Kürbisse und Pampelmusen
28.04.2003 bis 02.06.2003
Gambier Islands
Nach einem Monat, fast dreitausend Seemeilen und zwei mehr als rolligen
Ankerplätzen ist es soweit, die Gambier Inseln liegen vor unserem
Bug. Eine kleine Inselgruppe im Süden von Französisch Polynesien,
breitengradmäßig schon so weit südlich, dass die Einwohner
die hurrikanfreie Saison als Winter bezeichnen.
Wir kommen gerade vom Äquator und empfinden den Winter, die frische
Brise und Temperaturen von nur 28 Grad als sehr angenehm. Durch den
breiten Pass fahren wir in die Inselgruppe.
Grün,
sanfte Hügel,
weiße Strände, kleine Palmenmotus begrüßen uns.
Das also ist Südsee. Der Ankerplatz vor dem Hauptort
Rikitea ist nicht der beste, mehr als 15 Meter tief, viele Korallenköpfe
und schlechter Grund. Dennoch liegen schon um die 10 Boote hier, viele
bekannte Gesichter und so dauert es nicht lange, bis wir den ersten
Besucher mit frischem Baguette als Mitbringsel an Bord haben. Gebacken
wird hier im Ort jeden Tag, zwei Ex-Fremdenlegionäre, ein Türke
und ein Portugiese, besitzen mit ihren polynesischen Schönheiten
die Bäckerei und backen außer Baguette an Sonntagen alles
an französischer Patisserie, was sich der Gaumen so vorstellen
kann.
Doch nicht nur die Backwaren erinnern an Frankreich, nach einer verdienten
langen Nacht tiefen Schlafes, gehen wir an Land und staunen ob des kleines
Dörfchens mit Hecken, rankenden Blumen, buntbemalten Steinhäusern
und der weißblauen Kirche mit dem altmodischen,
provenzialischen Pfarrhaus. Inmitten all dieses französischen
Flairs wachsen Tiare, Frangipani, Kokospalmen und üppiger Hibiskus,
vor dem Chinesenladen spendet ein gewaltiger Banyanbaum Schatten. Alles
ist sauber, aufgeräumt, gemächlich. Die Menschen hier auf
den Gambier haben Geld, das Zauberwort heißt schwarze Perlen.
Die Lagune bietet ein optimales Klima zur Züchtung selbiger und
so ist jede Familie irgendwie im Perlengeschäft, sei es selbstständig,
oder angestellt. Zudem gibt es viele ehemaligen Fremdenlegionäre
aus der Zeit von Mururoa, die den damaligen Flughafen und die Wetterstation
betrieben haben und nach ihrer Pensionierung hängen geblieben sind.
Nicht zu vergessen die Chinesen, die den Einzelhandel bestehend aus
einer handvoll Krämerläden fest in den Händen haben.
Viel zu kaufen gibt es nicht, aber das zu saftigen Preisen. Butter,
Cracker, tiefgefrorene Hühnchen und Reis sind bezahlbar, alles
andere Luxus. Das fängt an mit Eiern für 1 Euro das Stück
bis hin zu frisch eingeflogenem Gemüse aus Europa jeden Dienstag,
wo man locker 10 Euro für ein Kilo Möhren los wird.
Wir sind tatsächlich in der Südsee, die Frauen tragen lange
schwarze Zöpfe, die ihnen bis zum Po reichen, Sonntags wallen die
Mähnen über bunt gerüschten Kleidern in der Kirche und
sogar die Männer tragen eine Blume hinter dem Ohr. Hier und dort
hört man Ukulelen und aus dem Radio erklingen Valse tahitien und
Tamure. Während der Woche wird in der großen Sporthalle abends
für das große Tanzfestival anlässlich des 14. Julis
in Tahiti geübt. Ungefähr 70 Leute, Tänzer, Sänger
und Trommler studieren die komplizierte Choreografie ein, die alltägliche
Handlungen wie Fischen, Weben, Jagen aus der Zeit der Vorväter
symbolisieren. Choreograf ist Dani, er/sie ist der Rere von Rikitea,
ein Junge, der als Mädchen von seiner Familie aufgezogen wurde.
Eine Sitte, die es überall in Polynesien gibt. Werden zu viele
Jungen geboren, wird einfach einer in Mädchenkleider gesteckt und
als solches aufgezogen. Auch der Tausch von männlichen und weiblichen
Babys zwischen den Familien ist nicht selten. Für uns vielleicht
schwer nachzuvollziehen, hier ein ganz normaler Vorgang.
Dani ist mittlerweile Ende zwanzig und Künstler/in. Aus Perlmutt
und schwarzen Perlen kreiert er bombastisch-kitschige Schmuckstücke,
trägt mit Vorliebe Pailletten und Chiffon und geizt nicht mit Küsschen
und dem Gehabe einer Diva.
Mit Trillerpfeife im Mund scheucht er seine Eleven durch die Turnhalle,
bis nach zwei Stunden alle am Rande der Erschöpfung sind. Doch
das harte Training lohnt sich, jeden Tag wird die Gruppe besser, der
Tanz flüssiger und die eindringlichen Rhythmen klingen uns noch
heute im Ohr.
Etwas anderes, was sich aus dieser Zeit fest in unseren Köpfen
verankert hat, sind Pampelmusen. Kindskopfgrosse, grüne Früchte
mit zartrosa Fruchtfleisch. Noch kommen mir sofort Bilder von den Gambier
ins Gedächtnis, wenn ich Pampelmusen rieche. Wir bekommen diese
köstlichen Früchte geschenkt. Fast jeder hat einen Baum im
Garten stehen und bietet uns an, so viele zu pflücken, wie wir
haben wollen. Gemüse ist schwer zu bekommen, die wenigsten haben
Gärten, nur Pampelmusen und Kürbisse sind zu haben, und die
werden verschenkt, nicht verkauft.
Doch nicht nur die Insel Mangareva und das kleine Dorf haben es uns
angetan, auch die anderen Segler, die in der Bucht vor Anker liegen,
sind fast durchweg junge nette Menschen. Viele junge Familien und vor
allem sehr international. Kein Land ist mehr als zweimal vertreten,
Deutsche, Italiener, Südafrikaner, Kanadier, Amis, Australier,
Franzosen, Belgier, Norweger, und Holländer. Der Zusammenhalt ist
groß, da ist zum Beispiel Mark aus Kanada, der seinen Trimaran
hier für ein Jahr liegen hatte und den sein bezahlter Aufpasser
um alles geprellt hat, was auf dem Boot war. Von den Segeln, über
laufendes Gut, Wassermacher, Laderegler, Batterien bis zur Bettwäsche
und Teelöffeln ist das Boot komplett ausgeräumt gewesen. Immer
wieder kommen Schiffsladungen von Westmarine an und die ganze Anchorage
hilft fleißig mit, die BOLD SPIRIT wieder in Schuss zu bringen.
Doch unsere besten Freunde werden Charlotta,
Horace und ihr Hund Nelson
aus Italien. Nach einer Woche ankert die Decibel neben uns, es dauert
drei Tage und wir sind unzertrennlich. Wissen wir doch beide, dass das
Vergnuegen nur von kurzer Dauer sein wird, dass sich die Wege irgendwann
wieder trennen werden.
Nach zwei Wochen Rikitea, beschließen wir, weitere Inseln im
Archipel zu besuchen. Keine 5 Seemeilen entfernt liegt die Flughafeninsel.
Eine langgestrecktes Motu mit weißem
Sandstrand, Kokospalmendickicht und Zugang zum Außenriff.
Südseetage beginnen. Muschelnsuchen
am Strand, Schnorcheln
im kristallklaren Wasser am Außenriff und in den Pässen
zwischen den Inselchen, Palmenherzen
ernten, Trinknüsse pflücken, den Bauch in die Sonne halten
und abends abwechseln auf der Lady oder der Decibel die Sundowner
und das Abendessen genießen. Dieses Paradies alleine zu genießen
ist schon wunderschön, aber mit Freunden
ist es noch schöner. Abends, bei einer unserer Jamsessions mit
Gitarre und Flöte schauen wir in den Himmel und können uns
kaum vorstellen, einen schöneren Ort zu finden.
Nach ein paar Tagen puren
Paradieses geht es zurück nach Rikitea. Micha kann bei Mark
auf dem Boot mit Elektronikarbeiten ein paar Franc verdienen und auch
die Lady braucht dringend ein bisschen Liebe. Wie immer in einem kleinem
Dorf wird man schnell Teil der Gemeinde, gewinnt
Freunde und bekommt Einblick in die lokalen Querelen. Da sind zum
Beispiel die zwei Ex-Fremdenlegionäre Yves und Fritz. Yves ist
Franzose, war ein hohes Tier, trinkt nicht, raucht nicht und ist ständig
mit seiner kleinen Tochter zu sehen. Er hat jahrelang in Deutschland
gearbeitet und spricht ein sehr lustiges Deutsch. Wie man eben so spricht,
wenn man eine fremde Sprache auf dem Bau lernt. Mit Micha fährt
er zum Fischen raus, tauscht Ziegenbeine gegen Kaffeebohnen und klärt
uns über das Leben im Dorf auf. Fritz dagegen ist Deutscher, hat
vier erwachsene Töchter, deren deutscher Wortschatz sich auf „Tür
zu“ beschränkt und guckt leider, nachdem seine Frau vor ein
paar Jahren auf tragische Weise verstorben ist, ein bisschen zu tief
in die Flasche. Ein netter Kerl ist er irgendwie, hungrig nach Gesellschaft
und ein bisschen nach deutscher Sprache, auch wenn er Französisch
spricht, als hätte er nie etwas anderes gelernt. Bei ihm finden
Kartoffelsalatparties
statt mit viel Hinanobier und Fritz´ Augen glänzen vor Freude,
ob der vielen jungen Menschen in seinem Haus. Zwischen diesen beiden
gegensätzlichen Menschen herrscht ein unausgesprochenes Wetteifern
um die deutschsprachigen Segler. Mittlerweile ist der eine TO-Leiter,
der andere hat sich ein Kurzwellenradio zugelegt, um schon in Panama
den ersten Kontakt herzustellen.
Doch natürlich gibt es noch mehr zu entdecken. Nach einer Woche
sind wir ankerplatzmüde und begeben uns erneut mit der DECIBEL
auf die Reise. Erster Abstecher ist die Insel Aukena. Aukena gehört
zur Hälfte den Gebrüder Wan, wohlhabenden, reichen Chinesen,
die ihr Geld mit der Perlenzucht verdienen. Gut angesehen sind sie bei
den Locals nicht, nutzen sie doch deren Lagune für den Reichtum.
In der riesigen Perlenfarm
der Wans arbeitet ein junges französisches Pärchen mit ihrer
kleinen Tochter als Verwalter und Perlenzüchter. Viele Jahre widmen
sie sich schon den weißen und schwarzen Kunststücken der
Natur, doch Sonntags haben auch sie frei und nehmen uns mit auf das
Privatgelände zu einem Spaziergang über die Insel auf die
Hügel. Einen wunderbaren Ausblick
hat man dort über die Motus, das Außenriff. Eine Perspektive,
die man eben vom Segelboot aus selten genießen kann. Hinterher
gibt es süße Bananen für alle und französisches
Geplauder im Schatten auf der Veranda.
Immer mehr Worte fallen mir wieder ein, die Sprache wird flüssiger
und selbst Micha bekommt mittlerweile durch seine Spanischkenntnisse
den Sinn der Konversation mit.
Einen Tag später geht es weiter. Vorsichtig navigieren wir zwischen
den Perlenfarmen und den zahlreichen Riffen. Einer muss immer im
Mast sein, denn viele der Riffe sind nicht in den Karten eingezeichnet,
geschweige denn, die kaum auszumachenden schwarzen und weißen
Bojen der Perlenzüchter. Irgendwo am Saumriff ist ein weiterer
Sandhaufen
mit ein paar Palmen. Der Passat bläst stetig und wir haben unseren
neuen Traumplatz
gefunden. Langeweile? Keineswegs, von diesen Motus können wir nicht
genug bekommen. Muscheln suchen, Palmherzen schlagen, Kokosnüsse
sammeln, dem Rauschen des Riffes zuhören oder Schnorcheln
gehen. Die Landschaft, die Farben, der Himmel sind so bezaubernd, berauschend.
Doch der Wind frischt auf, dreht und aus dem gemütlichen Ankerplatz
wird Rock’n Roll zwischen Korallenköpfen, unangenehm und
wenn der Anker nicht hält, auch gefährlich. Wieder geht es
per Augennavigation durch die Lagune bis zur hügeligen Insel Akamaru.
Drei Familien wohnen hier, leben von der Landwirtschaft. Bananen, Kopra,
Papaya.
Rauchschwaden steigen aus dem Garten auf und hüllen die Landschaft
in Nebel, der typische Geruch von brennender
Kokosschale steigt uns ins die Nase. Reich werden wir mit Frischzeug
beschenkt. Vor der blitzsauberen Kirche wächst frische Minze und
im Wald finden wir wilden Kürbis und Limetten.
So schön und idyllisch die weißen Steinkirchen mit den palmgesäumten,
schnurgeraden Wegen auch erscheinen, hinter ihnen steckt ein Stück
trauriger Geschichte. Ein besessener katholischer Missionar ließ
auf jeder Insel eine Kirche
von den Insulanern aus Korallenstein errichten. Natürlich ohne
moderne Hilfsmittel und Geräte und viele tausend Einwohner starben
durch die harte Knochenarbeit, zu der sie durch den Priester wie Sklaven
gezwungen wurden. Ein Wunder, dass trotzdem über 90 Prozent der
Bevölkerung katholisch ist und die Kirche am Sonntag gut besucht
wird.
Abends bei Sonnenuntergang, Mojitos und frittierten Kürbisblüten,
5-Sterne-Urlaub, immer noch wie im Traum. Auf der Decibel geht der Tag
im Cockpit zu Ende, tiefe Zufriedenheit, Musik spielt. Der Mond geht
aus, versteckt sich hinter ein paar Palmen auf dem Hügel und plötzlich
fehlt ihm ein Stück. Keiner wusste es, keiner hat die lokalen Nachrichten
gehört, Mondfinsternis. Fasziniert beobachten wir das schrittweise
Verschwinden des Mondes und fühlen uns wie vor 1000 Jahren, als
die Erde noch eine Scheibe war und Naturereignisse wie eine Mondfinsternis
den Menschen einen Schauer über den Rücken jagten. Zauberei?
Wer weiß...
Doch irgendwann drängt die Zeit, die Saison im Pazifik ist kurz,
5 Monate haben wir noch für all die Ziele, die zwischen hier und
Neuseeland liegen. Unsere italienischen Freunde wollen auf die Marquesas,
wir in die Tuamotus. Vielleicht sehen wir uns in Tahiti wieder. Papeete,
dort wo alle Fäden zusammenlaufen, das Paris von Französisch
Polynesien. Viel gäbe es noch zu erzählen, die kleinen Begegnungen
bei Spaziergängen mit den Insulanern,
unsere neugewonnenen Freunde Joseph und Nico, die gerne schon morgens
mit selbstgemachtem Fruchtwein feiern, gerupfte Hühner zum Abendessen
vorbeibringen und Carlotta und mich zum Abschied mit Perlen und die
Jungs mit Muschelketten beschenken. Oder Jeanne, die Großmutter
mit der Vorliebe für Parfüm und mit der Blüte hinter
dem Ohr, die uns ihre gesamte Pampelmusenernte zum Geschenk macht, wenn
wir denn nur selbst auf den Baum kraxeln. Sie hat nur noch einen Arm
und kann nicht mehr helfen, sagt sie mit einem Strahlen im Gesicht.
Ich erspare Euch die Abschiedsgeschichte und die einzelnen Tränen.
Nach fast fünf Wochen stechen wir bei scheußlichem Regenwetter
gemeinsam mit der Decibel in See und richten unseren Bug in Richtung
der Korallenriffe der Tuamotus.
|