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Weg
...aus Brava
ein letzter Blick
Abendlichts
Segelstellung 1.
Big Blue
Dauerbeschäft.
Verpflegung
Fisch einholen
Riesendorad
Leben
M. & C.
Passagiere
einsamer Gast
Tropen
Wahoo
Nachtleben
Malkasten
Stromsparen
Skippers Blick
erste Zeichen...
Beschäftigungs...
null Boc
Ankerfall
Atlantiküberquerung

Jeder, der es noch nicht getan hat, stellt sich die sonderbarsten Dinge unter einer Atlantiküberquerung vor. Jeder, der es getan hat, ist um viel Wissen reicher, kann es aber dennoch dem Anderen nicht erklären. Ich fange einfach an von dem Ankeraufmanöver zu erzählen.

Morgens um 09:00 stehen wir schon nervös auf. Jeder meint noch an Vieles denken zu müssen. Dort aufklaren, hier verstauen und und und... Monate lang hat man auf diesen Tag gewartet, sich vorbereitet und gefiebert. Jetzt ist es soweit. Natale steht am Bug der Lady und drückt unausweichlich den UP-Knopf der elektrischen Ankerwinsch. Ratatatata... Der Gang ist eingelegt und mit drei Knoten zieht die Lady langsam Richtung West, Richtung Trinidad und Tobago. Ich greife zum Horn und blase zum Abschied. Langgezogen. Dreimal. Viermal. Ich werde diesen Moment nicht vergessen, wie die Einheimischen am Strand stehen und zurückwinken.

Beim Segelsetzten ein letzter Blick zum Land und Natale schreit: "Delfine, Delfine..." - Schöner kann ein Abschied nicht sein. Wir schauen uns an. Jetzt kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen. Oder ?

Es folgt NE - Wind. Anfangs noch durch die Bergmassen der Insel Brava, unserem Ausgangsort auf den Kapverdischen Inseln, begünstigt und als Düse verstärkt, schiebt er die Lady auf raumen Kurs Richtung West. Der erste Tag ist aufregend. So lange kein Land mehr. Unvorstellbar ziehen die Gedanken an uns vorbei. Es ist wie ein Traum, aus dem man irgendwann einmal aufwachen wird. Ob uns seekrank wird ? Werden wir andere Schiffe sehen ? Es sind tausende von Gedanken, die durch unsere Köpfe ziehen. Und, es werden noch mehr werden.

Der erste Tag, die erste Wache. Acht bis Zwölf. Allein auf See. Es ist warm. Im T-Shirt sitze ich in der Plicht mit der Rettungsweste zum Boot verbunden. Meine Nabelschnur. Natale würde nie merken, wenn ich beim Pinkeln über Bord falle und mein Leben wäre sicherlich zu Ende. Das wollen wir vermeiden. Das Abendlicht steht am Bug des Himmels. Ja, im Westen geht die Sonne unter, und wir wissen, es ist der richtige Weg. Die ersten Wachen wechseln und ich weiß wieder, was ich am Segeln so abgrundtief verabscheue, den fehlenden Schlaf. Aber Natale und ich, wir arrangieren uns, wir sind ein eingespieltes Segelteam, bei dem es trotzdem keine Probleme gibt. Ich glaube einmal auf der Fahrt haben wir uns kurz anfaucht, weniger Minuten später aber wieder einander in den Armen gelegen.

Am nächsten Morgen setzten wir die Segelstellung Eins die uns, wir wissen es zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, für die nächsten 10 Tage bis zur Mitte unserer Strecke begleiten wird. Ab jetzt wird aus der Aufregung Alltag, aus dem Besonderen etwas Normales. Durch die Wachen ist auch tagsüber eigentlich immer einer von uns in der Koje, oder wir dämmern so vor uns hin. Natale liest zum Beginn erst einmal ein paar Bücher, ich dagegen verfalle ins Löchergucken. Löcher in den Himmel, ins Wasser und wieder in den Himmel usw. Das Ganze sieht dann so aus.

Ab nun beginnt die Zeit des: "Wir segeln über den Atlantik". Sonst passiert wirklich nichts. Rein gar nichts. Wir ändern keine Segel, höchstens die Stellung der Schoten um das Schamfilen des Tauwerks zu verringern. Ja und so vergehen die Tage. Kein Fisch beißt, die Passatwölkchen ziehen über uns hin, der Wind bläst stetig mit 3-4 von achtern. Wir segeln auf einer blauen kreisrunden Scheibe. Ganz allein. Andere Boote sehen wir nicht. Die Dauerbeschäftigung ist lesen und das berühmte Löchergucken in Himmel und See. Die Verpflegung beginnt langweilig zu werden. Es gibt Reis mit Tomatensauce, Nudeln mit Tomatensauce (beides macht Natale unschlagbar gut), aber irgendwann wünscht man sich auch noch etwas anderes als Bananen.

Etwa ab Mitte des Weges ändert sich alles. Das Wetter ändert sich. Gewitterbänke erscheinen am Horizont und ziehen über uns weg. Dabei dreht der Wind von Nord über Ost nach Süd. Flaute und Böen auf 6 sind die Regel. Erst einmal am Tag, später bald alle paar Stunden werden wir durchgerüttelt.

Aber das Ganze hat auch eine gute Seite: Unsere erste Dorade. Natale sieht die Schleppangel zuerst anreißen. Wir arbeiten in Teamwork. Natale rollt die Angel vorsichtig herein. Wie immer ist alles ja viel detaillierter im Logbuch nachzulesen. Die Riesendorade ist an Deck und ab sofort Fisch. Sieben Tage lang... "Was sollen wir trinken, sieben Tage lang, was sollen wir trinken sieben Tag..."? Das Problem mit der Frischfleischverpflegung hat sich gelöst.

Beim Einkochen des Fisches schmeißt Natale die Reste immer aus der Küchenluke. Ich sitze in der Plicht und schaue mal wieder Löcher in Himmel und See. Plötzlich ein Schatten im Kielwasser. Ich traue meinen Augen nicht. Ein mindestens drei Meter langer Marlin folgt sachte dem Boot. Deutlich zu erkennen, die Seitenflossen und die senkrechte Schwanzflosse. Unglaublich. Natale kommt dazu. Er bemerkt uns und zieht seines Weges. Toll. Und auf See hat man dann erst einmal einen halben Tag Zeit dieses Erlebnis zu verdauen, zu genießen. Toll.

Am nächsten Tag zieht gerade mal wieder ein Gewitter über uns her und wir voll im Stress. Segel rein, Segel raus, Wind von steuerbord, von hinten, von backbord... Boah, wat ´nen Stress und dann reißt die Schleppangel am Gummizug, was das Zeug hält. Wir wollen es kaum glauben. Ein kleiner Marlin, wohl anderthalb Meter lang. Bis zum Boot bekommen wir ihn, dann reißt er sich von der Angel. Vor lauter Staunen, war ich zu langsam mit dem Gaff. Sollte wohl so sein.

Das Leben nimmt wieder seinen normalen Lauf und ein neues Ereignis reißt uns aus unserem kleinen Lady-Alltag. Eine Gruppe von sechs Silberreihern, auf dem Weg nach Afrika kommt zu Besuch. Erst umschwirren sie das Boot und spielen sich ein bisschen schüchtern auf, worauf aber später die Besetzung unseres Großbaumes wird und die Bescheißung unserer Lady. Uns soll es recht sein. Immer wieder wird An- und Abflug vom Baum und Reling geprobt, jedes Mal mit lautem Geschnatter und Gekreische. Party auf der Lady. Einen Reiher vergessen die anderen und er bleibt über Nacht. Mit dem Morgenlicht verschwindet auch er nach Afrika.

Das Wetter wird weiter schlechter und mit Sorge betrachte ich auf den Wetterfaxkarten die Entwicklung eines Hurrikans. Dazu ist es ja eigentlich viel zu spät. Die Zeit der Hurrikans ist doch schon längst vorbei. Der Wirbelsturm bekommt vom Wetterdienst den Namen Olga und sie wird uns für die nächsten Wochen ganz schön auf Trab halten. Vom typischen Ostpassat ist keine Rede mehr. Ein Wolkenband von der Mitte des Atlantiks, unserem Standort, bis fast zur Küste von Tobago baut sich auf. Gewitter, Gewitter und wieder Gewitter. Unser Regenzeug wird zu Dauerkleidung.

Letztendlich ziehen wir noch einen Wahoo an Deck, der mit seinem Feinschmeckerfleisch uns die Tage und Nächte versüßt. Köstlich.

Danach: Drei Tage wüstes Wetter, davon ein Tag Sturm. Acht Windstärken blasen aus Süd und zwingen uns zum Ablaufen. Nun ja. Kurs Tobago liegt an, also nicht weiter schlimm. Wir verkriechen uns ins Innere. Die Lady ist ein sicheres Schiff und nichts passiert. Nur mit der Belüftung haben wir Probleme. Da die See von achtern über das Deck bläst können wir keine Luken aufmachen. So entsteht eine Sauna im Salon, dass einem fast die Luft zum Atmen fehlt. Hmm. Da muss noch etwas geändert oder verbessert werden.

Irgendwann sind wir unter dem Wolkenband durch, können wieder das Abendkino an Deck genießen. Malkasten Natur gibt ihre Künste sichtbar am Himmel zum Besten und immer wieder sind wir begeistert mit Sundowner am Vordeck anzutreffen um den Einbruch der Dunkelheit auch gebührend zu feiern.

Durch die ganzen Wolken haben wir Stromerzeugungsprobleme und ein Simmering der Hydrauliksteuerung geht zu Bruch. Warum passiert so etwas immer auf hoher See ? Na ist doch klar. Damit man nicht aus der Übung kommt beim Reparieren. Über OrbComm können wir geschwind die entsprechenden Ersatzteile bestellen. Wir schalten um auf die Pendelsteuerung, die direkt auf die Notpinne aufsetzt, also ohne Hydraulik und wegen ständiger Flauten kommt statt Windpaddel einfach einen kleine Autopinne daran. Wir nennen sie Doris. Doris kommt noch groß raus. Doris steuert uns den Rest des Weges durch alle Winde, brav und stromsparend.

Der Skipper erblickt irgendwann die ersten Landzeichen und Natale kann keine Bücher mehr sehen. Also werden Tausendfüssler geknüpft und die Ankunft sehnsüchtig erwartet.

"Ganz ehrlich. Ich hab kein Bock mehr. So lange Zeit auf See. Ich will nur noch ankommen. Nichts ist mir wichtiger in meinem Leben.", so denkt man 40 nautische Meilen vor dem Ziel. Und nicht anders.

Nach dem Ankerfall gibt es nur Eines. Schlagartig Anlegeschnaps trinken, Sekt darübergießen. Fünf Minuten auf Wirkung warten und in die Koje fallen. Schlafen. Schlafen. Schlafen...

Etmale der Atlantiküberquerung:
15.11.01 => 112 nm
16.11.01 => 109 nm
17.11.01 => 112 nm
18.11.01 => 094 nm
19.11.01 => 119 nm
20.11.01 => 115 nm
21.11.01 => 114 nm
22.11.01 => 122 nm
23.11.01 => 104 nm
24.11.01 => 101 nm
25.11.01 => 113 nm
26.11.01 => 121 nm
27.11.01 => 108 nm
28.11.01 => 127 nm
29.11.01 => 116 nm
30.11.01 => 100 nm
01.12.01 => 119 nm
02.12.01 => 135 nm
03.12.01 => 134 nm (95bis Ankunft) => 2136 Seemeilen gesamt

2136 Seemeilen in 449 Stunden
4,76 Knoten Durchschnitt
Durchschnittsetmal: 114 Seemeilen

62 Motorstunden ca. 310 Seemeilen


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