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5 Buchten
Unter Mönchen und Matrosen - Von Curacao nach Cartagena/Kolumbien vom 24. April bis 8. Mai

Nach den langen arbeitsreichen Wochen in Spanish Waters auf Curacao starten wir am 24. April mit frisch renovierter Lady und voll Abenteuerlust Richtung Kolumbien. Viele Gerüchte, viele Regeln ranken sich um dieses Reiseziel und auch wir nehmen die Warnungen bezüglich der Guerillatruppen durchaus ernst. Doch Berichten anderer Segler zufolge ist die wunderschöne Kolonialstadt Cartagena sicher und ebenso die Karibikküste. Nach all den Inseln mal wieder Festland sehen. Hohe Berge, fjordähnliche Buchten mit Urwald und Stränden, danach sehnen wir uns. Haben wir doch seit über einem Monat nur die karge Wüsten-Kakteenlandschaft Curacaos vor Augen.

Unser erstes Ziel auf dem Weg zur kolumbianischen Küste sind die Los Monjes, die Mönche, eine Inselgruppe, die politisch gesehen zu Venezuela gehört und auf der, ganz typisch, eine Einheit der Guarda Costa stationiert ist. Wir haben bisher immer sehr gute Erfahrungen mit den Jungs gemacht und obwohl auch die Monjes wieder nur ein Steinhaufen sind, lieben wir diese Felsen im Meer und lassen nie einen aus, wenn er auf dem Weg liegt.
Die Lady ist trotz der langen Zeit vor Anker nicht aus der Übung gekommen und belohnt uns mit einer schnellen Überfahrt. Delfinschulen in der Vollmondnacht. Mit jeder Meile lassen wir einen Tag Arbeit, Dreck und Ärger im Kielwasser zurück, bis wir befreit nach kaum 24 Stunden Land sichten. Die Guarda Costa passt auf. Über Funk ertönt sofort der Anruf, wir sollten uns identifizieren, dabei sind wir noch über 5 Seemeilen entfernt. Schlechte Verbindung, dann auch noch auf Spanisch, doch irgendwie gelingt es uns, dem Wachhabenden klarzumachen, dass wir als Segelboot keine Fracht mitführen, von ein paar Flaschen Rum einmal abgesehen, und dass wir vorhaben, in ihren Hafen einzulaufen. Kein Problem, wir sind herzlich willkommen und werden gleich mit guten Ratschlägen versorgt, wie wir in ihrem Hafen festzumachen haben. 5 Minuten später zappelt das Abendessen in Form einer Dorade an der Angel, das Leben ist perfekt.

Vorsichtig nähern wir uns dem kargen Felsbrocken, der weiß in der Sonne leuchtet. Auf der Westseite gibt es eine kleine Bucht mit Dock in der, sehr abenteuerlich, eine Leine von einer Seite zur anderen gespannt ist. An dieser wiederum sind Festmacher verknotet, die es aufzunehmen gilt, um das Schiff zu vertäuen. Am Dock steht schon die Küstenwache, lauter 18-jährige Jungs und versuchen unter lautem Rufen zu helfen. Etwas argwöhnisch begutachten wir diese seltsame Methode des Festmachens, während die Küstenwache versucht, ihre Lancia mit Außenborder zu Wasser und in Gang zu bekommen. Freundlich kommen sie schließlich an Bord, haben tausend Fragen und leere Formulare, die es zu füllen gilt. Kennen wir ja schon. Doch eine Frage ist neu, zum ersten Mal will ein Offizieller unseren Führerschein für Boote sehen. Die spinnen doch!
Wir dürfen alles, die Insel besichtigen, im Mannschaftsraum vorbeischauen, tauchen und fischen gehen, alles erlaubt, kein Problem und wenn wir etwas brauchen, einfach fragen. Prima, das klappt ja alles wieder wie am Schnürchen. Am Nachmittag treten wir an zur Inselbesichtigung. Zunächst den Müll loswerden, links um die Ecke geht's zur Müllkippe. Wir staunen nicht schlecht im ersten Moment, scheint doch hier auf der einsamen Insel das Prinzip der Mülltrennung beherzigt zu werden. Abgetrennte Bereiche, säuberlich beschriftet mit Glas, Papier, Metall und Plastik. Doch alles nur Show, die Müllsäcke stehen unsortiert unter Metall. Zurück im Hafen werden wir bald von einem der Marinos begleitet, der uns die Insel zeigt, nicht dass man sich verirren könnte, aber ein bisschen Gesellschaft ist ja auch schön. Vor ein paar Jahren hat die venezolanische Regierung investiert und der Küstenwache hier ein neues, komfortables Haus hingesetzt, nun wird noch letzte Hand an die Treppe hinauf und an die Statue von Bolivar, dem großen südamerikanischen Politiker, gelegt. Weiter geht es, den Hügel hinauf, vorbei am neuangelegten Helikopterlandeplatz zum Leuchtturm. Der Leuchtturm ist Tag und Nacht mit einem Wachhabenden besetzt, der über Radar die Gegend abscannt und alle Boote auffordert, sich zu identifizieren. Nachts wird auch patrouilliert, erzählen die Jungs. Mit scharfem Maschinengewehr, immer rund um die Insel, damit niemand die Tölpel klaut, die hier auf der Insel brüten, oder so. Aufregend ist das Leben hier nicht, ein paar Wochen am Stück bleiben die Jungs, bis auf den Capitano alle unter 20, bis es wieder auf Heimaturlaub geht. Die einzige Abwechslung bieten der Fernseher und der ein oder andere Segler, der mal vorbeikommt. Wir genießen noch ein bisschen den Ausblick über die Insel und machen uns wieder auf den Weg zurück zur Lady. Die hat mittlerweile Gesellschaft bekommen, denn nachts dient der Hafen unter anderem auch ein paar venezolanischen Fischerbooten als Schutz. Das Abendessen in Form von Red Snapper ist für die nächste Woche mehr als gesichert. Ein paar Zigarren finden den Weg von einem Boot zum anderen und im Nu wird Seemannsgarn gesponnen und über die Fischgründe gequatscht, während die Fischer genüsslich die Zigarre reihum gehen lassen.

Wir schlafen ausgezeichnet in dieser schwellfreien Bucht und fühlen uns am nächsten Tag erholt genug, um die Unterwasserwelt dieser Insel zu erkunden. Mit dem Dinghi geht es an bewachsenen Grotten und Höhlen vorbei aus der Bucht hinaus an die Leeseite der Insel. Es stinkt nach Vogeldreck, die Felsen sind weiß vor lauter Mist, der Geruch nimmt uns fast den Atem. Doch Unterwasser riecht man ja bekanntlich nichts, also Anker werfen und ab ins Wasser. Staunend landen wir in einem riesigen Schwarm junger Sardinen und entdecken kurz darauf in einer Grotte mindestens 10 Zackenbarsche. Ein kleiner Paradiesplatz. Intakte Korallen, Barrakudas, die ihr Revier bewachen, kleine Höhlen und Felsspalten, in denen sich die Fische tummeln. Sogar ein kapitaler Zacki von 1,20 Länge schwimmt uns über den Weg. Auch wenn die Sicht etwas trübe ist, wir sind begeistert. Ein unberührter Tauchplatz, Fische ohne Scheu. Unser Instinkt, diese Insel anzulaufen, erwies sich mal wieder als goldrichtig.
In den nächsten Tagen greifen wir noch oft zur Flasche und umtauchen fast die gesamte Insel. Leider überlebt unsere Kamera die Tauchwut nicht, auf nur 5 Meter Tiefe säuft sie eines Tages ab. Sämtliche Wiederbelebungsversuche scheitern, da hilft nur noch die Druckkammer in Deutschland. Natürlich trübt das die Stimmung an Bord ein bisschen, doch unterkriegen lassen wir uns nicht.
Statt Fische werden nun Vögel fotografiert. Hunderte von Maskentölpeln und eine andere Seevogelart nisten und brüten hier auf den Felsen. Nisten ist schon zuviel gesagt, die Eier liegen in Ermangelung von Sträuchern, Ästen u.ä. auf dem nackten Fels. Ein Wunder, dass sie nicht zerbrechen. In Abständen kommt die bessere Hälfte, ob nun männlich oder weiblich können wir nicht beurteilen, mit dem frischen Fischfang geflogen, würgt ihn kurzerhand wieder ans Tageslicht und legt ihn schnäbelnd dem Brüter zu Füssen. Rührend, wir sitzen mittendrin, die Vögel, die nur die harmlosen Jungs von der Guarda Costa kennen, zeigen überhaupt keine Scheu.

Nach fünf Tagen sind Vögel und Fische ausreichend erkundet, wir verholen auf den nördlichen Felshaufen der Monjesgruppe. Wieder Felsen, Fische, Vögel und diesmal viel Schwell. Ein Blick auf das Navtex sagt zudem, dass wir in drei Tagen mit Starkwind zu rechnen haben und so fällt die Entscheidung leicht. Am Abend laufen wir aus Richtung kolumbianische Küste.

Wieder begleitet uns eine steife Brise, mit gerefftem Tuch fliegen wir dem Festland entgegen. Unser erstes Ziel ist Cabo da Vela, denn wir haben beschlossen, den Trip bis Cartagena in kleinere Tagestörns aufzuteilen, um nicht bei dem starken Wind vier Tage am Stück durchgeschüttelt zu werden. Außerdem wird die Küste nur selten von Seglern besucht, was meist bedeutet, dass die Einheimischen besonders nett und aufgeschlossen sind.
Schon mittags kommt Cabo da Vela in Sicht und vorsichtig wagen wir uns in die große Bucht. Vorsichtig, da die Wassertiefe kaum 3-4 Meter beträgt, des weiteren haben die Fischer des Dorfes fast die gesamte Bucht vernetzt. Ich stehe vorne im Bug und versuche Micha früh genug vor den Netzen zu warnen und hoffe, dass wir bei den Ausweichmanövern nicht auf Grund laufen. Es ist aussichtslos, hier direkt vor dem Dorf können wir nicht ankern. Stattdessen verholen wir zum Anfang der Bucht, direkt vor die Wüste. Brauner, roter Sand, ein paar karge Sträucher und Kakteen, dazu ein pfeifender Wind um die 30 Knoten. Wir haben Mühe den Anker zum Halten zu bringen. Ich weiß nicht, wie oft wir das Manöver fahren mussten, bis er schließlich griff.
Innerhalb von Minuten sind sowohl die Lady, als auch wir von feinem roten Staub bedeckt, ein Willkommensgruß der Wüste. Es soll noch Wochen dauern, bis wir ihn wieder los sind, so hartnäckig setzt er sich in sämtlichen Ritzen des Bootes fest. Ein anderer Willkommensgruss ist eher christlich. Mit dem Wunsch, endlich ein paar Kolumbianer kennenzulernen, winken wir eines der Fischerkanus zur Lady und kriegen vor Staunen kaum den Mund zu. Erwischt haben wir einen wahrhaft missionierten Indio mit Zügen wie gemalt und einem Spanisch, das aus uralten Zeiten zu stammen scheint. Er zitiert die Bibel, schließt uns ein in seine Gebete, während sein Freund den angebotenen Rum durchaus nicht ausschlägt.

Was kann uns jetzt, wo wir unter so frommen Schutz stehen, noch passieren, denken wir und machen uns nach einer Nacht ununterbrochenen Schlafes wieder auf zum nächsten Ziel, den 5 Buchten. Es bleibt abenteuerlich, denn auf diesem Weg passieren wir die Sierra Nevada, das bis 4000 Meter hohe Gebirge, das als Überraschungen für Segler schon mal mit unangenehmen Fallwinden, Blitzen und Gewittern aufwartet. Doch wir haben Glück, die 120 Seemeilen reiten wir ohne besondere Vorkommnisse ab. Die Lady surft den ganzen Weg mit Rumpfgeschwindigkeit und scheint ihren Spaß zu haben. Auch wir waren mental gut vorbereitet und sitzen die bis zu 5 Meter hohen, teilweise brechenden Wellen in Ölzeug gehüllt im Cockpit aus. Keine 24 Stunden später ist der Spuk vorbei, die kolumbianische Küste, der Nationalpark Tayrona kommt in Sicht. Grün, grün, grün. Dschungel, Urwald, wie lange wir diesen Anblick vermisst haben. Eine Bucht nach der anderen schneidet ein in die Küstenlinie, wir erkennen Sandstrände und Palmen. Die dritte oder vierte Bucht laufen wir an, den hier soll es ein kleines Dorf geben.

Die Brecher, der Seegang, selbst der Wind haben endlich ein Ende. Sicher und geschützt liegen wir in der Baija Guayraca, direkt vor dem kleinen Dorf. Schnell ist das Dingi zu Wasser gelassen und die beiden Skipper an Land, ein paar Fischer klopfen gerade Tintenfisch weich und weisen uns den Weg zum Restaurant. Kaltes Bier aus der Eistruhe gibt es, herrlich. Allerdings müssen die Bewohner der kleinen Fischersiedlung mitten im Nationalpark das Eis zum Kühlen aus der Grosstadt Santa Marta kommen lassen, ebenso das Trinkwasser, denn fließend Wasser und Strom gibt es hier nicht. Die Hütten und Häuser sind sehr einfach, die Menschen hier leben bescheiden und da natürlich hier am Ende des Urwaldes nicht viel passiert, sind wir eine willkommen Abwechslung.
Eine Seifenoper aber gibt es wohl in jedem Winkel dieser Welt und prompt stecken wir mittendrin. Das Privileg, Yachten zu begrüßen, nimmt sich normalerweise ein bestimmter Typ heraus, der auch gleich versucht verschiedene bewusstseinserweiternde Substanzen an den Mann zu bringen. Doch wir waren schneller an Land, als er paddeln konnte und freunden uns unwissentlich mit der rivalisierenden Familie an! Ganz schön aufregend. Liliana, Antonio und Pedro genießen sichtlich unsere Aufmerksamkeit. In ihrem Restaurant werden wir für wenig Geld mit frischem Fisch verwöhnt und Pedro, der Hobbyarchäologe, führt uns zu den Ausgrabungsstätten. Rund um das Dorf ist alles mit Löchern übersäht, viele haben hier schon gegraben, praekolumbianisches Gold und Silber gesucht. Doch die mühselige Arbeit hält nicht jeden und so gräbt heute nur noch Pedro. Reich wird er dabei nicht, aber den ein oder anderen indianischen Tonkrug und kleine goldene Statuetten hat er schon gefunden. Sein Lager liegt auch mitten zwischen den Gräbern, eine Hängematte, eine zusammengezimmerte Bretterbude und 7-8 Hunde. Durch die Gespräche mit unseren neuen Freunden wird mein Spanisch von Tag zu Tag besser, immer mehr Vokabeln schleichen sich in den Wortschatz, Micha muss immer seltener übersetzen. Doch unsere Lady reckt nach ein paar Tagen schon wieder die Nase aus der Bucht, versucht uns klarzumachen, dass wir uns nicht mehr länger vor dem härtesten Stück der Reise drücken dürfen, den letzten 24 Stunden bis Cartagena. Eine Bucht weiter, vor einem Traumstrand warten wir ab, bis der Wind sich legt, denn wenn es hier schon bläst, wird es draußen nicht besser sein. Am nächsten Abend um Mitternacht ist es soweit.

Die letzten Meilen, viel Wind, viel, viel Welle. Viele Probleme, der folgende Auszug aus dem Logbuch beschreibt wohl am besten diese Fahrt:

Gestern morgen um 2 Uhr bei Santa Marta ausgelaufen gab es erst einmal 30 Knoten von vorne, danach hat uns ein Tanker glatt ignoriert und wir haben unser erstes Ausweichmanöver vor der Kollision gefahren. Danach 5 Meter Welle von hinten, brechend und ab und an Kawensmänner (die heißen wirklich so!) mit 6-7 Metern. Handsteuerung bis zum Sonnenaufgang. Das haben wir noch nie gemacht. Morgens um 8:30 treffe ich an der Funke Hannes, der uns über Kurzwelle begleitet. Stehe mit Natale in der Küche, da erwischt uns ein Kawensmann von der Seite. Solardusche im Relingsnetz, Dinghi verschoben, Rettungsring im Wasser, Badeleiter ist runtergeklappt... da kommt schon der nächste Kawensmann. Die Windfahne blockiert von der Badeleiter und aus der Küche können wir die Fische beobachten. Nein, es geht nicht rund, nur mächtig auf die Seite, 75 Grad bestimmt. Kurze Zeit später sieht es im Salon aus als wenn Petrus einfach mal eben gerüttelt hat.

Ich will Handsteuerung gehen und kein Widerstand mehr auf der Hydraulikpumpe. Uff. Jetzt kocht das Adrenalin aber. Und nu? Dicke, brechende Wellen von hinten, es pfeift im Rigg. Reffen bis Surfsegelgröße und schon will die Windfahne wieder. Ruhe im Boot. Wir fangen an aufzuräumen. Dann, kurze Zeit später eine ganze Herde Delfine. Jetzt wird alles wieder gut. Hat sich bewahrheitet.

Hydrauliksteuerung hinüber, aber Micha und Natale intakt laufen wir vorsichtig unter Handsteuerung nachts in Cartagena ein. Die hiesige Küstenwache hilft und begleitet uns, geschafft. Kein Mastbruch, kein defektes Ruder, kein größerer Schaden. Alles abgewettert. Noch ein kurzer Blick in die Runde der Boote um uns. Ah, die Ibero kennen wir, Micha fährt guten Tag sagen und drei Eier schnorren, danach empfängt uns Morpheus mit offenen Armen...

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