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Sieben Tage See

Vorbereitungen:
Nach zwei Wochen in Restinga auf El Hierro, in denen ich meinen Tauchschein bei Günter, der ein hervorragender Lehrer ist, gemacht habe, hat es uns schließlich in den Schwimmflossen gejuckt !
Micha hat schon ein halbes Jahr auf den Kanaren verbracht, und auch ich verspüre das Bedürfnis nun endlich Europa zu verlassen. Nach einem Grosseinkauf beim Gemüsemann, und dem Füllen der Wassertanks verholen wir die Lady nach Tacoron, einer Bucht an der Südküste, die Costa Calma genannt wird.
Ein wunderbarer Ort, um sich auf einen langen Schlag vorzubereiten. Die Fock hatte einen Riss und musste dringend noch genäht, das Gemüse fachgerecht verstaut und die Mannschaft seelisch auf dieses Großereignis vorbereitet werden.

Zwei Tage vergehen mit Arbeiten, Schnorcheln, Tauchen bis der letzte Abend anrückt. Ein weiterer Vorteil von Tacoron ist, dass eine halbe Seemeile entfernt an der Küste ein wunderschöne Pizzeria für Tagesausflügler liegt, denn die Costa Calma ist eine beliebtes Ziel der einheimischen Badenixen und Wassermänner.
Mit den letzten Peseten in der Tasche tuckern wir mit unserem Dinghi zur Badebucht, vertäuen es an der Badeleiter und geniessen ein letztes Mal bei Sonnenuntergang, Rotwein, Pizza und den festen Boden unter den Füssen.

Ankerauf:
In der Nacht wird es dann rollig. Die Kanaren scheinen uns einen Tritt geben zu wollen, damit wir endlich den Anker heben und gen Süden fahren. Machen wir dann auch. Die Lady ist abfahrbereit, also schleichen wir uns am 20.08.01 um 04:15 Uhr aus dem Windschatten von El Hierro um den Passat zu suchen.
Suchen ist das richtige Wort, nach ein paar Stunden Düse von den Kanaren ist der Wind weg, für die nächsten 12 Stunden ist Motoren angesagt und auch danach meldet sich der Passat allerhöchstens mit Windstärke 2-3. Die Segel schlagen immer wieder. Die Lady wackelt sich ein und die Mannschaft ist dementsprechend genervt. Unser Gleichgewichtssinn hungert nach Fahrt im Schiff um einen Anhaltspunkt zu bekommen, wo und wie wir uns befinden. Die Mägen halten tapfer durch.

Passat:
Endlich ist es soweit, am zweiten Tag findet uns der Passat und die Lady kann endlich unter Vollzeug ihrem neuen Ziel entgegenbrausen.
Jeder, der schon mal auf einem Segelboot war, weiß, wie sich die Stimmung ändert, wenn endlich Bewegung ins Schiff kommt, wenn das Kielwasser anfängt zu schäumen und der Bug mit lautem Rauschen die Wellen zerteilt. Für Nichtsegler sei als Beispiel der Moment genannt, wo sich der 20 km lange Urlaubsstau auflöst und man endlich wieder aufs Gas treten kann. Jegliches Unwohlsein und Langeweile verschwinden, wir sitzen im Cockpit und genießen das endlose Blau.
Die Segelstellung wird während der Fahrt kaum noch geändert. Am Ende schiften wir von einer Seite auf die andere, da die Rollerei vor dem Wind irgendwann zu sehr nervt.

Bordroutine:
So langsam entwickelt sich eine gewisse Routine auf der Lady, die Nachtwachen sind zwar immer noch unbeliebt, aber man gewöhnt sich an den Rhythmus. Nachts landen immer wieder fliegende Fische auf dem Deck. Manchmal direkt vor den eigenen Füssen, oder sie fliegen einem beim Rundumblick um die Ohren. Lebende Exemplare werden großzügig wieder ins Wasser befördert, die getrockneten auch, allerdings nach einer Fotosession.
Wichtiger Bestandteil der Bordroutine ist der abendliche Sundowner. Egal ob Regen, Flaute, Wind oder Sonne. Pünktlich zum Sonnenuntergang sitzen Micha und Natale mit Cocktail in der Hand in der Plicht und geniessen die letzte Stunde des Tages und philosophieren über das Leben, das Segeln und die bevorstehenden Nachtwachen. Immer mal wieder überlegen wir, ob man die Wachen nicht günstiger verteilen könnte, aber mehr Schlaf gibt das auch nicht. Wir sind eben nur zu zweit, da machste nix !

Petri Heil:
Nachdem unsere bisherigen Fahrten nie mit Fisch gesegnet worden sind, scheint sich jetzt eine positive Wendung einzustellen. Schon am dritten Tag zuckt die Leine zum ersten Mal, doch Micha und Natale völlig verdutzt, staunen gewaltig und können zusehen, wie sich der Fisch wieder vom Haken reißt. Nun ja, wo einer ist, sind noch mehr und wenige Minuten später zappelt die nächste Dorade an der Angel. So groß wie die erste ist sie nicht, aber vollkommen ausreichend für ein Abendessen. Die Weichen sind gestellt. Die Schleppangel wird höchstens noch nachts reingeholt. Doch der nächste Fang endet leider mit Verlust. Wir bemerken nicht, dass einer angebissen hat und so schafft das Meeresungetüm es, die Angelschnur durchzubeißen und unseren tollen Köder mit Zwillingshaken mit in die Tiefe zu nehmen.
Aber auch Fahrtensegler können noch schlauer werden. Das neue Angelsystem beinhaltet einen alten Fahrradschlauch, der sich bei Zug spannt und so den Ruck abfedert. Außerdem hoffen wir so schneller reagieren zu können.
Und siehe da, es klappt. Am fünften Tag der Reise holen wir eine 15-20 Kg schwere Dorade aus dem Meer. Fisch satt für mehrere Tage. Der Rest wird gesalzen und zwecks Stockfischherstellung ins Rigg gehängt.
Ob wir jetzt besser Angeln können, mehr Fische da waren oder wir einfach mehr Glück hatten, wer weiß das schon. Ist auch nicht wichtig, Hauptsache die Bratpfanne ist voll !

Begegnung der dritten Art:
Nach dem Doradenfang am fünften Tag auf See, erhole ich mich am Navtisch von dem Ereignis. Höre friedlich Musik und wiege mich im Schaukeln der Lady, als mich ein gewaltiger Rums aus dem Stuhl nach oben schleudert und unsanft zurück auf meinen Popo.
Panik, Hysterie auf der Lady, was war das ? Container gerammt ? anderes Boot ? Soweit draußen gibt es doch keine Riffe. Ich stürze ins Cockpit und komme gerade noch rechtzeitig um an der Backbordseite achtern die Augen und den Kopf eines Wales zu sehen. So nah, dass man ihn hätte anfassen können. Und noch einen direkt daneben. Wahnsinn ! Nach ein paar Sekunden ist der Spuk vorbei, die Wale elegant und ohne weitere Kollision in die Tiefe abgetaucht. Das Herz schlägt mir immer noch bis zum Hals. Ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll. Tue beides und kann es immer noch nicht glauben.
Den Beweis für diese Kollision entdecken wir später bei der Inspektion des Unterwasserschiffes. Backbordseitig am Bug haben wir eine große weichauslaufende Beule. Hoffentlich hat sich der Wal nicht allzu arg verletzt !

Luxus an Bord:
Was ist Luxus an Bord ? Fern ab von fließendem Wasser, umgeben von Unmengen Salzwasser, ist eine ausgiebige Süßwasserdusche an Deck der Inbegriff des Dolce Vita. Gesäubert und in frische, duftende Handtücher gewickelt aalen wir uns am Tag des Bergfestes in der Sonne.
Auch der Moment, wenn trotz Seegang und Rollerei das frischgebackene Brot aus dem Ofen kommt und seinen Duft verströmt verbreitet absolute Zufriedenheit auf der Lady.
So eintönig das Leben an Bord manchmal ist, so schön sind die Abwechslungen. Man lernt, sich über kleine Dinge zu freuen und über den ganz großen Augenblick:

Land in Sicht:
Am siebten Tag auf See kommt am späten Nachmittag Land in Sicht. Die Lady ist tagsüber immer langsamer geworden, der Wind hat nachgelassen, doch Dank der Strömung bewegen wir uns immerhin auf das Land zu.
Geschäftigkeit kommt auf, putzen, aufräumen, Seebetten abbauen, Q - Flagge nähen und dann:
Fotosession beim Flagge hissen. Die kapverdische Gastlandflagge und die gelbe Q - Flagge muss gesetzt werden. Letztere zeigt an, dass alle an Bord gesund sind, keine Probleme vorliegen und man gern einklarieren möchte.

Die letzten Stunden ziehen sich wie Kaugummi, doch langsam werden die schemenhaften Umrisse deutlicher. Um es spannender zu machen, meint Micha, dass es nun Zeit für meinen ersten Einhandlandfall ist, kuschelt sich gemütlich ins Cockpit und sagt nix mehr.
Nun gut. Muss man durch. Er könnte ja auch krank sein, müsste ich dann auch alleine schaffen.
Es ist dunkel, als wir in Palmeira, dem großen Inselhafen von Sal ankommen. Doch unsere Karten sind sehr detailliert, der Wind schwach und der Hafen gut beleuchtet. Die einzigen Holpersteine sind ein paar Festmacherbojen für Tanker vor der Hafeneinfahrt, die nicht beleuchtet sind. Besser nicht treffen, eine Beule haben wir ja schon !
Doch alles geht glatt. Die Bucht ist groß und ohne Probleme lasse ich den Anker in die Tiefe rauschen. Fest ! 733 Seemeilen in 6 Tagen und 18 Stunden liegen hinter uns ! Der Willkommensschnaps wird eingeschenkt und dann ab ins Bett...der größte Seglerluxus nach einer Langfahrt: ununterbrochener Schlaf !
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