Iron Lady auf dem Trockendock
Mit einer Frau in die Stadt zu gehen um neue Schuhe
zu kaufen ist eine Sache, jeder der dieses Abenteuer schon mal mitgemacht
hat, weiß wovon ich rede, versetzt Euch einfach in diese Situation und
denkt: Es kann noch schlimmer kommen. Geht nicht? Doch! Welche Farbe steht
unserem Boot am besten? Es gibt zahlreiche Hilfsmittel, um dieses schwerwiegende
Problem zu lösen, man spaziert über die Stege sämtlicher Häfen und diskutiert
über Farbvorstellungen anderer Bootseigner, man trinkt Rotwein und überlegt
ob man vielleicht mit der Farbauswahl eine Bo(o)tschaft vermitteln möchte,
völlig verunsichert setzt man sich dann mit seinem Freund, dem hochbegabten
Grafiker an den Computer und simuliert gelb, rot, blau, gestreift, kariert,
mit Fisch und ohne - im Endeffekt steht man genauso unschlüssig im Laden
und studiert Farbmusterproben auf Deckeln....
Blau. Leuchtend blau. Mit weißem Fisch.
Das war's.
Jetzt zählte also nur noch die Umsetzung in die Tat.
Zwei Autos, drei Leitern, jede Menge Schwing- und Exenterschleifer, eine
Kiste Grolsch, Micha, Clemens, Nathalie und drei Stunden Autobahn später
beginnen die Vorbereitungen für die gewagteste Innovation, die wir je
an diesem schwimmenden Schneckenhaus vorgenommen haben. Ort des Geschehens
ist der Yachthafen in Workum, erste Hürde der Kran.
Der Hafenmeister gibt uns einen Termin für 17.00 zum Kranen, es gibt also
noch genügend Zeit sich auszumalen, was alles passieren kann, wenn dieses
lächerlich kleine Gerät 12 Tonnen Boot aus dem Wasser heben soll.
Der Hafenmeister wirkt vertrauenerweckend, aber wie viele Schiffe hat
er wohl schon an Land befördert, kann er das überhaupt? Als Beruhigungstherapie
gibt es Spaghetti mit Tomatensoße und Grolsch, hat schon an Weihnachten
früher geholfen, ohne Grolsch natürlich.
Die zweite Portion wird allerdings jäh abgebrochen, der Kran ist frei,
Zeit zum Abheben. Nachdem wir unser Boot in die Box manövriert, die Tragegurte
plaziert und gesichert haben, dürfen wir nur noch zugucken, bangen und
fotografisch den großen Moment festhalten. Es ist schon beeindruckend
wenn dieser Riesenkoloß auf einmal aus dem Wasser gehoben und zentimetergenau
auf ein Stahlgerüst herabgelassen wird.......
Als nächstes werden wir mit einem kleinen Gefährt an einen Platz transportiert,
wo wir, ohne andere Bootsheimwerker zu stören, schleifen, flexen, streichen
und basteln dürfen. Viel passiert natürlich an diesem Abend nicht mehr,
es ist schon spät geworden, die Pasta wartet und morgen ist auch noch
ein Tag.
Mit Blaumann, Hut und Gesichtsmasken beginnen am nächsten Morgen die Schleifarbeiten,
leider ist Clemens etwas angeschlagen, undefinierbares Magengrimmen verlangt
mit diversen Mittelchen der Hausapotheke, grünem Tee und Zwieback bekämpft
zu werden, doch ein echter Handwerker läßt sich nicht so leicht entmutigen.
Die alte Farbe muß abgeschliffen werden, der Schriftzug runter und bei
genauer Inspektion des Unterwasserschiffes fallen uns kleine Bläschen
auf. Das ist genau das richtige für eine angehende Chirurgin. Sorgfältig
müssen die Blasen eröffnet werden, die rostige Flüssigkeit wird abgelassen,
lose Farbreste werden abgekratzt und nach dem entsprechendem Schliff mit
Zinkfarbe versiegelt.
Clemens schleift weiter und Micha poliert die Schiffsschraube. Mein erster
Tauchgang am Nachmittag, mit Druckluftflasche auf dem Rücken läßt sich
der Schleifstaub wunderbar vom Boot pusten.
Dann ist die große Stunde gekommen, die Farbrolle taucht das erste mal
in die Farbe ein und rien ne va plus, jetzt wird sie blau, nach dem ersten
m² Pause, skeptisches Begutachten, doch je größer die gestrichene Fläche
wird, desto zufriedener werden die Blicke; und nach einer Stunde fangen
die ersten Begeisterungsstürme an.
Dem Himmel sei Dank, die Wahl war richtig.
Am Abend haben wir dann die Backbordseite der Lady und das Heck gestrichen,
so daß ich mit ruhigem Gewissen nach Düsseldorf zurückfahren kann, um
die Männer ohne Aufsicht weiterarbeiten zu lassen.
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