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Trip nach Graciosa

Segeln ohne Grenzen

Natale musste zurück nach Deutschland, und wie immer schlug erst einmal die Welle der Entrüstung darüber über mein Haupt zusammen, obwohl ich mein Leben als, zeitweise einsamer Segler doch selbst so gewählt habe. Der Weg geht weiter, das Leben auch.
Nächstes Ziel war dann "Las Galletas" an der Südostspitze von Teneriffa. Freund Herbert wohnt dort mit Heike und ihren zwei Kindern in der Nähe des Hafens. Vom Atlantik kam gerade ein Tief, das uns einige Tage, vielleicht sogar länger, südwestliche Wind bescherte. Also, was liegt näher, als den Hafen von Las Galletas anzulaufen.

Südwestwind auf den Kanaren ist immer etwas unangenehm. Südweststurm bedeutet: Verlegen in eine Bucht, die gegen diesen Schutz bietet. Quasi alle Häfen der Kanaren sind gegen diesen seltenen Wind offen, und es kommt der Schwell in den Hafen. Las Galletas ist eine Ausnahme, mit dem zusätzlichem Vorteil, dass hier keine Hafengebühren anfallen. Aber jeder Vorteil hat auch einen Nachteil: Es gibt keinen Platz.

Ein kleiner Anlegesteg war alles, was ich ergattern konnte. Wohl habe ich mich dort nicht gefühlt, zumal, als der Wind dann stärker und stärker wurde. Mit einer langen Bug - und Achterleine ging es dann so einigermaßen. Im Logbuch - Detailbericht nachzulesen um den 1. März ´01.

In Los Christianos versorgte ich mich mit Antifouling - Farben und sonstigem Krimskrams, der eine ordentliche Lücke in die Bordkasse geschlagen hat. Aber so ist das mit dem Segeln halt. Wie unter der kalten Dusche stehen und Hundertmarkscheine zerreißen. Heike hat mich rumgefahren, und zum Dank hab ich die ganze Familie zur Überfahrt nach Gomera eingeladen.

Nach Gomera musste ich eigentlich nur wegen der Sprayhood, die dort zum Nähen auf einem anderen Schiff war. Alles ging schnell, außerdem will ich jetzt auch nicht das Logbuch wiederholen, sondern zum Thema lenken, um das es doch eigentlich geht. Der Trip nach Graciosa !

Highlight meiner Kanarenzeit. Weil: Südweststurm. Mikel von der SY Lia, Robert von der SY Alpha und wir (Lady und ich) nutzen den Wind um einen ordentlichen Schlag durch die kanarische Inselwelt zu machen. Sozusagen von Südwest nach Nordost. 210 Seemeilen durch die von Düseneffekten geprägte See. Einhand. Das heißt wenig schlafen, viel Wasser und noch mehr neue Erfahrungen.

So weit bin ich noch nie alleine gesegelt und klar: Ich wollte es natürlich wissen, wie es denn so ist. Und es ist verdammt anstrengend. Viel anstrengender als ich mir das vorgestellt habe und bestimmt nicht super romantisch. Wenigstens zum größten Teil nicht. Das liegt hauptsächlich an dem kleinen Begriff: Einhand. Das Problem ist der Schlaf, die Anstrengung bei dieser aufgewühlten See und die Nacht.

Die Lady segelt alleine. Nachts, etwas mehr gerefft, brauchte ich eigentlich nie etwas anderes machen, als ab und an mal den Standort zu kontrollieren. Die Selbststeueranlage ein paar Grad nach steuer- oder backbord korrigieren und mich mit der Frage beschäftigen, ob ich nun einfach schlafen gehe oder nicht. Genau 10 Minuten vergehen vom ersten Sichtkontakt zu einem dieser Riesenschiffe bis es theoretisch ordentlich kracht. Das heißt auch, theoretisch alle 10 Minuten einen 360° - Rundumblick. Die Wahrheit ist: Den Wecker auf eine halbe Stunde stellen und schnell versuchen einzuschlafen. Irgendwann kam ich an einem Punkt der Erschöpfung an, der dazu führte das ich einfach 2 - 3 Stunden geschlafen habe. Der Körper holt sich was er braucht. Da ist nix zu machen. So also ist die Wahrheit und nicht anders. Also doch gefährlich. Andere Segler, die einhand unterwegs sind haben mir das bestätigt. Aber irgendwie will ja so keiner ehrlich drüber reden. Is klar ;-)

Der Schlaf ist oberflächig. Jedes, auch nur kleinste Geräusch, das an Deck passiert, weckte mich sofort auf, hektisch stürmte ich an Deck um nachzusehen was los ist und holte den verpassten Rundumblick nach. Nie ist irgendwas Schlimmes passiert. Eben bis was passiert.

Irgendwann, eigentlich hatte ich schon jedes Zeitgefühl verloren, kam ich dann an. Kurz vor Graciosa taucht ein UWO (unbekanntes Wasser - Objekt) backbord auf dem Radar auf. Da isse ja, die SY Lia. Am nächsten Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. Schwupps und ich habe mich in diese Insel verliebt. Hoffnungslos. Der Blick rüber nach Lanzarote is ja auch nicht schlecht.

Die drei Skipper traben los, um das neu entdeckte Land zu erkunden. Mann, ist das heiß. Fassungslos traben wir die nächsten Tage gemeinsam über die Insel und erkunden alles. Die Ausdehnung von Graciosa ist nicht so besonders. In drei Stunden ist man einmal quer drübergelaufen. Da sind Steine, Steine und wieder Steine. So wie ich die Kanaren inzwischen ja doch recht gut kenne. Es gibt auch nicht viel außer Asche und erloschene Vulkane. Aber sie hat was, die Insel. Etwas so schönes, fast nicht beschreibbares. Am anderen Ende angekommen, der wilderen West - und Wetterseite, bietet sich ein wahnsinniger Blick. Es hat schon seinen Grund, dass Graciosa unter Naturschutz steht. Zumindest Teile des Meeres und der drei vorgelagerten und unbewohnten Inseln. Robert hat auch ziemlich Spaß in den Backen. Er ist hingerissen. Dabei ist er doch eigentlich mit seiner SY Alpha auf dem Weg in den kalten Norden; er will zurück nach Deutschland. Es gibt viele Gründe, aber so richtig erklären kann er mir eigentlich keinen. Aber das ist halt Segeln. Das gehört dazu. Planen. Verwerfen. Neu planen.

Mikel und Robert wollen unbedingt noch einen verstorbenen Vulkan erobern. In der Mittagshitze. Wann auch sonst ? Mir läuft schon beim Anblick des Berges die Suppe über die Brust, meinen Bauch hinunter. Aber alles hat ein Ende und irgendwann sind wir dann doch oben ;-)) Belohnung gibt es auch: Der Blick in die Tiefe. Immer wieder schade, wie das 3D - Bild in meiner Erinnerung ist und das Ergebnis als Photo in 2D. Leben ist halt erleben. Anders geht es nicht. Zur anderen Seite nach Westen ist der Blick nicht viel schlechter. Das Ganze wird mit einer Photosession gefeiert um der Nachwelt eine neue Version von Dick und Doof darzubieten :-)

Mikel muss irgendwie, irgendwo unbedingt Leute seiner Crew nach soundso bringen. Nix wie weg mit dem Wind in der Tasche, weil der inzwischen wieder von Norden kommt. Robert bleibt mir erhalten und zu meiner Freude kommt Freundin Tati uns übers Wochenende besuchen. Eine wie gerufenen Abwechslung. Die Abende bleiben feucht fröhlich. Denn eins muss klar sein: Auf Graciosa ist nicht nur ein Hund begraben, dort werden alle Hunde von Lanzarote begraben, wenn sie ihr Lebensziel erreicht haben. Das ist schön, aber man muss auch erst einmal lernen, damit klar zu kommen.

Nachdem auch Robert Besuch bekommen hat, das Wasser unter dem Kiel sucht, bin ich irgendwann alleine und das auch noch vor Anker, weil ich natürlich das Geld für die Marina sparen will !

Irgendwann, Ende des Monats bekomme ich Besuch, den ich in Los Christianos abholen will, soll, werde... Bis dahin ist aber noch viel Zeit. Ich lerne Jochen kennen. Jochen lebt auf seiner Vertigo. Mit seiner Frau. Aber nein. Seine Frau macht nur Urlaub. Er liegt hier schon seit geraumer Zeit für noch mehr geraume Zeit vor Anker. Sein Schiff, ähm, Katamaran passt nämlich nicht in den Hafen.

Riesengroßes Rennteil, das aber null Raum für den Menschen bietet. Eine Höllenmaschine, die nur unter Großsegel schon bis zu 25 Knoten segelt. Jochen hat sein Leben als Charterskipper auf eigenem Schiff verbracht, und dann musste es jetzt eben mal was Schnelles sein. Rennyacht pur. Einhandkat mit 55 Fuß Länge. Wahnsinn. In je einem Rumpf eine kleine Kabine mit Segeltuchmatratze und offener Bilge darunter. Dusche: Das Meer. Toilette: Das Meer. Jochen segelt gerne. Alleine !

Jochen ist ein wirklich positiv strahlender Mensch, mit dem ich angenehme Stunden verbracht habe. Dem Alkohol für eine gewisse Zeit komplett entronnen, weil er eben zuviel Alkohol mit seinen Chartergästen getrunken hat und nun mal eine längere Pause machen muss. Irgendwie. Ich meine, ich denke ja viel über andere Lebensformen nach, statt Grafiker, aber ich glaube, Charterbrigadenskipper ist nichts für mich, wenn ich den Erzählungen so lausche. Aber vielleicht habe ich einfach zu lange das Gleiche gemacht...Denk !

Eines Tages ist aber diese Zeit vorbei. Ich muss mich auf den Weg machen. Sonst wird es knapp. Und, is klar: Nordwind mit sieben Windstärken. In manchen Momenten vermisse ich das Ijsselmeer dann doch. Zumindest, wenn ich an die Zeit denke, wo dort mal schönes Wetter war.

Am Ankerplatz, in der Düse, weht es kräftig und ich hab mir eine Kette ums Riff geschäkelt. Also, tauchen und losmachen. Das bei der Welle und schlechter Sicht unter Wasser. Alles klar auf der Andrea Doria ! Gemacht getan. Kaum bin ich los vom Grund bricht dem Skandinavier, keinen Steinwurf von mir entfernt die Ankerkette mit lautem Knall. So was gibt es wirklich. Nix passiert, außer dass ihm sein Anker halt flöten gegangen ist
.
Schnell noch mal zu Jochen, ein Abschiedsfoto machen, weil ich nämlich ziemlich fotografierfaul war in der letzten Zeit. Und dann heißt es: Kurs "Las Palmas". Ich habe wieder stundenlang gebraucht um die Lady klar zumachen und somit ist es schon Mittag, als ich endlich loskomme von meinem geliebten Graciosa.

Rückenwind. Wenigstens etwas. Der Trip war relativ unspektakulär und ich habe den Logbuchberichten dieser Zeit nichts hinzuzufügen, außer, das ich lieber mit Natale, als alleine segel. Das weiß ich nun ziemlich genau.

Irgendwann stehe ich mit der Lady kurz vor der Hafeneinfahrt von Las Palmas. Total fertig. Ich will nie wieder segeln. Wenn überhaupt erst wieder, wenn ich 2 Tage geschlafen habe ! Nach unendlich langem Schlaf treffe ich dann, wer hätte es gedacht, in dem ansonsten absolut unterbelegten Hafen, die Alpha. Mit Robert feiere ich zunächst unser Wiedertreffen, am nächsten Tag feiern wir... ich weis nicht mehr. Aber ich muss weiter. Meine Gäste warten sonst bald.

Im Logbuch ist der folgende Trip über Arguineguin nach Los Christianos zur Genüge beschrieben. Die ganze Zeit war von Schwerwetter geprägt. Erst habe ich versucht den nördliche Zipfel von Gran Canaria zu umrunden. Das Bild vom

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Navigationsprogramm (www.transas.de) zeigt das deutlich. Ein elender Versuch. Bis ich dann schließlich entnervt aufgegeben habe. Im Süden habe ich dann alles zu leicht genommen und mir keine Segelklamotten angezogen. Wofür braucht denn Herr Wnuk auch Segelklamotten ? Und habe soviel Wind auf den Arsch der Lady bekommen, dass ich klatschnass vier Stunden am Ruder stehe, keine Möglichkeit mir anderes Zeug anzuziehen, weil die Lady sonst aus dem Ruder gelaufen wäre. Ganz ehrlich: Ich denke nicht gerne an dieses maßlose Selbstüberschätzung zurück. Ich habe mich durch Dummheit eindeutig in Lebensgefahr begeben, die Lady schlecht vorbereitet und schlechte Seemannschaft geführt, aber letztendlich eben doch Arguineguin erreicht.

Für den Schlag nach Los Christianos habe ich mich dann richtig angezogen, gute Seemannschaft geführt und keine Probleme mit den Böen von zehn Windstärken gehabt. Es geht eben doch, wenn man genügend Vorbereitungen getroffen hat.

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