Ein Sandhaufen im Atlantik Sal / Boavista
Endlich ist Europa fern von uns. Die Zeit des Wartens auf den Kanarischen Inseln hat ein Ende und die Überfahrt auf die Kapverdischen Inseln hat super geklappt. Immer wieder kommt es mir wie ein Wunder vor, wenn man nach vielen Seemeilen das Dinghi zu Wasser lässt, die Seekuh (unser 2 PS Yamaha AB) draufschraubt, an Land fährt und - schlussendlich wieder Land unter den Füßen hat. Ein unbeschreibliches Gefühl, ein Blick zur Lady und der Gedanke: "Wir sind hier angekommen. Wir sind nicht untergegangen. Genial. Wir haben es überlebt." In manchen Momenten kommt es einem nämlich so vor, als wenn die Wasserberge um einen herum nie enden werden.
Aber gut. Die Insel Sal begrüßt uns mit Wolken und Regen. Offizieller Einklarierungshafen der Insel ist Palmeira und genau dort ist auch unser Anker gefallen. Links liegt die Pier mit lärmenden Menschen, die alles, aber auch alles, was mit der Fähre geliefert wird, mit den Händen abladen. Den Geräuschpegel von quiekenden Schweinen, gackernden Hühnern und schreienden Menschen kann man sich wohl gut vorstellen...
In der Mitte des Ortes befindet sich eine Müllabladestelle und rechts davon die Pier mit lauter Jugendlichen, schwarzen Menschen, die alle nichts anderes wollen, als unser Dinghi zu klauen, oder ? ;-) Wollen sie gar nicht, aber das wussten wir ja nicht sofort. Abschließen ? Nun. Nein. Wir vertrauen. Nichts wird passieren, außer das die Kinder unser Dinghi zum spielen haben wollen. Ein ungeschriebenes Gesetz auf den Kapverden: Dinghis sind offiziell zugelassenen Kinderspielplätze und gehören allen.
Im Hafen liegen eine Menge Segler aus allen Städten der Erde. Bliebe man länger hier, würde man zwangsläufig alle kennenlernen. Doch uns war es auf den ersten Blick zu unsympathisch. Ein paar Wochen später werden wir anders darüber denken, aber eben erst ein paar Wochen später.
Wir streunen einen bisschen durchs Dorf, erledigen unseren Papierkram, fahren vorbei an traurigen Vororten zum Flughafen, um Einzuklarieren und müssen leider unsere Papiere bei der Hafenmeisterei lassen, weil wir als nächsten Ort nicht die nächste Insel angeben, sondern Santa Maria im Süden der Insel. Deswegen müssen wir noch einmal zurückkommen um unsere Papiere zu holen. Frisch auf der Insel und schon dazu gelernt !
Zurück im Ort erleben wir das erste Mal die Freundlichkeit der Einheimischen. Eine Herde Jugendlicher hilft uns beim Wasserholen am Brunnen des Dorfes. Bevorzugte Transportgefäße sind leere Antifoulingeimer von Hempel (hochgiftige Unterwasserfarbe, die den Bewuchs des Schiffsrumpfs verhindert), auf die wir dankend verzichten. Ein paar mitgebrachte Kanister tun es auch. Mit lautem Trara geht es zum Pier und die Jungs verweigern Geld anzunehmen, sind fast beleidigt. Aha !
Der Weg nach Santa Maria, einem etwas touristischeren Ort an der Südküste der Insel Sal ist in ein paar Stunden geschafft. Dort gibt es keinen speziellen Ankerplatz in einer ruhigen Bucht, sondern die Küste ist wie geschaffen, um einfach platt davor rumzuliegen. Der Schwell ist für alle da, und wir dürfen mitwackeln. So ist das im Atlantik. Das darf einen auf den Kapverden nun wirklich nicht stören.
Wir schauen uns nach einer Tauchschule um, da die Blauwasser Redaktion einen Tauchbericht angefragt hat und landen schließlich bei Michael von www.stingraydive.com. Wir erklären ihm unser Anliegen und er will uns zum Teil persönlich die Insel von der Unterwasserseite her zeigen. Hieraus ist der Tauchbericht aus dieser Zeit entstanden. Den Abschluss dieses Besuchs bildete eine Jeeptour zu den schönsten Tauchplätzen der Insel. Ein Besuch der Salinen, ein Mittagessen, viel Staub um die Nase und ordentlich Stickstoffsättigung, eine Tour nach unserem Geschmack.
Espargos, die größte Stadt der Insel in der Nähe des Flughafens zeigte uns erstmalig afrikanische Lebensweisen auf der Straße. Wir stöberten durch die Läden, verglichen Preise und gewöhnten uns fast unmerklich daran nun Fahrtensegler zu sein, mit dem ganzen Drum und Dran. Ganz schön eigenartig was da in unseren Köpfen vorging und immer noch vorgeht.
Boa Vista, die einen Tagestörn südlich gelegene Insel nahmen wir dann schon viel gelassener in Angriff. Zentrum der Insel bildet das Dorf Sal Rei. Das Dorf ist genau wie die von Traumstränden umrandete Insel fest in italienischer Hand. Der Tourismus wird vom fernen Europa aus aufgebaut und in einigen Jahren wird es hier zugehen wie auf den kanarischen Inseln. Nördlich von Sal Rei sammeln sich Berge von Bierdosen und werden von jedem Sturm ins Meer getragen. Zeichen der Zivilisation. Schade, dass die Insel so dreckig war zu unserer Besuchszeit.
Die ersten Tage in Boa Vista vergehen ruhig mit Arbeiten am Boot und Erkundigungen der näheren Umgebung. Das Dorf hat einen sehr starken portugiesischen Einschlag. Die Häuser sind im portugiesischem Stil gebaut und wenn auch verfallen, so doch einfach wunderschön. Das Flair der Insel überrollt uns, ohne das wir es merken. Wieder sind es die Kinder der kapverdischen Inseln, die alles einfach verzaubern.
Die Hitze auf der Insel ist unglaublich, doch langsam gewöhnen sich unsere Körper daran. Wir ziehen durch das Dorf und können teils einfach nicht weitergehen, setzten uns auf eine Mauer, in den Schatten oder beobachten die Menschen bei ihrem Tun und Treiben.
Wir lernen die hübsche französische Gael und ihren total verrückten Mann Philipp kennen, bei dem es um 11 Uhr morgens schon Whiskey zur Begrüßung auf dem Boot gibt. Ein Kind haben die beiden auch und die dazugehörige Oma ist gerade zu Besuch da. Platsch, da wird es dunkel über dem Hafen von Sal Rei. Unser erster afrikanischer Sandsturm geht über unsere Köpfe hinweg. Wow ! Es wird dunkel und rotes Licht dominiert. Freund Hannes geht auf seinem Kat in die Drift durch den Hafen und in einer gekonnten Rettungsaktion bewahrt der Skipper den Kat vor der Hafenmauer, während die Capitana einen Jugendlichen mit seinem Surfboard und Fischfang vor dem Abtreiben rettet. So ist das. Eine Stunde später ist der ganze Spuk vorbei. Der Himmel zeigt sich wieder von seiner blauen Seite.
Mit Gael und Philipp verlegen wir aus dem Hafen vor die vorgelagerte kleine Insel von Sal Rei. Dort liegt die FULLBECK. Die Geschichte dieses Schiffes zu erzählen würde alleine schon wieder ein ganzes Buch füllen. Als Basisstation eines Investors wartet das Schiff auf seinen Eigner der einen Segelbootverleih auf Boa Vista gründen will. An Bord ein vierzigjähriger schwerer französischer Krokodiljäger "Fifi" und sein englischer Kapitän, Schrauber und sechzigjähriger Kumpane "Dave". Da die beiden keine der anderen Sprachen beherrschen unterhalten sie sich eben auf Spanisch. Ein Paar, reif für den Film. Fifi kann kochen wie ein König und das tut er auch für alle. Eine Party jagt die nächste, auf denen wir dann die beiden Einhandsegler "Carry" (englisch) und "Jean Marc" (französisch) kennenlernen. Leute zum Liebhaben. Anders kann man das nicht nennen. Wir finden uns alle nett und gemeinsam leihen wir uns ein Auto für einen Tag um die Insel zu erkunden.
Boa Vista zeigt sich von seiner bekannten Seite. Steine, Steine, Steine. Wir verbrennen uns gemeinsam die Köpfe und besuchen den fantastischen Strand von Santa Monica.Bewundernswert. Ohne viel Worte und trotzdem eindeutig glücklich verläuft die Reise über Boa Vista. Einsame Buchten säumen unseren Weg, typische kapverdischen Dörfer werden im Staub des Jeeps undeutlich und Steine säumen die Strände, die wir besuchen.
Zu guter letzt verabschiedet sich unsere Seekuh. Die Kinder schütten sie von hinten mit Sand voll und der Steuerhebel bricht ab. Mecanico Miguel muss ans Werk. Nach einem halben Tag Arbeit, Tränen, Liebe und wilden Sexszenen läuft die Seekuh wieder und alle sind glücklich.
Schon soll die Reise weitergehen. Philipp verabschiedet sich mit einem lauten Alohaa ! Und ich veröffentliche noch einmal mein Lieblingsbild aus dieser Zeit, entstanden am Strand von Santa Monica. Ich und meine Prinzessin. Vollkommen verrückt. Aber glücklich ! Sehr glücklich.
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