszimmer
und versuchen uns Namen zu merken, während wir genüsslich
frittierten Thun und Muräne knabbern.
Wir sind jetzt Freunde, sagt der älteste Sohn, der in langsamem
Hochportugiesisch das Wort führt. Elvis,
der Jüngste mit 10 Jahren grinst verschmitzt von seinem Teller
in unsere Richtung.
Am nächsten Tag stöbert uns Simao,
Lehrer, Ladenbesitzer, Zuckerrohrschnapshersteller und Musiker beim
Schnorcheln auf. Er leitet nämlich auch die Capitania des Ortes
und bittet uns freundlich, am Nachmittag bei ihm vorbeizuschauen um
die Papiere zu machen.
Der staubige Weg durch das Dorf schlängelt sich steil hinauf in
die Berge.
Am Wegesrand tummeln sich Hühner, Esel und immer wieder Kinder,
die Wassereimer
auf dem Kopf tragen und fotografiert werden möchten.
Das Haus von Simao kennt jeder, direkt neben der Schule liegt es, mitsamt
dem kleinen Laden, den seine Frau betreibt. Im Gespräch beim selbstgebrannten
Grogue und während der amtlichen Formalitäten wird schnell
klar, er liebt sein Dorf. Gelernt und studiert hat er in Mindelo und
Praia, den Großstädten der Kapverden, doch während sein
Geschwister nach Frankreich ausgewandert sind, ist er in sein Heimatdorf
zurückgekehrt und widmet sich mit Liebe seinem Beruf als Lehrer
und, so erscheint es uns zumindest, der Aufgabe eines selbsternannten
Bürgermeisters.
Am Abend treffen wir wieder zusammen, denn unter
der großen Kokospalme direkt vor seinem Haus trifft sich Simao
mit Freunden um Gitarre zu spielen, kapverdianische Lieder zu singen
und ein Gläschen zu trinken. Unseren Versuch, gemeinsam ein bisschen
Blues zu improvisieren, geben wir unter Gelächter schnell auf.
Die Lieder der Dorfbewohner sind einfach zu schön.
Wir erfahren noch viel über das Tarrafal,
wovon die Leute leben, dass das Wasser aus einer Bergquelle stammt,
wer das Brot verkauft und wo es Angelschnur zu kaufen gibt. Unser wichtigster
Helfer ist Ildo,
ein einheimischer Fischer. Eines Morgens besucht er uns auf dem Boot,
schaut sich um, redet wenig und strahlt Vertrauendwürdigkeit aus.
Nach einem Blick auf unsere Schnorchelausrüstung erzählt er
uns von einer schönen Bucht zu Harpunieren direkt in der Nähe.
Der Weg dorthin ist eher beschwerlich, der Motor des Fischerbootes springt
natürlich nicht an, so dass Micha und Ildo das Rudern übernehmen
müssen. Ich sitze, zufrieden wie eine Prinzessin, am Bug, lausche
dem rhythmischen Klatschen der Ruder und dem Gesang unseres neuen Freundes.
Das Schnorchelrevier ist traumhaft, klares Wasser, zahlreiche Fischschwärme,
Muränen und wunderschöne Felsen. Mit antiker Maske, Schnorchel
und ohne Flossen ausgerüstet, packt Ildo das Jagdfieber, denn er
selbst besitzt keine Harpune. Er schießt Garoupas, Viejas und
sogar eine Muräne, am Ende will er uns den ganzen Fang schenken,
doch wir begnügen uns mit vier kleinen Fischen und überlassen
den Rest seiner Familie.
Mittlerweile werden wir im Dorf
mit Namen und Handschlag begrüßt. Das Wetter scheint
ruhig zu bleiben, so dass wir uns entschließen, die Lady unter
der Obhut von Ildo und Simao zurückzulassen, um die andere Seite
der Insel zu erkunden.
Mit dem Sammeltaxi, dem Aluguer, geht es
morgens um sechs drei Stunden durch die öde, aber wunderschöne
Berglandschaft
nach Porto Novo. Das Sammeltaxi ist ein Pickup, auf dessen Ladefläche
Holzbänke montiert sind, die Strasse mehr ein Steinbruch, ein Schotterweg
mit riesigen Löchern und steilen Abhängen.
Völlig durchgeschüttelt in Porto
Novo angekommen, setzt uns unser Fahrer gleich in das nächste Taxi,
diesmal ein Kleinbus, nach Ribeira Brava, damit wir nicht verloren gehen.
Die Fahrt geht in den fruchtbaren Nordosten der Insel, durch kühle
Pinienwälder, über Bergpässe und hinein in die grünen
Täler voller Zuckerrohr- und Maifelder, Obstbäume, Bananenplantagen
und Kokospalmen.
Ribeira Brava ist eine sehr lebhafte Stadt. Ausgangspunkt für viele
Reisende, die Wandertouren auf der Insel unternehmen wollen. Auf dem
Hauptplatz tummeln sich die Aluguers, die Fahrten in jegliche Richtungen
anpreisen.
Doch uns reicht es mit der motorisierten Fortbewegung. Auf unseren eigenen
zwei Beinen, die beim Segeln doch viel zu wenig beansprucht werden,
legen wir den Weg nach Ponta do Sol auf der Küstenstrasse
zurück. Ziel ist das Haus von Fatima, laut Reiseführer eine
hervorragende Köchin, die auch Zimmer vermietet.
Geboren ist sie in Ponta do Sol, hat drei Jahre in Frankreich gelebt
und vor fünf Jahren ihr kleines Restaurant und die Pension eröffnet.
Für umgerechnet 2 € pro Person bekommen wir hungrigen Segler köstlichen
Thunfisch und Reis vorgesetzt, während eine der Töchter unser
Zimmer vorbereitet.
Der zweite Luxus des Tages ist eine eiskalte Dusche, Wasser, das in
kräftigem Strahl aus der Wand sprudelt und scheinbar nie endet.
Wasser, das wir nicht vorher in Kanistern schleppen mussten. Für
Segler ein unvorstellbarer Luxus. Das letzte Mal haben wir ihn vor sechs
Wochen in einer Tauchschule auf El Hierro genossen.
Am nächsten Tag lassen wir uns mit dem Aluguer
an den Rand des Cova-Kraters fahren, um von dort durch das Tal von Paul
bis zum Meer hinabzusteigen. Der Krater wird landwirtschaftlich genutzt,
hauptsächlich Mais und Zuckerrohrfelder. Wir begegnen Bauern, die
ihre Ernte auf Eseln
transportieren, die ihre Felder nicht mit Maschinen, sondern mit antik
anmutenden Geräten bestellen.
Ein alter Bauer,
der viel Zeit als Zimmermann auf Schiffen verbracht hat, verschleudert
in ein paar Minuten alle Sätze Englisch, die er in seinem Leben
gelernt hat. Zufrieden wünscht er uns noch eine gute Reise, und
wendet sich wieder seiner Arbeit zu. Die Unterhaltung ist beendet.
Der Aufstieg aus dem Krater über den Bergpass lohnt sich, das gesamte
Tal von Paul erstreckt
sich vor uns bis zum Meer. Über 1000 Meter hoch liegt der Pass.
Der Pfad nach unten schlängelt sich steil in unzähligen Serpentinen
durch das satte Grün. Zahlreiche Kurven
und gestolperte Steine
weiter treffen wir auf den ersten Bauernhof.
Mit Stroh gedeckte Steinhäuser, die idyllisch zwischen Kaffee-
und Bananenpflanzen liegen. Doch die Idylle ist trügerisch. Die
Bauern hier gehören zu den ärmsten Menschen auf Santo Antao.
Das Land gehört nicht ihnen. Für einen geringen Lohn bearbeiten
sie in mühsamer Arbeit tagein, tagaus die Felder,
doch das Geld kassiert ein Anderer.
Der Hausherr des Bauernhofes lädt uns ein, auf den Stufen im Schatten
auszuruhen. Er bietet uns Wasser an und plaudert über das Wetter.
Seine Frau Theresa zeigt mir die Häuser, den Innenhof und verschwindet
dann, um mit ein paar Äpfeln als Geschenk wiederzukommen. Das Alter
der Beiden ist undefinierbar, vielleicht 60, 70 ? Die Gesichter sind
runzelig, die Zähne bis auf wenige ausgefallen, doch ihre Tochter,
die uns verstohlen um eine Zigarette bittet, als Papa nicht hinsieht,
ist nicht älter als zwanzig.
Vielleicht missverstehen wir auch die Familienverhältnisse, die
teils auf Portugiesisch, teils in Crioulu, der einheimischen Sprache
erklärt werden.
Doch die Herzlichkeit ihres Lächelns und der Gesten sind unmissverständlich.
Immer weiter führt uns der Weg nach unten. Im Tausch gegen Kekse
sammeln wir einen ganzen Blumenstrauß mit Blüten, die wir
von Kindern auf dem Weg von und zur Schule geschenkt bekommen. Es gibt
unvorstellbar viele Kinder hier, die Schulen sind zu klein, so dass
in zwei Schichten gelernt wird, die erste Hälfte morgens, die zweite
nachmittags.
Aus diesem Grund begegnen sie uns ständig, die Kinder. Begleiten
uns ein Stück des Weges, kichern verschämt und freuen sich
über jedes Foto, dass wir knipsen. An einer Zisterne, die zum Auffang
des Quellwassers aus den Bergen dient machen wir Rast und nutzen sie
wie die Jugendlichen, als Swimmingpool. Badeanzug wird keiner gebraucht,
auch die Einheimischen springen in Unterwäsche ins kalte, klare
Wasser.
Jede Minute, jede Begegnung dieser Wanderung
genießen wir. Die Augen leuchten, nur unsere Füße,
die feste Schuhe nicht mehr gewöhnt sind, schmerzen.
Den Rest des Weges zurück zu Fatima legen wir darum im Aluguer
zurück. Auf der Rückfläche des vollgestopften Wagens
entwickeln sich schnell Gespräche. Eine junge Lehrerin aus Mindelo
hat für ihre Schüler, die in der Stadt leben, Pflanzen als
Anschauungsmaterial gesammelt und präsentiert stolz ihre Ausbeute.
Ein Senegalese, der als fliegender Händler unterwegs ist und uns
mit seiner offenen Art und dem schönen Lächeln in Bann zieht,
erzählt von Afrika. Ein Zettelchen mit seiner Telefonnummer drückt
er uns in die Hand. Er geht zurück nach Dakar, sollte unser Anker
dort einmal fallen, wird er uns seine Stadt zeigen.
Zurück in Ponta
del Sol beim Abendessen werden wir still. So viele Eindrücke,
so viele Menschen.
Morgen führt uns der Weg zurück zur Lady nach Tarrafal,
in zwei Tagen werden wir weitersegeln.
Doch diese Insel und vor allem ihre Menschen
hat uns bezaubert, verzaubert.
Ich glaube, wir lernen gerade unsere Hemmungen im Umgang mit fremden
Menschen fallen zulassen, aus wenigen Worten und Gesten wunderbare Momente
entstehen zu lassen. Und vor allen Dingen, wie wichtig die Menschen
für einen Reisenden sind, denn sie machen die Erinnerung an ein
Land aus.
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