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Langer Abschied von Gomera

Wie auch immer: Die Zeit bis zum Start unserer Weltumsegelung habe ich größtenteils auf Gomera verbracht und genossen. War es ein Fehler? Nein! Zurück aus Deutschland war der Weg über die windbewegte Marina de la Gomera kurz, um das heiße Vale Gran Rey, den Hafen von Vueltas zu erreichen.

FIESTA. Einmal im Jahr feiern die Vueltaraner ihre Carmen, tragen sie auf das größte Fischerboot, was sie haben, stellen ihre bemalte Elfenbeinmadonna an den höchsten Punkt und haben Spaß. Spaß den ganzen lieben langen Tag und entsprechende Mengen von Alkohol gehören dazu. Eigentlich feiern sie schon eine Woche vorher, dass ja bald die Fiesta anfängt. Schön. Ich bin umgeben von Zipi & Tom, der SY Complice, der SY TRIANA und diversen hängengebliebenen und supernetten Seglern, Spaniern, deutschen Aussteigern und was weiß ich nicht noch für Individualisten.

Es ist heiß. Unendlich heiß. Und ich bin nervös, weil die Capitana doch bald auf´s Boot kommt. Wird sich dann alles in meinem kleinen Leben verändern? Aus Nervosität entwickelt sich Freude und ich fange bei über dreißig Grad an Lady´s Deckhaus und Süllkanten neu zu streichen. Tom und Zipi ertragen mich und meine Launen mit viel Ruhe und bringen mich immer wieder auf den Punkt des Fahrtensegelns zurück. Danke.


Fast unbemerkt von mir kommt der große Tag dann doch noch. Love Parade á la Vale Gran Rey! Alle Versuche diese zu ignorieren scheitern kläglich. Keine 50 Meter vom Hauptaktionsplatz ist dieses auch sehr schwierig. Das Ganze startet mit einem Feuerwerk ohne Ende. Die ganze Woche lang werden vor dem Fischereigebäude immer wieder Salven von lautstarken Raketen zu jeder Tages- und Nachtzeit, je nach dem Alkoholsättigungsgrad des temporären Feuereinsatzleiters. Zu Beginn befindet sich das Ganze in äußerst professionellen Händen. Die Steilwand am Hafen wird als Echoschallkörper benutzt. Hunderte von Einheimischen und Touristen bevölkern den Hafenbereich. Zwischen den Boten und der Hafenmauer liegen nur wenige Meter. Knallend beginnt die Fiesta und alle so wunderschön geschmückten Boote laufen aus, um die Santa Carmen über das Meer zu bringen, sich gegenseitig mit wassergefüllten Luftballons zu bewerfen. Einige Boote sehen fast so aus, als wenn sie den Hafen nicht mehr erreichen würden, weil die Menge der Menschen die Boote so unter Wasser drückt. Aber dann schaffen es eben doch Alle. Fasziniert sitzen die faulen Fahrtensegler, also wir, auf unseren Booten, mit unseren Ankern, Festmachern zum Kai und Mooringleinen, die uns so unbeweglich machen wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen in der Luft paddelt. Doch dem feiernden Bootsvolk macht das so gar nichts und auch der letzte schwimmende Blumenkübel schafft es um die Hafenmole.

Irgendwann kommen Alle zurück. Die Combo dreht Ihre Anlage auf und weiter geht die Party. Nachts steigt ein Feuerwerk, dass mir die Tränen in die Augen treibt so schön und nie vormals in so einer Art und Weise gesehen.

Doch vielleicht hat das einfach auch nur damit zu tun, dass die Capitana schon bald auf´s Boot kommt und ich doch recht nervös bin, nach so langer Zeit des "Alleinseins".

Natale schreibt jetzt weiter...

Am 18.7.01 lande ich dann endlich mittags nach einer Nacht ohne Schlaf auf Teneriffa. Wartezeit in glühender Hitze mit 50 kg Gepäck am Hafen von Los Christianos auf die Fähre nach La Gomera. Endlich legt die Fähre in San Sebastian an und ich kann meinen Schatz wieder in die Arme schließen.
Die letzten Wochen waren sehr anstrengend und ereignisreich. Völlig übermüdet komme ich noch überhaupt nicht klar mit dem fröhlichen Geplapper von Micha und Zipi, die zum Abholen mitgekommen ist.
In Vueltas angekommen, bin ich froh, mich erst mal mit Auspacken und Verstauen beschäftigen zu können.
Abends bei Fisch im Restaurant fließen dann auch prompt noch mal ein paar Abschiedtränchen.
Doch Micha lässt mich nicht im Abschiedsloch versinken. Seit Tagen hat er auf der Lady gestrichen und gewienert. Der Herd sieht aus wie neu und das Holz der Plicht glänzt. Doch fertig ist er natürlich noch nicht. Die erst kürzlich reparierte Sprayhood weist schon wieder Risse auf und der langsam blindwerdende Kompass verlangt nach einer Abdeckung. Praktischerweise besitzt Zipi eine gute alte sailmaker-Nähmaschine und zaubert aus ihren Schapps noch ein bisschen Stoff für die Abdeckung und die Sprayhoodreparatur.
Währenddessen erneuert Micha die Schoten für die Genua und erzählt mir alles Wissenswerte über die Bewohner des Hafens in Vueltas. Zwischendurch kritische Blicke auf das, was ich gerade tue. Wahrscheinlich fragt er sich, ob mir wirklich bewusst ist, dass ich jetzt Segeltuch nähe und keine Patienten mehr.
Zipi und Tom werden von unserem Arbeitseifer angesteckt und schwingen eifrig die Pinsel, morgens zwei Stunden, nachmittags zwei Stunden. Auch der Windgenerator, der seit ein paar Wochen ein untätiges Dasein fristet, wird wieder aufgebaut.
Zwei Tage haben die Einwohner von Vueltas mir die Nachtruhe gegönnt, danach begann der zweite Teil der Fiesta del Carmen. Musik bis in die frühen Morgenstunden, und vereinzelte Attacken von pyromanischen Gomeros während des Tages lassen uns immer wieder an Flucht denken. Die Schmoeckwitz aus Berlin mit Gerry und Anne verlässt für das Wochenende den Hafen, doch wir müssen an die bevorstehende Arbeit in der Werft denken, und alles andere vorher in Vueltas erledigen.
In den Supermärkten von Vueltas wird noch fleißig Vollkornmehl eingekauft, wahrscheinlich einer der letzten Orte, wo man solch typisch deutsche Lebensmittel einkaufen kann! Unsere Abende in Vueltas verbringen wir hauptsächlich mit Zipi und Tom, lernen israelitische Küche kennen und lieben. Doch irgendwann drängt der Zeitplan, mein Tauchkurs wartet, die Lady will aus dem Wasser, so dass wir unseren Anker heben und unter Tränchen Vueltas den Rücken kehren.
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