Fuerteventura - Gomera
Im Zeichen der Ziege
Der dreiwöchige Deutschlandbesuch hat mir arg zugesetzt. Die Heimat ist so hektisch, jeden Abend andere Verabredungen. Wiedersehensfreude, Problemauseinandersetzungen, Weihnachten und Sylvester. Alles etwas viel, für den auf dem Segelboot lebenden Skipper. Will ich auch nicht noch mal. Nicht noch mal so lang. Höchstens zwei Wochen. Auch eine wichtige Erfahrung, die zum Fahrtensegeln gehört. Die Konfrontation mit der zurückgelassenen Welt.
Mit dem Flieger endlich zurück auf Fuerteventura, erreiche ich schnell die Lady und sitze zum Sonnenuntergang schon wieder in Porto Castillo bei einem leckeren Tropical Bier. Nun beginnt erst einmal die Zeit, die man braucht, um sich wieder auf der Lady einzugewöhnen. Skipper ist wieder auf seinem Schiff! Die Planung läuft auf vollen Touren. Der Weg wird bestimmt.
Ein Fahrrad ist schnell gemietet, nach den ganzen Weihnachtsfesten habe ich auch richtig Lust, mich zu bewegen. Durch die Straßen von Porto Castillo schlage ich mich über die Berge ins Inland nach Antigua durch. Berge rauf und runter, mitten durch die Steinwelt von Fuerteventura. Es ist heiß, und noch im letzten Moment finde ich einen Supermarkt, wo ich Wasser für meinen Trip bekomme. Stand da nicht genau hierüber etwas im Reiseführer? Ist ja noch mal gut gegangen.
Die Steine haben ihren Reiz. Oft halte ich an, setze mich und lasse meine Gedanken im freien Fall mit den Fallwinden an den Bergen reiben. Viele kleinen Ruinen säumen meinen Weg. Davon werde ich noch mehr sehen in den nächsten Wochen.
Es gibt keine asphaltierten Straßen, und die Wege sind waschbrettartig geformt durch den ständigen Wind. Das rappelt ganz schön in den Armen und Beinen. Bald schon bin ich am Ende meiner Wohlstandskräfte und sitze wie ein Versager am Straßenrand. Aber ich habe richtig Spaß in den Backen und der aufkommende Hunger und Bierdurst treibt mich weiter.
Mir fehlt das Grün. Irgendwie machte schon Lanzarote einen etwas depressiven Eindruck. Fuerteventura scheint da nicht unbedingt besser zu sein. In Porto Castillo kommt das Grün aus schwarzen PVC Rohren, die die ganze Insel mit Süßwasser versorgen. Jede kleine Oase hat ihr eigenes Schlauchsystem und die dazugehörige Hotelburg.
Die Kneipe, die meine natürlichen Gelüste befriedigt, ist gefüllt mit Einheimischen, die über die Nordeuropäer lästern, diese aber freundlich begrüßen, wenn sie zur Tür hereinkommen. Ich fühle mich in einer verkehrten Welt. Bier austrinken, die etwas überteuerte Rechnung bezahlen, sich mit den Gegebenheiten Fuerteventuras abfinden und schnell wieder auf den Stahlesel. Über Stock und Stein finde ich zum Abend den Weg zurück nach Porto Castillo.
Ich bleibe noch zwei weitere Tage in Porto Castillo. Genieße die Sonne und erledige notwendige Dinge, wie Handykarte aufladen, nichts tun, Supermarktbesuch usw. Der Hafenmeister macht sich sehr beliebt bei mir, weil er für die Zeit, die ich eigentlich länger als geplant da war, kein Geld von mir haben will.
Eine Morgens: Leinen los und einhand Richtung Süden. Viele kleine Buchten liegen an diesem Weg und ich halte eigentlich in jeder an, schmeiße mein Eisen (Anker) in die Tiefe. Kein Handyempfang, am Satellit stellen sie gerade etwas um. Upps, so war Fahrtensegeln früher. Vielleicht schöner? Darüber werde ich in den nächsten Jahren noch genug nachdenken können.
Das nächste größere Ziel ist der Fischereihafen Gran Tarajal. Ich muß einige wilde Manöver in diesem Hafen machen, doch im Detail schaut man wohl besser im Logbuch dieser Zeit nach. Wichtig an diesem Hafen ist die Ursprünglichkeit, die er sich an der sonst so touristisch erschlossenen Südküste Fuerteventuras, erhalten hat.
Für Überraschungen bin ich ja immer gerne zu haben. Das Handy klingelt, und mein Freund Uwe meldet sich von der Costa Calma, ein paar Meilen weiter südlich. Seine Frau hat ihm und ihren Kindern diesen Deutschland-ist-so-kalt-Urlaub geschenkt. Schon am nächsten Tag treffen sie mich, wie ich gerade mit einem schwerbeladenen Seesack aus dem Supermark komme. Prima, manchmal liebe ich Autos. Ich werde zur Lady mit dem Auto kutschiert.
Ein gemeinsamer Törn mit der Lady zur Costa Calma nach Morro Jable wird angedacht. Ich möchte die Kinder nicht mitnehmen, weil ich keine entsprechenden Rettungswesten habe, und so wird aus dem Familientörn schnell ein Törn mit Uwe. Eigentlich wollte ich noch gar nicht weiter, weil mir Gran Tarajal doch sehr gut gefällt. Aber so ist das mit den Gästen.
Während Uwe und Familie noch auf der Lady sind, kommen Ruth und Gerd über den Steg, stellen sich vor und spontan bleiben sie auf ein Getränk auf der Lady. Die beiden sind supernett, ich schließe sie sofort in mein Herz. Am Abend ist Party auf ihrem Boot der SY Toiken und zu fortgeschrittener Stunde betreten Uwe und ich das Boot. Eine ca. 7 Meter lange GFK Yacht, mit der Gerd vor einiger Zeit von Europa kam.
Gerdruth (der gemeinsame Name) bauen sich gerade eine Reineke Yacht in Deutschland und der Kasko ist soeben fertiggestellt worden. Im Moment arbeiten sie beide als Animateure in den Hotels an der Costa Calma, um das Geld für den Ausbau und die Fertigstellung ihres Bootes zu erwirtschaften. Geplant ist auch die große Fahrt. Gemeinsame Interessen verbinden, so sind alle Gäste der Bootsparty schon bald weg und wir drei brabbeln die halbe Nacht durch. Das ist so schön beim Fahrtensegeln. Gemeinsam träumen. Schon bald führt mein Weg den Eintagestörn mit Freund Uwe die Costa Calma entlang. Uwe hat deutlich Spass in den Backen. Der Wind kommt unspektakulär von hinten, aber so haben wir Zeit, uns endlich mal länger und über andere Themen zu unterhalten, als wir das in Deutschland je gemacht haben. Uwe baut in Deutschland in Edelstahl und schaut mit kritischen Augen über die Lady, gibt mir nützliche Ratschläge... Ob er sich vielleicht mehr fürs Segeln interessiert weiß ich nicht, doch wenn er schon Motorboote gut findet, ist der Weg zum Segeln ja eigentlich nicht so fern.
Moro Jable liegt direkt hinter der Touristenmetropole Jandia und erschreckt mich erst einmal tüchtig, als wir an der Strandpromenade entlangsegeln. Im Hafen schmeiße ich den Anker, und am Abend setzt die Lady mit dem Kiel sanft auf den Sandgrund. Nein, nein, ich wollte nicht trockenfallen. Uff, gut, daß ich Bord bin und unter Motor verlegen kann. Der Hafen ist eng und die anderen Boote schwojen weit. Fallwinde knallen die steilen Klippen herunter mit bis zu 35 Knoten. Irgendwie alles sehr ungemütlich. Nach mehreren Ankerversuchen auf schlechtem Ankergrund und einem dekadenten holländischem Motorboot, stoße ich trotzdem mitten in der Nacht bei Windstille mit einem Schoner zusammen und breche mir die Windfahne meines Pazifikautopiloten. Schlechte Omen soll man ernst nehmen. Der nächste Tag ist ein Stegtag. Egal.
Dringende Arbeiten am Rigg und so weiter lassen mich noch ein paar Tage an diesem nicht gerade wunderschönem Ort verweilen. Es gibt nicht so viele nette Segler, wie an Orten, die ich später noch besuchen werde, aber da ist ja Gerdruth. Zu Besuch auf der Lady sitzen wir bis tief in die Nacht, spinnen weiter friedlich Seemannsgarn und träumen gemeinsam von den Zielen, die wir ja noch erreichen werden. Alles endet in einem Lachanfall, den ich sobald nicht vergessen werde. Gerdruth ist mir bestimmt böse, daß ich dieses Foto hier veröffentliche, aber das ist mir jetzt erst einmal egal.
Die beiden überreden mich doch noch länger zu bleiben und sie im Hotel zu besuchen, um mir das Leben der Animateure anzuschauen. Gerd stellt Tatjana von der Arbeit frei um mich abzuholen. Tati, deutsches Grafikhäschen, wohnt direkt an der Costa Calma. Wie sich herausstellt hat sie eine Waschmaschine. Nichts besser als das. Eigentlich immer mein größtes Problem, das es zu beheben ansteht. Ich schließe Tati schnell genauso in mein Herz wie Gerdruth. Ich verbringe einen Tag in den Hotelanlagen und bekomme von Gerd alles gezeigt. Hmm. Interessant. Aber irgendwie beklemmt mich die ganze Atmosphäre etwas. Dies hat aber nichts mit den netten Mitarbeitern zu tun, sondern eher mit dem Umstand, daß ja die Gäste unterhalten werden sollen. Das ist für mich so unverständlich, weil ich es für mich gar nicht vorstellen kann, so einen Urlaub zu machen.
Ich frage Tati, ob sie Lust hat den Schlag nach Gran Canaria mitzusegeln. Sie freut sich über die Einladung und schon am nächsten Tag heißt es Leinen los und weg. Die Hälfte des Weges müssen wir bekalmt den Motor zur Unterstützung dazu nehmen, weil Tati ja auch am nächsten Tag mit der Fähre zurückfahren soll. Vor der Hafeneinfahrt von Las Palmas kommt die Lady noch mal so richtig in Fahrt. Der Abend endet mit Bier und Oliven. Eine schöne Zeit, und schon wieder heißt es Abschied nehmen.
Eine Zeit, in der sich der Begriff «KSA-Syndrom » definiert. Kennenlernen, Spass haben und Abschied nehmen. Uff, das geht irgendwie auf das Gemüt, aber gehört wohl auch zum Fahrtensegeln. Der Weg geht weiter. Und Tschüss Fuerte!
Hätte ich vorher gewußt, was mich auf Gran Canaria erwartet, wäre ich wahrscheinlich noch länger auf Fuerteventura geblieben. Es gibt von den zwei Wochen, die ich in Las Palmas war, kein einziges Photo. Das ist immer so, wenn ein Ort mich bedrückt. Folglich vergeht mir die Lust der Dokumentation.
Angefangen hat das ganze Malheur schon mit der ständigen Wolkenbedeckung von Las Palmas. Die Marina liegt direkt hinter einer sechsspurigen, innerstädtischen Autobahn und ist riesig groß. An einigen Tagen war es so kalt, daß ich mein Elekrtroöfchen aus der Bilge auspackte und die Lady einheizen mußte, um mich halbwegs wohl zu fühlen.
In der Stadt konnte ich allerdings endlich viele Erledigungen machen, die auf den kleineren Inseln einfach nicht möglich sind. Harald und Rudi lagen ein Boot weiter und sind wirklich ein süßes Paar, ohne hierbei vom anderen Ufer zu kommen. Allein über die beiden könnte ich einen eigenen Bericht schreiben. Aber lassen wir das. Ich schweife sonst noch ab.
Mit Harald segelte ich nach Arguineguin, bewußt ohne Halt am Playa del Ingles und anderen Hochburgen der südlichen Küste Gran Canarias zu machen. Zum ersten Mal kam ich mit der Lady so richtig in die Düse und nur Fliegen ist schöner. Am besten mal im Logbuch nachlesen!
Arguineguin war mir irgendwie unsympathisch, und der Ankerplatz mit dem Heck zur Mole wackelte ohne Ende. Ne. Also eine Bucht weiter. Am Playa Amfi del Mar ankerte ich, um endlich mal wieder auszuruhen, wenn da nicht diese Jetskis wären. Irgendwie galt es, die aufkommende Depression auszuschalten und wieder die innere Ruhe zu finden. Aber wie? Da kamen jetzt Häfen wie Morgan und Puerto Rico. Große Marinas zu luxuriösen Preisen, wie ich sie mir eigentlich nicht leisten kann. Bei Flaute schob ich an den Häfen vorbei und sah doch Licht am dunklen Horizont. Die unberührte Südwestküste von Gran Canaria. Yeah. Da ist plötzlich nichts mehr. Ich bin begeistert, lasse mich und die Lady treiben. Mit jeder Meile weniger Boote und ich wieder ein Lächeln auf den Lippen, ja im ganzen Gesicht. Es ist ruhig und der Schwell des Atlantiks läßt sich ertragen, so daß ich eine Nacht vor der Küste ganz romantisch ankere.
So stelle ich mir Fahrtensegeln schon eher vor. Riesige Felsen umgeben mein Nachtquartier. Nachts besuchen mich Feen, Klabautermänner und Piraten, die irgendwann auch schon mal an dieser Küste quasi strandeten. Früh morgens starte ich einhand zum Törn nach Teneriffa. 125 Kilometer liegen vor mir, weil ich doch entscheide direkt nach Gomera durchzustarten. Gute Entscheidung. Doch über Gomera wird schon bald Natale, la Capitana, persönlich berichten und um meinen Törn nachzuvollziehen liest man am besten die Logbucheinträge der Zeit vom 4/5.2.01 durch.
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