Fitness auf Gomera
Karneval im Rheinland steht vor der Tür. Für eine Ärztin in der Unfallchirurgie
bedeutet das mindestens einen 24 - Stunden - Dienst mit betrunkenen Kopfplatzwunden,
viel Helau, Alaaf - und ohne Schlaf.
Was ist also naheliegender, als 10 Tage Urlaub zu nehmen, dem Trubel zu
entfliehen und dem vereinsamenden Skipper mal wieder zu zeigen, wieviel
Aktivität man in einem einzigen Tag unterbringen kann.
Aber auch Micha scheint sich dasselbe vorgenommen zu haben. Nach meiner
Ankunft auf Teneriffa darf ich nicht in aller Ruhe meinen fluggeschundenen
Körper in der Hängematte ausstrecken, sondern muss am fälligen Großeinkauf
für Lebensmittel teilnehmen. Wer schon mal in einem spanischen Mercadona
war, weiß, dass es dort jeden Tag zugeht wie bei Real am Samstagmittag
- willkommen in Spanien.
Fitnessprogramm 1. Punkt: Tauchen
Tauchen steht auf dem Plan. Mein neuer Lungenautomat und der Anzug warten
auf ihren Testeinsatz. Wir verholen in die "Hippi - Bucht", so genannt,
da am Ufer unzählige Zelte mit trommelnden, auf "natürliche" Weise entspannten,
langhaarigen Zeitgenossen stehen.
Die Sicht ist in Ordnung und die Tiefe mit 17 m für so ein Greenhorn wie
mich gerade richtig. Nachdem mir Micha ein paar Wackersteine in die Taschen
gepackt hat, komme ich auch wirklich unten an, genieße bizarre Unterwasserlandschaften
und das Gefühl der Schwerelosigkeit, während Micha zum xten - mal versucht
unserer Nikonos Fotos von höchster Qualität abzuluchsen. Wir sind uns
noch nicht im Klaren über die Bestechungsgelder, die diese Kamera verlangt,
aber wir werden schon noch dahinterkommen !
Die neue Tauchausrüstung jedoch hat die Testphase unbeschadet überstanden.
Fitnessprogramm 2. Punkt: Segeln
Weiter geht's. Das nächste Ziel heißt San Sebastian de la Gomera, doch
der Wind möchte meinen sportlichen Ambitionen nicht Folge leisten und
verabschiedet sich. Dafür besucht uns eine Herde Pilotwale, die zwischen
Teneriffa und Gomera ihre Kreise ziehen. Die kanarische Regierung hat
scharfe Regeln für die Touriboote eingeführt, die für 70 DM pro Person,
die Wale und Delfine besuchen. Anzahl der Boote, Abstand und Fahrtrichtung
werden bestimmt, so dass diese wunderschönen Tiere noch nicht die Schnauze
voll haben von ihrem Job als Attraktion.
Kurz vor San Sebastian erwischt uns dann doch noch die Düse. Endlich wieder
am Steuer stehen. Wind und Sonne im Gesicht, während wir mit 8 - 9 Knoten
dem Hafen entgegenrauschen.
Anlegen, Festmachen, den Geldbeutel beim Hafenmeister erleichtern. Schnell
ist alles erledigt um sich dem "Landfallfest" zu widmen. Nach nur einer
Stunde hat Micha mir die wichtigsten Kulturgüter des Ortes gezeigt. Kirchen,
Kneipen und Supermärkte.
Es begegnen einem fast nur Einheimische und Fahrtensegler, die Touristen
werden nach ihrer Ankunft mit der Fähre sofort in Busse nach Valle Gran
Rey weitergeleitet und tauchen erst am späten Abend wieder auf. Schöner
Ort, wären nur die Hafengebühren nicht so teuer !
Fitnessprogramm 3. Punkt: Busfahren
Eine Übung, die die Muskulatur des ganzen Körpers in Anspruch nimmt. Gleichzeitig
Gleichgewichtssinn und Orientierung schult. Auf Gomera gibt es nämlich
nur Serpentinen, ein paar Schlaglöcher und Busfahrer, die möglichst schnell
ankommen wollen. Micha sieht schon nach kurzer Zeit ein bisschen grün
aus, im Gesicht, schließlich ist er solch rasante Fahrt nicht mehr gewohnt
;-)
Ziel ist Valle Gran Rey. Der Ort, wo alleinerziehende Mütter, Erleuchtungsuchende,
aber auch der Rest der Gomerareisenden ihr Quartier aufgeschlagen haben.
Viel Zeit für Besichtigungen zu Fuß hat man nicht, schließlich muss der
Busfahrer pünktlich zum Abendessen wieder zu Hause sein, also fährt der
letzte Bus um vier. Auch nicht schlimm, denn wir wollten ja die Serpentinen
trainieren.
Fitnessprogramm 4. Punkt: Küstenwandern
Der eigentliche Plan, in die Berge zu fahren wurde uns durch falsche Busfahrpläne
und die Unwilligkeit der Gomeros uns in ihrem Auto mitzunehmen vereitelt.
Aber man ist ja flexibel. Der nächste Wanderweg direkt an der Küste entlang
liegt direkt vor der Tür.
Natürlich ist es mittlerweile 12 Uhr mittags, genau die richtige Zeit
für ein ständiges Auf und Ab. Der Schweiß rinnt in Strömen in der Mittagshitze.
Selbst der Teide, höchster Berg von Teneriffa, auf den wir nach jeder
Kraxeltour den Blick werfen können, hat seine Schneemütze abgesetzt.
Wer soviel klettert, verdient auch Entspannung. Wesentlicher Teil jeglicher
Sportart, wie man das vom Skifahren ja kennt, ist der Après - Teil des
Tages. Die Bar Cuba
Libre ist sozusagen der Mittelpunkt von San Sebastian, man
trifft
Segler und Einheimische, trinkt Kaffee aus Puppentäschen mit Cognac
aus Wassergläsern und versucht den neuesten Seglertratsch mitzubekommen.
Solche Abende enden dann meistens irgendwann in der Plicht des größten
Bootes.
Fitnessprogramm 5. Punkt: Bergwandern
Wir steigern den Schwierigkeitsgrad: Unter Stöhnen und maulen schaffen
wir es den ersten Bus in die Berge zu nehmen, steigen an der richtigen
Haltestelle aus und werden prompt mit dichtem Nebel belohnt. Micha mault
zunächst, trottet aber brav hinter mir her und lässt sich Gott sei Dank
relativ schnell von den nebligen Flechtenwäldern verzaubern. 6 Stunden
wandern wir durch Berg und Tal. Üben Schwindelfreiheit und Balanceakte
um schließlich ein kleines Bergdörfchen namens Hermigua zu erreichen,
in dem der Hund begraben liegt. Unsere Beine fühlten sich so schlapp an,
wie die Ohren der Ziegen hier. Nichts desto trotz endete der Abend auf
dem Karnevalszug in Gomera. Soviel zu dem Versprechen, vor dem Karneval
zu fliehen. Viel besser beschrieben ist dieser Tag im Logbucheintrag vom
25. Februar, als alles noch frisch und die Füße wund waren.
Fitnessprogramm 6. Punkt: Genießen
Der Beginn des Karneval, der aus mehreren Tagen Parties in Hafennähe mit
lauter Musik bis zum Sonnenaufgang besteht, war für uns der Grund zum
Fliehen. Einmal reicht. Statt dessen verholen wir in eine ruhige, friedliche
Ankerbucht und hoffen auf reichen Fischfang. Denn vor 50 Jahren gab es
hier eine Thunfischfabrik, die heute nur noch aus Ruinen besteht.
Der Grund für die Pleite ist vielleicht der fehlende Fisch, denn unser
Haken bleibt, wie so oft, leer.
Dafür verfallen wir, angesichts dieses idyllischen Platzes, dem Fotografenrausch,
philosophieren über den Thunfisch in Dosen und wünschen uns die Sendung
mit der Maus, um endlich mal alles erklärt zu bekommen.
In den nächsten Tagen ging es dann nur noch zurück nach Teneriffa, zum
Flughafen. Denn die unfallfreudigen Neusser warten nur darauf, meine Nächte
mit kaputten Knochen zu bereichern.
Leider wieder viel zu kurz die Zeit und zu lang die verbleibende, bis
ich endlich richtig auf der Lady einziehe. |