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Curacao - Ein Loch in der Lady
Kurz nachdem Mark die Lady verlassen hat, machen auch wir uns auf den Weg zu neuen Ufern. So schön die Riffe sind, jeden Tag eine Stunde den lärmenden Kompressor laufen zu lassen, muss auch nicht sein und außerdem wartet Arbeit auf uns. Die Preise auf der nächsten holländischen Antilleninsel Curacao sollen auch ziviler sein, keine Frage also, wir ziehen weiter!
Ausklarieren geht schnell und unkompliziert, die Nacht verbringen wir mit der Lady an einer Tauchmouring in Klein Bonaire. Am nächsten Morgen segeln wir mit frischem Wind nach Curacao, ein Tagestörn. Ziel ist die Lagune Spanish Waters, die nur durch einen schmalen Kanal mit dem karibischen Meer verbunden ist. Die Holländer scheinen wirklich eine Vorliebe für Binnengewässer zu haben, intuitiv suchten sie sich ausgerechnet Curacao aus und hatten damit ihr Ijsselmeer in der Karibik ;-)
Schon die Fahrt durch den schmalen Kanal erinnert uns an unsere lange Zeit am Ijsselmeer, Gut, die Vegetation ist anders, trockener, karibischer, doch die Häuser am Ufer, das bunte Treiben von Surfboards, Jollen und Hobbiecats und die vielen Fahrtenschiffe mit niederländischer Flagge lassen uns glauben, wir wären seit der Abfahrt aus Amsterdam nicht viel weiter gekommen! Über Spanish Waters thront der Tafelberg. Tag und Nacht schickt er Fallwinde über die Lagune und beschert somit den Wassersportlern phantastische Bedingungen ohne den rauen Seegang an der Küste.
Es gibt gute und teure Marinas mit Wasser, Strom und goldenen Klampen und für die Fahrtensegler den Ankerplatz vor Sarifundys. Eine kleine Kneipe mit schwarzem Brett, bookswap, happy hour, Waschmaschine und einem organisierten Bus zum Supermarkt. Mehr braucht man nicht.
Viel mehr gibt es auch nicht, rund um Spanish Waters, eine Rundfahrt mit dem Dinghi zeigt schnell, dass um uns herum die Creme de la Creme der Insel residiert. Reihenweise Ferienbungalows mit Anlegesteg für Segelboot, Jolle, Motorboot oder gleich alles zusammen. Sehr idyllisch, aber ne Nummer zu fein für uns. Die Terrassen und Gärten sind meist leer, bis auf die einheimischen Gärtner und Hausmeister. Nur an den Wochenenden beleben sich die feinen Villen.
Es gibt einen Bus, der diese Lagune mit dem restlichen Curacao verbindet, doch der fährt nur alle zwei Stunden und auch nur bis zur Hauptstadt Willemstad. Inselentdeckungsfahrten sind ohne Auto kaum möglich. Doch für uns ist es fast besser so, denn wir haben eine Mission. Die Lady hat ein, oder besser mehrere Löcher im Rumpf, vorne am Ankerkasten, wo sich über Jahre ein kleines Rinnsal durch den Stahl gefressen hat. Am Hauptankerplatz ist es zu windig, so verholen wir in die Kabritenbucht, gut geschützt durch einen Hügel. Auch die Momo mit Peter und Serena liegt schon hier, Freunde aus Trinidad. Ihre Mission lautet: Ausbau der Vorderkoje. Zwei Arbeitsschiffe nebeneinander, das gibt Auftrieb und Motivation.
Den ganzen Tag hört man Bohrer, Schleifhexen, Sägen und andere Werkzeuge bei der Arbeit. Während Micha in den Tiefen des Ankerkasten versinkt, lackiere ich das Holz im Cockpit und streiche. Eimerweise Farbe und Lacke werden verbraucht, auf der Momo sieht es nicht anders aus. Da wir gerade dabei sind, Geld auszugeben, gönnen wir uns eine neue Ankerkette, denn die alte hat den Namen Kette schon gar nicht mehr verdient. Abends hacken wir unseren Unmut über Staub, Dreck und Rost ins Logbuch.
Doch wer arbeitet, muss auch ausruhen. Sonntag bleibt Sonntag, der Strand ist nah. BBQ in kleinen Ankerbuchten mit der Fahrtenseglergemeinde, die Besichtigung einer kolonialen Ruine, Serena und ich trinken am Abend Campari-O am Strand, während Micha mit Peter an der Beachbar sitzt. Auch die Tauchreviere in erreichbarer Nähe sind sehr schön. Wir laden uns den ganzen Pröll auf den Rücken, fahren mit dem Dingi an den Steg, latschen wie die Aliens durch das Beachresort mit sonnenverbrannten Holländern und lassen uns nach 10 Minuten Fußmarsch am Außenriff ins Wasser plumpsen. Glück gehabt, heute liegt am Wrack des Tugboats, wo die angefütterten Yellowfinsnapper in Schwärmen warten, kein Kreuzfahrtschiff vor Anker. Es ist zum Piepen, alle paar Tage werden ungeübte Kreuzfahrer in kleinen Lancias zum Schnorcheln rausgefahren. Um den Hals tragen sie lange Schaumstoffröhren, um nicht unterzugehen. So lustig das Schauspiel ist, tauchen gehen wir lieber alleine.
Die Arbeiten am Ankerkasten, an Rostbeulen und abgeblättertem Lack gehen voran. Zwischendurch nehmen wir immer mal wieder den Bus Richtung Willemstad. Auch hier wieder Parallelen zum Mutterland. Ein großer Kanal mit einer gewaltigen Schwimmbrücke teilt die Stadt in zwei Hälften, von dort aus führen unzählige Kanälchen in die Stadt. Auf dem Wasser schaukeln die Boote der schwimmenden Händler aus Venezuela, die Obst und Gemüse verkaufen. Holland pur, die buntbemalten Häuser, enge Gassen, überall Heinekenschilder, nur die Menschen sind anders. Ein buntgemischtes Stadtbild. Schwarze, Weiße, Inder und Indios bevölkern die Strassen. Genauso bunt wie die Bevölkerung ist die Sprache. Auch wenn Holländisch die offizielle Amtssprache ist und man überall mit Englisch durchkommt, die Einheimischen sprechen Papiamentu, eine Mischung aus Holländisch, Spanisch, Englisch und einer Reihe von afrikanischen und indischen Dialekten.
Am Osterwochenende lassen Serena und ich unsere lauffaulen Männer zu Hause und machen uns alleine auf den Weg nach Otra Banda. Otra Banda ist der Teil Willemstads, in dem nur farbige Einheimische leben. Schon mehrere Aufstände gegen die Lebensbedingungen auf der Karibikinsel nahmen dort ihren Anfang, teilweise mit blutigem Ausgang. Auch heute noch ist Otra Banda eher ein armes Viertel. Es gibt enge Gassen und Strassen, die man alleine nicht entlanglaufen sollte. Die Häuser sind teils zu Ruinen verkommen. An einigen Stellen fließen Regierungsgelder, um Wohnraum zu schaffen, doch generell sieht man die Armut. Wie so oft werden wir von Kindern begleitet, die uns fast bedrängen, Fotomodell spielen zu dürfen.
Doch heute sind wir hauptsächlich wegen der Parade in Otra Banda. Kein Touristenereignis, keine von irgendwelchen Reisegruppen gesponserten Aufführungen, sondern eine traditionelle Parade der farbigen Bevölkerung. Auf der ganzen Insel gibt es Gruppen, die das ganze Jahr die Tänze und Lieder üben, Kostüme nähen und sich auf diesen Tag vorbereiten. Ein bisschen wie Karneval, doch hat der Sinn dieses Festes eher etwas mit Erntedank zu tun.
65 Wagen mit jeweils bis zu 100 Musikern und Tänzern ziehen in farbenprächtigen Kostümen, die an die Kolonialzeit erinnern, durch die Strassen. Auf den Bürgersteigen stehen Stühle, Bänke, teilweise sogar Sofas, alle aus den angrenzenden Häusern herbeigeschleppt. Um einen Platz muss man schwer kämpfen, denn jeder hat Verwandte und Freunde in der Parade, die es zu sehen gilt.
Die Musik lässt deutlich die afrikanischen Ursprünge erkennen. Ein starker, eingehender Rhythmus, der auf Instrumenten aus Spaten und Trommeln gespielt wird. Der Gesang mehr ein Sprechgesang auf Papiamentu, teils im Chor, teils Solo. Die Kinder fangen früh an in den Gruppen mitzutanzen und so manches 10-jähriges Mädchen hat den verführerischen Hüftschwung der Grossen schon perfekt im Blut. Die Jungen dagegen machen eher stocksteif gute Miene zum bösen Spiel.
Nach fünf Stunden können unsere Ohren und Füße nicht mehr, müde kämpfen wir uns durch die Menge zur Bushaltestelle zurück, zurück nach Spanisch Waters, wo die Weißen ihre Domizile haben. Hmm, bisher haben wir noch auf keiner Happy Hour, keiner Beachresortparty soviel Spass gehabt, wie an diesem Tag in Otra Banda...
Die Zeit auf Curacao neigt sich langsam dem Ende zu, die Lady ist wieder dicht, wir kennen jeden einzelnen Segler in Spanish Waters und Kolumbien ruft.
Viele Wege trennen sich hier, der größte Teil der Segler rast Richtung Panama Kanal, es ist bereits April und viele wollen noch in die Südsee. Gerüchte über Preisanstieg für die Kanalpassage beschleunigen die Abfahrt. Daniel und Malin aus Schweden fahren hoch Richtung Norden, die Momos bleiben um Geld zu verdienen, die Maioke wird verkauft und die Triton kommt in Venezuela für eine halbjährige Pause aus dem Wasser.
Wer weiß, wen wir wann und wo noch mal wiedersehen werden...
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