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Kava und Korallen - Fiji

Bröttbröttbrött..... spiegelglatte See, kein Lüftchen und wir jagen einen Liter Diesel nach dem nächsten in diese wunderschöne Welt und warum? Der Malte kommt. Und wir sind mal wieder zu lange hängen geblieben. Es hilft nichts, da müssen wir durch. Fast 48 Stunden Flaute und plötzlich, mit dem einsetzenden, langersehnten Südost, schreibt unser Kommender Gast, sorry, Missverständnis, Zeitverschiebung nicht beachtet, komme zwei Tage später. Knirsch. Doch man wird ja für vieles belohnt im Leben, unsere besteht aus stetigem Wind und fast stündlichem Fischfang. Nach ungefähr drei Tunas und zwei Doraden konfisziere ich die Angeln und spreche dem Skipper ein Fischverbot bis zur Ankunft aus.

Ankunft? Ankunft im Regen in Suva, der Hauptstadt von Fiji. Nach Papeete, eine der größten und quirligsten Städte des Pazifiks. Hier gibt es die University of the South Pacific und eine kosmopolitische Bevölkerung. Neben den Fijianern leben auf Viti Levu, der Hauptinsel, viele Inder, dazu kommen Chinesen, Europäer und all die anderen Pazifikvölker, die wegen Studium oder Arbeit hier sind.

Bula Fiji. Bula heißt von Guten Tag bis abgefahren, cool oder anderen Zuständen so ziemlich alles. Liegt man nie mit verkehrt. Wir ankern vor dem Royal Yacht Club und werden außer von kühlem Bier auch gleich von der ewig lächelnden Queen in Kronjuwelen begrüßt. In Bildform über der Theke natürlich. Fiji ist eine ehemalige englische Kolonie, sieht man an der Flagge, dem Linksverkehr, den Indern, der Queen und den Uniformen der Kellner im Club. Dieses Clubgehabe war mir schon immer etwas suspekt. Epauletten auf den Schultern und all diese seltsamen Regeln, die es zu beachten gilt. Micha erwischt es fast mit dem Bezahlen einer Lokalrunde, da er vergessen hat, die Mütze abzunehmen. War Gott sei Dank noch früh und außer dem Senior Barmann keiner da.

Da sind wir also, in Suva, schaffen es über die spiegelverkehrte Strasse, in ein Taxi und ins Zentrum. Laut. Laut und bunt und viel. Es ist November und bald steht Divali vor der Tür. Das ist das Lichterfest der Hindus, das mit genauso viel Pomp und Deko gefeiert wird, wie unser Weihnachten. Also auch hier mitten im Pazifik kurz vor Weihnachten Lichterketten ohne Ende und Sonderangebote. Vor allem natürlich Saris und bunte indische Seidenstoffe. Zwischen all der Farbenpracht ein Elektronikgeschäft neben dem anderen, Billigimporte aus Taiwan, Hongkong usw. Uhren, Schmuck und Gold. Hier gibt es alles, und alles günstig. Bis es kaputtgeht wahrscheinlich, aber das hält uns nicht davon ab, einen MP3 Player zu kaufen für all die tolle Musik, die Malte in ein paar Tagen mitbringen wird.

Nach ein paar Stunden Lauferei sind unsere Augen und Ohren erschöpft. Zu dem reichhaltigen Angebot kommt die ständige Beschallung mit indischem Pop und die Straßenhändler, die versuchen ihre Souvenirs, die wir nicht brauchen, an den Mann zu bringen. Nein, wir brauchen keine Menschenfressergabel oder Gehirnpicker oder Bambusspeere, auch nicht mit eingeschnitztem Namen drauf.

Man freut sich fast wieder auf den distinguierten Yachtclub, bis man feststellt, dass Rugby, England gegen Australien oder so, läuft. Dann ist es nämlich vorbei mit den guten Manieren. So sieht es aus. Auch nicht anders als ein Fußballspiel, nur dass auf dem Bildschirm noch mehr gekloppt wird, gehört ja schließlich zum Spiel. Wir Sportbanausen ziehen uns auf die Lady zurück. Es regnet übrigens. Nicht ständig, aber stetig, immer wieder. Der Himmel ist grau, jeden Tag essen wir unsere Teller leer und hoffen das Beste für Malte, der in ein paar Tagen eingeflogen wird.

Gut, dass wir in den letzten Jahren das Handeln gelernt haben. In zähen Verhandlungen mieten wir einen uralten Pickup, der in Deutschland wahrscheinlich sogar Probleme hätte, durch den TüV zu kommen, doch wir sind nicht wählerisch. Der Wagen ist günstig, Malte kommt mitten in der Nacht, ich glaube es war vier Uhr, an und so können wir schon am Tag davor einmal quer über die Insel nach Nadi fahren. Typisch Micha und Nathalie, natürlich die kleinen Seitenwege, wofür hat man denn sonst einen Allradantrieb. Doch wir sind etwas enttäuscht, die Berge sind braun und vertrocknet, die Dörfer ärmlich und dreckig und Brandrodung hat überall seine Spuren hinterlassen. Ein Einheimischer, den wir ein Stück mitnehmen erzählt zudem, dass große Stücke des Waldes schlichtweg abgebrannt werden, um die Wildschweine aus dem Wald zu treiben und zu jagen.

Um Nadi herum ist das Zentrum des Fijitourismus. Hier liegt der internationale Flughafen und von hier gehen Fähren, Speedboats und kleine Flieger auf die Trauminseln, die Mamanucugroup. Inselressorts mit den typischen Stelzhäusern im Meer und üppigen tropischen Buffets. Ein Hotel reiht sich ans nächste, in einem kitschig, puffig beleuchteten können wir ein Zimmer für ein paar Stunden mieten, die halbe Nacht, dann geht es zum Flughafen.

Malte ist weiß, übernächtigt, wundert sich, wo das Meer ist und dass es bis zur Lady noch fast vier Stunden Pickupfahrt sind. Die Küste im Süden von Viti Levu reißt unseren Gast nicht gerade vom Hocker, aber das Abenteuer kommt sicher noch früh genug. Es regnet immer noch. Und es regnet weiter. Die ersten vier Tage haben wir Schwierigkeiten, unserem Gast das Leben in Fiji schmackhaft zu machen, die laute Exotik von Suva hat sich schnell erschöpft, auch das Museum, das sehr anschaulich Fijis Kannibalenvergangenheit inklusive Esswerkzeuge und Rezeptvorschlägen zeigt, ist in ein paar Stunden durchlaufen.

Nach vier Tagen kennen wir nichts mehr. Ortswechsel, auf zur 16 Seemeilen entfernten Insel Bequa, einem Tauchparadies. Die Fahrt ist rau und ruppig, Malte wird kotzübel, ist wohl doch ein bisschen viel, hoch am Wind bei 20 Knoten für ne Landratte. Tapfer leidet er in der Seekoje, bereit alles zu tun, um der Grosstadtfalle Suva zu entkommen und das Paradies zur erreichen.

Bequa - tief eingeschnittene fjordartige Bucht, ein kleines Dorf am Ufer, gut geschützt vor den kräftigen Südostwinden, der nach wie vor Wolken und Regen über die Inseln bringt. Doch Maltes Stimmung bessert sich, die Berge rundherum sind wunderbar grün, es riecht tropisch, die Hängematte wird aufgehängt und das erste Urlaubsentspannungsgefühl stellt sich ein.

Wolkenverhangen ist auch der nächste Tag, doch wir beschließen einstimmig, das Wetter zu ignorieren und verlegen zum Saumriff. Ein klitzekleines Kokospalmenstrandinselchen lockt, der Ankerplatz ist rollig, aber was macht das schon. Tauchen ist angesagt. Malte, mit seinem frisch im Gasometer Oberhausen erworbenen Open Water Diver hat noch nie in seinem Leben einen Fisch gesehen, außer in der Bratpfanne oder dem Zoogeschäft. Das soll sich ändern. Die Jungs bibbern im Regen, während sie sich ins Neopren quetschen, die Lady ruckelt bei fast einem Meter Welle am Ankerplatz. Platsch ins Wasser und eine halbe Stunde später sitzt ein tauchbreiter Malte rundum glücklich im Cockpit. Nachmittags wiederhole ich das Spielchen mit Malte, unter Wasser ist es so wunderbar ruhig und friedlich, ganz anders, als an Deck der Lady.

Wir werden belohnt, die Sonne lässt sich blicken und wie von Zauberhand sitzen wir auf einmal im Paradies. Das Grau in Grau weicht einem glitzernden Farbenmeer, Malte ist nicht zu halten und innerhalb weniger Minuten an Land auf seiner ersten einsamen Insel mit Palmen. Seltsame Juchzlaute dringen aus der Ferne an unser Ohr. Wir haben Glück, das schöne Wetter beginnt. Nun heißt es Tauchplätze suchen. Zurück in die Bucht und ins Ressort, dort sitzt eine Tauchschule, die wissen mit Sicherheit, wo wir hin müssen. Nett sind sie außerdem, die Karte mit den eingezeichneten Plätzen dürfen wir fotografieren und auch die Tauchbojen benutzen, wenn wir eine dementsprechende Gebühr ans Dorf bezahlen, denn denen gehört das Riff. Sogar einen Guide bekommen wir dazu, ein junger Einheimischer, der die nächsten Tage frei hat und uns gerne seine Lieblingsplätze zeigen möchte.

Gesagt, getan. Die nächsten Tage bestehen aus Tauchen pur. Mindestens zweimal am Tag tauchen wir ab, mit Guide, ohne, zum Wrack, zu den Weichkorallen. Sehen jede Menge Haie, Jackfische und Barrakudas und vor allem immer wieder bunte Weichkorallen, Nacktschnecken und Anemonen. Alles Getier, was wir bisher im Pazifik noch nicht zu sehen bekommen haben. Keine Wunder, dass diese Insel zu einem beliebten Ziel für Makrofotografen geworden ist.

Bei all den Wasseraktivitäten finden wir kaum Zeit, das Dorf zu besuchen, doch das gehört mit zu Fiji dazu, Sevusevu machen. Man bringt ein Bündel Kavawurzeln als Geschenk für den Chief mit und bittet mit diesem Geschenk um die Erlaubnis, in dessen Gewässern ankern, fischen und tauchen zu dürfen. Denn in Fiji gehören die Riffe den jeweiligen Dörfern. Meist wird man daraufhin eingeladen an einer Kavazeremonie teilzunehmen. Das muss sein, Malte! Wir kennen das Gebräu und seinen doch recht eigenwilligen Geschmack ja schon, also nehmen wir die Einladung an und marschieren am nächsten Nachmittag wieder ins Dorf zum Haus des Chief. Auf Bastmatten nehmen wir auf dem Boden im Kreis Platz. Die halbe Familie, groß, klein, alt und jung ist anwesend und der Chief bereitet die Brühe vor. Das Kavapulver wird in ein Tuch gewickelt, das so gefertigte Bündel in einer großen Holzschüssel voll Wasser immer wieder ausgewrungen. Serviert wird in halben Kokosschalen. Der Gastgeber bietet die Schale mit beiden Händen an, man klatscht dreimal in die Hände und auf ex. Zum Abschluss noch dreimal klatschen. Alle freuen sich. Die Konzentration bei der Zeremonie ist vor allem für uns wichtig, hilft, den erdig-seifigen Geschmack zu vergessen. Hier in Fiji trinken alle Kava, auch die Frauen und Jugendlichen, selbst Oma setzt sich mit in den Kreis und genehmigt sich ein Schlückchen. Gearbeitet wird nach dem Genuss von Kava nicht mehr, auch nicht mehr viel geredet. Die Sonne tut ihr übriges und am besten sucht man sich ein schattiges Plätzchen auf dem Dorfrasen

Malte ist nicht begeistert vom Pazifikrausch. "Schlimmster Hangover meines Lebens, ohne vorher die geringste Wirkung gespürt zu haben", stellt er am nächsten Morgen fest. Ok, diesmal laden wir die Fijianer zum Bier auf die Lady ein. Eine Woche vergeht, zwischen Tauchen und Dorfbesuchen, dann juckt es uns unter dem Kiel. Die Inselgruppe Kandavu im Süden wollen wir Malte nicht zumuten, fast 100 Meilen hoch am Wind, das muss nicht sein. Wir nehmen Kurs auf die Mamanucu Group, die gut erschlossenen Paradiesinseln im Westen der Hauptinsel. Viele Ressorts gibt es hier, doch das ein oder andere unbewohnte Schätzchen gibt es wohl auch noch.

Zwischenstopp in Muscet cove. Ein paar Mourings, ein Yachtclub, ein Hotel und viele, viele Yachties, vor allem Deutsche, denn in ein paar Tagen steht der 50ste Geburtstag einer Seglerin an. Wir stocken die Lady auf mit Bier und Gemüse, und trollen uns ans Riff. An der Innenseite des Aussenriffs fällt der Anker in Abständen von wenigen Meilen. Langsam tuckern, Brille auf, ins Wasser, Korallen begutachten, Anker schmeißen, tauchen gehen. So sehen unsere Tage aus. Malte wird jeden Tag tauchbreiter und erfahrener, aus dem anfänglichen Zappeln und Jojohüpfen wird langsam ein ruhiges Dahingleiten. An Land will er gar nicht mehr. Inseln? Grün? Strand? Nee, lieber Flaschenatmen.

Doch nach ein paar Tagen greifen wir durch, wollen unserem Gast noch ein bisschen mehr zeigen, als die Welt unter Wasser. Ein paar Inseln weiter liegt eine unbewohnte Insel, sagt der Cruising Guide, die man nicht verpassen sollte. Normalerweise ist so eine Aussage ein sicheres Anzeichen für einen überfüllten Ankerplatz, aber irgendwie haben wir ein gutes Gefühl und werden auch prompt belohnt. Die Bucht ist frei, nur zwei lokale Fischerboote und ein kleines Zelt an einem der Strände. Der Ort bietet alles, was zu einer perfekten Südseeinsel gehört. Hügel, schroffe Felsen, dazwischen ein weisser Sandstrand der sanft ins Wasser übergeht. Kokospalmen wiegen sich im Passatwind. Das ist es. Das wollten wir Malte zeigen. Wir quatschen mit den Fischern am Strand und erstehen frisch gespeerten Fisch für ein Lagerfeuer-BBQ am Abend. Stockbrot, eine Flasche Wein und marinierter Fisch in Alufolie. Maltes letzte Tage brechen an, und wir könnten keinen besseren Ort gefunden haben. Ab und an tauchen andere Boote für eine Nacht in der Bucht auf, doch meist sind wir alleine. Auch das Wetter spielt weiter mit, endlich surrt die Filmkamera und die Paradiesszenen werden bewegend festgehalten. Ein letzter Tauchgang, ein letztes BBQ, und auf geht es nach Nadi. Der Flieger wartet nicht, und auch für uns ist es Zeit, das Schiff auf die Fahrt nach Neuseeland vorzubereiten.

Malte ist weg. Wir liegen vor Anker in einem kleinen dreckigen Fährhafen und hören Wetterberichte. Bisher konnten wir ganz gut verdrängen, dass uns einer der schwierigsten Trips der Reise bevorsteht, doch nun müssen wir uns damit auseinandersetzen. 1000 Meilen Am-Wind-Kurs nach Neuseeland, irgendwie ein Fenster zwischen der bald beginnenden Hurrikansaison im Pazifik und den Frühjahrsstürmen in Neuseeland finden. Wetterfenster, ein Unwort. Und man hört nichts anderes auf den zahlreichen Netzen auf der Funke. Jeder weiß was, jeder weiß was besser, und hat es im Endeffekt ja gleich gesagt. Gut, dass wir noch einiges zu tun haben, bevor wir loskönnen. Wie immer liegen ein paar kleine Reparaturen an, Motor und Rigg müssen geprüft werden und diverse Verproviantierungskäufe getätigt werden. Neben uns liegen die ersten Neuseeländer, Kiwis, die wir kennenlernen. Tracey und Chris mit Tochter Aisha. Kleines, buntes Stahlboot. Sie kommen mit einem Bildband vorbei und machen uns Lust auf das neue Ziel. Wenn die dort alle so nett sind, nichts wie hin! Lasst euch nicht verrückt machen, so schlimm ist der Weg auch nicht, sagen sie. Ihr seid doch auch schon auf der Nordsee gesegelt. Stimmt.

Ein paar Tage später klarieren wir aus und verlegen nach Muscet Cove, Malolo Lailai. Ins Zentrum der Yachten auf Absprung. Abends versammelt man sich an der Bar und diskutiert. Einer nach dem anderen fährt, wir warten. Haben Schiss vor dem Trip und sind unsicher. Das viele Gerede macht noch unsicherer. Schließlich sind sie alle weg, der ganze große Trupp. Stattdessen tauchen ein spanisches, ein italienisches und ein türkisches Boot auf. Sie alle bleiben in Fiji für die Saison, graben ihre Boote in Erdlöcher zum Schutz vor Hurrikans ein und fliegen nach Hause. Wir entspannen uns, die Wetterfenster hören wir nur noch auf der Funke am Morgen und den Rest des Tages machen wir Urlaub. Swimmingpool, Liegestuhl, Kräftesammeln für die Fahrt. Fenster öffnen und schließen sich und schließlich ist es soweit. Wir fahren. Zum Abschied werden wir beschenkt, mit türkischen Augen aus blauem Glas für eine gute Fahrt und spanischer Musik für die Nachtwachen.

Die Südsee liegt hinter uns, vor uns liegen 1000 Meilen Wasser und dann das Land der Schafe.



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