Am Ende der Welt
Die Zeit rennt, und schon ist Freund Rossi da. Meine Freude ist groß. Kommunikation mit einem Menschen aus Düsseldorf. Fast hatte ich schon vergessen, wie das alles so ist, dort im Dorf an der Düssel. Aber Rossi kommt an, feels good auf der Lady. Eine wunderschöne Woche in San Sebastian vergeht schnell in langen Abenden mit viel Quasselei und Tratscherei. Eigentlich hatten wir in der Zeit in Deutschland mehr beruflich miteinander zu tun. Jetzt betreut er mit seinen Partnern unsere Internetseiten. Aus der beruflichen Bekanntschaft wird schnell eine private Freundschaft. Das tut mal wieder richtig gut.
Der Weg führte uns nach Vale Gran Rey, wo die Lady bisher noch nicht gelegen hat. Vorbei an den vielen schönen Plätzen der gomerianischen Ost- und Südküste, mit den vielen Buchten, wo Rossi schnuppertaucht und den Reiz des Fahrtenseglerlebens in vollen Zügen genießt. Er braucht noch nicht einmal eine Eingewöhnungszeit. Er ist sofort nah und da. Im Hafen von Vueltas, einem Ortsteil im Vale Gran Rey lebt das Leben langsamer. Schnell die Hängematte raus und der blasse Rossi wird erst einmal zum roten Rossi. Das Nachtleben in Vueltas ist ziemlich deutsch geprägt, da hier viele Weltenbummler, Individualisten, solche die es werden wollen oder auch nicht mehr usw. ihre neue Heimat gefunden haben, Kneipen und Boutiquen eröffneten und einfach leben. Wir feiern unsere Freundschaft, das Leben und die Spanier. Alles ist gut.
Kurze Zeit später kommt die Capitana zum Kontrollbesuch aus Deutschland
angereist :-) und schnell verlegen wir wieder nach San Sebastian, um die
Nette von der Fähre abzuholen. Und abends muss Rossi dann ins Kino.
Schnell gebe ich ihm 2000 Peseten, damit Natale und mir die Lady für
ein paar Stunden alleine gehört. Was macht Rossi? Rennt in die einzige
Diskothek von San Sebastian und tanzt mit den einheimischen Mädels
bis tief in die Nacht und bis die Freunde der Einheimischen eifersüchtig
werden. Klar landet er an der Theke, an der der Barkeeper Rossi dann Havanna
Club Injektionen verreicht. Ende vom Lied ist, dass Rossi, mit sich selbst
redend eine halbe Stunde braucht um den Schritt vom Steg über die
Reeling zu schaffen. Grins. Da lach ich, weil Rossi so süß
ist, wenn er was getrunken hat. Die nächste halbe Stunde sitzt er
bei Vollmond mit sich selber redend in der Plicht. Irgendwann bin ich
eingeschlafen.
Ein paar Tage später treibt uns der Wind nach El Hierro. Rossi geht
es nicht ganz so gut, was wohl an der Chorizo liegt, die ich irgendwann
auspackte und gegessen habe. Der Arme ist Vegetarier und kann schon den
Geruch von solchen Extremen nicht vertragen. Die letzte Stunde des Weges
knallt der Wind dann so richtig und die Lady rennt durch die Wellentäler.
Kaum angekommen in Restinga / El Hierro bläst es mit acht Windstärken
im Hafen und zeigt uns, wie es vorzugsweise weht in "Restinga Waterport".
Wir zeigen Restinga auch gleich mit Bravour wie schlecht wir anlegen können.
Das schlechteste Anlegemanöver seit Gedenken. Ein paar Stichworte:
Bugspriet knallt gegen die Hafenmauer, Fischer "Valentin" kommt uns zur
Hilfe, Hund des Fischers fällt ins Wasser, Rettungsaktion, Lady küsst
Fischerboot des Fischers, Schwell hebt und senkt die Lady je um anderthalb
Meter im Hafenbecken, Mittelanker ins Hafenbecken geworfen, Fischer bringt
einen neuen Mittelanker ins Hafenbecken aus... Zum Schluss ankern wir
frei von Hafenmauer und Schwell in der Mitte der Hafeneinfahrt. Peinlich,
aber wahr.
Unsere Ankunft feiern wir dann auch am nächsten
Abend gebührend in der Tasca, direkt am Hafen. Wir haben überlebt.
Aber werden wir Cubas Kräuter auch überleben? Es kommt schlimmer
als geplant. Aber Rossi hat nicht auf dem Tisch getanzt. Eine meiner Lieblingsaufnahmen
von Natale ist mir an diesem Abend mit unserer Digitalkamera gelungen.
Schon reißt sich Rossi sein Hemd auf und meint auch einen schönen
Busen zu haben. Die Einheimischen stehen an der Theke und betrachten uns
neugierig. Wir haben einfach nur einen wunderschönen Dreierspass.
Rossi ist jetzt "Friend of IRON LADY"!!!
Rossi hat nur noch ein paar Tage und wir mieten uns ein Auto um eine Inselrundfahrt
zu machen. Doch irgendjemand hat einen Bronchitis- und Schleimvirus von
irgendwoher mitgebracht. Rossi und Micha geht es schlechter und schlechter.
Natale ist durch ihre tägliche Arbeit im Krankenhaus mit allen Wassern
und Viren gewaschen. Kerngesund schwebt sie über uns und muß
den Krankentransport über die Insel durchführen. Rossi hat viele,
viele Bilder gemacht und ich denke vielleicht schreibt er ja mal einen
eigenständigen Bericht. Häh: Rossi?
Rossi verlässt uns, um in die Heimat zurückzukehren und Natale
pflegt ihren kranken Fahrtensegler wieder so einigermaßen gesund.
Ganz so hatte sie sich den Urlaub zwar nicht vorgestellt, aber sie versucht
ihr frohes Gemüt beizubehalten. In Restinga gibt es prima Fisch direkt
bei den Fischern zu ersteigern. Zackenbarsch steht ganz oben auf unserer
Speisenkarte. Ausgenommen und gesäubert wird der Fisch immer im Dinghy.
Hier ist es am leichtesten, das Umfeld später dann wieder zu säubern.
Zwischendurch fährt uns noch fast ein Fischerboot von den Azoren
platt, dass in den Hafen von Restinga einläuft und uns offensichtlich
nicht sieht. Ein paar Meter hinter uns dreht es dann doch noch nach lautem
Rufen bei und wir sitzen mit einem tiefsitzenden Schrecken in den Knochen
in der Plicht.
Direkt südlich von Restinga beginnt das Naturschutzgebiet, was Natale
und ich via Wanderschuhe an einem der letzten Tage ihres Urlaubs erkunden.
Herrliche Felskunstwerke hat hier Mutter Natur mit flüssiger Lava
geschaffen. Stundenlang geht es durch glühende Sonne und heiße
Steine. An einem der nächsten Tage fahren wir mit dem Bus nach Valverde,
der Hauptstadt von El Hierro um einzukaufen und später den Weg zurück
mit dem Tramperdaumen. Süß sieht sie aus, die Capitana, so
am Straßenrand über den Wolken.
Aber auch Natales Urlaub hat leider ein Ende und für mich beginnen
zwei Wochen, die ich in meinem Leben nicht missen werde. Die Bronchitis
war wohl noch nicht ganz abgeklungen und beim Mouring legen mit Neoprenanzug
und Tauchflasche habe ich mir wohl beim Druckausgleich die Bakterien so
richtig in die Nebenhöhlen geschossen. Eine Nebenhöhlenentzündung
folgt, die es in sich hat. Meine Capitana ist weg und ich komme wirklich
nicht aus der Koje. Ich schlucke Aspirin und Antibiotika wie Bonbons,
solche Schmerzen habe ich und zu guter Letzt hilft nur noch Salzwasser
durch die Nase ziehen und durch den Mund wieder ausspucken. Igitt. Aber
nur das hat richtig geholfen. Das da natürlich nix mit Tauchen ist,
leuchtet sogar mir ein.
Nach Gesundung komme ich aber dann doch noch mit dem Tauchen so richtig
auf meine Kosten und habe hier drüber einen speziellen Bericht im
Bereich Riffe geschrieben. Einfach mal reinschauen.
Irgendwie bin ich aber doch recht vereinsamt in Restinga.
Die Einheimischen sind ziemlich störrisch und verbringen ihre Stunden
lieber in El Bar. Es ist recht schwierig einen Kontakt aufzubauen, obwohl
mein Spanisch eigentlich fließend ist. Doch die Menschen in Restinga
sind halt anders. Anders als auf den restlichen Kanaren. Hippieclaus ist
da ganz anders. Er lebt in einer Höhle im Naturschutzgebiet, kommt
aus Schweden und hat der schwedischen Selbstmordrate den Rücken gekehrt.
Mit seiner kleinen Pension kann er hier prima leben, aber mit den Einheimischen
hat auch er es relativ schwer. Da passiert es mir schon mal, dass er keinen
Einlass in einer Bar findet oder die Leute ihn auf der Straße recht
eigenartig anschauen. Ich mag ihn.
Doch ich lasse mich nicht vertreiben von Crazy Restinga. Zu schön
ist es bei FAN Diving Hierro, (www.el-hierro-tauchen.de) mit Günter
zu tauchen und den Daumen zu heben, um über die Insel zu fahren.
Beim Trampen lernt man die nettesten Leute kennen und nie habe ich länger
als zehn Minuten gewartet. Die Fahrt geht durch Wälder, die mich
an Deutschland erinnern und vorbei an Landheimen und vielen, vielen bunten
Blumen. Dieses Blumenphoto ist speziell für Brigitte, Mama von Nathalie.
Zu guter Letzt meldet sich die SY LIA zum Besuch an. Meine Freude ist
riesig. Mikel kommt mit Steve und Sven von Gomera rübergesegelt.
Für ein paar Tage kochen und leben wir gemeinsam. Wir schnorcheln,
tauchen und wandern gemeinsam in die verbotene Bucht "Puerto Naos" von
der Columbus zu einer seiner Reisen gestartet sein soll. Dieser wunderschöne
Platz steht so sehr unter Naturschutz, dass hier alles verboten ist: Wandern,
Schnorcheln, Tauchen, Fischen, Ankern, gucken und was weiß ich nicht
noch. Wahrscheinlich atmen. Wir ignorieren alle Verbote und verleben einen
wunderschönen Naturtag.
Irgendwann aber ist auch die SY LIA wieder weg und aus Deutschland kommen
keine gute Nachrichten. Meine Mutter liegt im Krankenhaus. Ich ahne Übles
und kehre bald Restinga den Rücken, segel einhand nach San Sebastian
de la Gomera. Ich bin mächtig verwirrt von den familiären Problemen
in Deutschland und lasse die Lady in der Marina. Heimflug ist angesagt.
Ich will zu meiner Ma.
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