Fuerteventura
Micha
und die Fischer
Wie es dazu kam, dass ich einen Tag mit den netten Fischern auf See verbrachte,
lässt sich am besten im Logbuch dieser Zeit nachlesen. Was ich auf
See dann erlebte möchte ich hier skizzieren.
Die Idee zu fragen, ob ich nicht einmal einen Tag mit zum Fischen rausfahren
kann, kam mir, weil ich Ardiel so nett und sympathisch fand. Chefe war
zwar nicht so freundlich, aber er sagte dann doch zu, weil Adriel, glaube
ich, ein gutes Wort für mich einlegte. Chefe hat auch während
des ganzen Tages nicht mit mir gesprochen, aber wenigstens nett gelächelt.
Gut, eigene Schuld, dass der arme Kerl jetzt keinen Namen hat.
Als er dann auch noch erfuhr, dass ich Fotos machen wollte und dann mit
dem Teleobjektiv über das kleine Boot wieselte, war es wohl vorbei.
Zum Thema Internet, schaute er mich an, als ob ich von einem anderen Stern
kommen würde. Nenn mich Kirk !
Um so netter war Adriel. Die Sympathie zwischen uns Beiden war gegenseitig.
Würde ich länger in Gran Tarajal bleiben, hätte ich jetzt
wohl einen dicken Freund mehr in meinem Leben.
Morgens um vier raus auf die kabbelige See war ja noch nicht das Problem.
Doch ich hatte arge Befürchtungen um meinen Magen und meine Seebeine.
Ich vermutete richtig. Die Fahrt ging 10 Seemeilen vor die Küste
und dann Motor aus, Generator für die Elektroangeln an (Röhr
!) und leise wiegt uns die See. Nix leise, das Ding hat keinen Kiel. Zwar
wird ein grosser Wassertank in der Mitte des Bootes mit ca. 750 Liter
Wasser gefüllt, um Stabilität zu bekommen, aber das ist wohl
mehr Einbildung. Doch mir wurde nicht schlecht. Gut so. Wäre ja auch
peinlich und schrecklich gewesen, denn das Boot wäre sicherlich nicht
wegen eines seekranken Gastes wieder in den Hafen gefahren !
Um 6 Uhr, ging es dann los. Elektroangeln. Habe ich noch nie gesehen.
Die Fischgründe sind geheim und werden von Generation zu Generation
weitergegeben. Mit GPS und superstarkem Echolot werden die Viejos (so
heissen diese roten Fische mit den grossen Augen) aufgespürt. Dann
kommen an die Angel 20 Haken, je Haken 3 frische Sardinen, die am Tage
vorher mit dem Schleppnetz gefangen werden, 3 kg Blei und abwärts
geht die Reise an der 500 Meter langen Kunststoffschnur.
Romantisch, die Vorstellung über die Fischer - fahren raus, angeln
ein bisschen und kommen erfolgreich wieder in den Hafen. Leider überhaupt
nicht so. Chefe sorgt dafür, dass keine Minute ungenutzt bleibt,
um die grossen Kühlboxen zu füllen. Schnell bin ich angelernt
mit dem Kescher umzugehen, Paternoster zu knoten, Kühlbox zu packen,
Fische vom Harken zu nehmen.
Ist das Blei der Kunststoffschnur am Boden angekommen, fühlen die
Beiden an der Spannung der Schnur und reissen unverhofft, mit beiden Armen
weit rudernd, fünf bis acht Meter der Schnur hoch. Ich durfte auch
mal fühlen, habe aber nichts gespürt !
Die kommenden 15 Minuten ist die Schnur unter Motorkraft wieder hoch zuholen.
Eine vollkommen verblödenden Arbeit, die ich ausgiebig den ganzen
Tag ausführen durfte. Nicht einfach den Motor laufen lassen. Nein,
die Trommel wird mit der Hand gerollt und ein Motor hilft über eine
Rutschkupplung soviel nach, dass sich der Muskelaufwand nur auf das Drehen
auswirkt, nicht aber das Gewicht der Angel, dem Blei und den bis zu 20
kg Fisch. Die Angelleine muss mit der Hand immer auf gleicher Spannung
gehalten werden Jede Welle muss vorrausschauend über Geben und Nehmen
von Leine ausgeglichen werden. Hört sich simpel an, ist es aber nicht.
Die Beiden tragen zurechtgeschnittenes Fahradschlauchgummi um die Laufstellen
der Leinen an den Fingern zu schützen. Doch sie haben an beiden Händen
Furchen, Narben, offene Wunden und Hornhaut. Ich hatte schon gegen Mittag
zwei schmerzende Schnitte vom Anfassen der Leine, an denen ich noch lange
Freude hatte.
Irgendwann kommen dann die Fische an Ihren Harken, zur Oberfläche
und jetzt geht alles urplötzlich superschnell. Nur keinen Fisch von
der Angel verlieren. Zehn bis Zwanzig Fische finden Ihren Weg ins Boot
und der Harken muss wieder frei werden für den nächsten Köder.
Zack, Zack. Chefe treibt an.
Es ist Akkordarbeit. Mit jeder halben Stunde, der sich wiederholenden
Aktion vergeht mir der Spaß. Keine Pause, keine Ruhe. Nur Hektik
und Fangquotendruck. Mehr als 200 kg sollen es werden. Ich fange schon
an zu rechen, wissend, dass, wenn zweihundert erreicht sind, eine neue
Messlatte vergeben wird. Gegen Mittag bin ich schon fertig mit der Welt,
mit mir und der Sonne über meinem Haupte.
Es werden 3 Fische fritiert, dazu Kartoffeln mit selbstgemacher Mojo Rojo.
Herrlich. Chefe angelt gleichzeitig weiter. Keine Ruhe der Mann. Zwischenzeitlich
unterhalte ich mich mit Ardiel über die Verdienstmöglichkeiten
bei dieser Beschäftigung. Er verdient ca. 2.200 DM netto, je nachdem,
weil er anteilig am Erfolg bezahlt wird. Dafür gibt es keinen Urlaub,
kein Wochenende, denn an jedem Tag an dem gefischt werden kann, wird rausgefahren.
Ist schlechtes Wetter kann man sich ja immer noch ausruhen. Malocherjob.
Irgendwann neigt sich die Sonne dem Horizont zu und Chefe ist böse
mit Ihr ! Bis in den Sonnenuntergang wird gefischt und irgendwann der
Heimweg angetreten. Saubermachen während der Fahrt ist angesagt und
gegen 21 Uhr erreichen wir endlich Gran Tarajal. 17 Stunden auf dem Wasser.
Morgen früh fahren die Beiden wieder raus. Ich nicht. |