Pazifiküberquerung
23.03.03 bis 28.04.03
Da liest man Dutzende von Büchern, träumt Hunderte von Träumen und
segelt Tausende von Meilen um ihn zu sehen, den Stillen Ocean, das unendlich
tiefe Blau des Wassers, die Ruhe und den Sturm, das Auf und Nieder des
Schwell's, der irgendwo auf der anderen Seite des Wassers entstanden
ist. Jetzt, ein gutes Jahr nach unserer Pazifiküberquerung, jetzt, wo
ich endlich die Zeit, die Ruhe und die Muße finde, mir die Bilder dieser
Reise wieder und wieder anzusehen, kommt mir alles so unwirklich und
fern vor. Die See, dieses Meer in Worten zu beschreiben ist so unmöglich,
wie es zu fotografieren. Das will es nicht, es zeigt sich eintönig und
langatmig, oben blau und unten blau. Doch das ist es nicht. Oft haben
Natale und ich stundenlang und tagelang auf Wasser geschaut, um die
Schönheit der Wellen, der See, des Windes und des Farbenspiels erst
wirklich zu entdecken.
Nach dem letzten
Abend auf den Galapagosinseln geht es erst mal an einem recht großen
Quadranten
vorbei Richtung Westen, den man nicht südlich durchqueren soll, sagt
Jimmy Cornell und dem glauben ja nun alle und wir auch. Vielleicht aber
ist das Meer dort auch besonders schön, denken wir
uns in manchen Momenten, doch Kurs ändern wir nicht. Ganz im Gegenteil
stoßen wir des Nachts ohne Licht fast mit einem anderen deutschen Boot
zusammen. Am
Morgen erscheinen noch Freunde aus England am Horizont. Die Reise
um die Welt ist viel begehrter und besuchter, als es in den Dutzenden
von Büchern steht, die wir vor unserer Reise gelesen haben. Die deutsche
Yacht ZWANTJE verfolgt uns und läuft klammheimlich eine Stunde nach
uns aus, zieht an uns vorbei, dreht ab auf die Marquesas und nimmt wieder
unseren Kurs auf. Wir wollen doch viel lieber alleine sein, doch da
irgendwo hinter dem Horizont ist ein anderer Mast auf genau dem gleichen
Kurs.
Es geht trotz allem recht flott voran in den ersten Tagen, dass wir
schon mal ausrechnen, wann wir denn ankommen
werden. An der Badeleiter lassen wir uns hinter dem Boot
herziehen, angeln wie die Helden und werden auch belohnt, meist
mit Thunfisch.
Natale mag es nicht, das Steak der Segler: Corned Beef. Ich dagegen
brauche ab und an einfach mal eine Dose!
Auch wenn Frau Doktor das Hundefutter nennt, lasse ich mir das nicht
schlecht machen. Vor allen Dingen nicht mit Düsseldorfer Löwensenf.
Extra für diesen Trip zurückgelegt. Gestelltes Bild!
Zwischendurch gibt es immer mal wieder ein Gewitter,
das durchzieht. Die einzige seglerische Aufgabe, die uns im Moment gestellt
wird. Wir versuchen in diesen Tagen immer wieder Kurs Osterinseln anzulaufen,
doch wir kommen einfach nicht hoch genug an den Wind, um ein vernünftiges
Mittelmass zu finden aus Lebenskomfort, Schnelligkeit und Kurs, bis
wir den Passat eh verlieren werden, was wir aber an dieser Stelle unserer
Reise noch gar nicht ahnen.
Unsere Steuerpinne des Windpilots bricht, weil wir zu viel Segel stehen
haben, zu schnell sein wollen, anstatt die Lady segeln zu lassen, wie
sie es will. Ein Grund warum wir lieber alleine segeln und nicht um
Meilen kämpfen. Reparatur mit Bordmitteln ist nicht möglich. Ich versuche
ein Innenbolzen in das gebrochene Rohr einzuschlagen, doch nach einer
halben Stunde bricht das Ding wieder. Gut. Wir haben ja noch unseren
elektrisch-hydraulischen Autopiloten. Das kostet zwar viel Strom, aber
immer noch besser, als selber am Rad stehen zu müssen. Der Stille nimmt
sein Tribut für zu viel Segel gesetzt, den Zeigefinger in die Höhe und
schickt uns eine zehntägige
Flaute. Der Stille zeigt, warum er diesen Namen verdient hat. Da
liegt vor uns eine spiegelnde Wasseroberfläche wie aus der Augsburger
Puppenkiste. Glatt, keine Rille, kein Ansatz einer Welle, nur Blau,
unsere Lady wiegt sich leicht in der flachen Dünung. Kein Segel, kein
Motor, wir treiben einfach nur mit 16 Meilen am Tag in die richtige
Richtung zu unserem Ziel, den Gambier Inseln, den südlichsten Inseln
der Französisch Polynesischen Tuamotu Atolle. Wir schlafen
den ganzen Tag, lesen und langweilen uns zu Tode. Nichts kann man wirklich
machen, es ist so ruhig, dass einem die Ruhe entzogen wird. Eine unglaubliche
Erfahrung. Es ist
so still, bis auf das Klappern im Boot, unseren Stimmen und der
Musik.
Bis dahin sind es aber noch einige hundert Etmale, die im Moment nicht
gerade berauschend sind. Es gibt wieder etwas Wind und mein Rücken schmerzt
vom vielen Rumkrabbeln auf dem Boot. Ich bin leichtsinnig, gehe aufs
Vordeck in die Hocke und klemme mir glatt den Ischiasnerv ein, wie noch
nie zu vor in meinem Leben. Laut schreiend hangel ich meine Beine hinterherschleifend
zum Niedergang, lasse mich in das Loch fallen und schaffe es so gerade
noch auf den Salonboden.
Dort verbringe ich die nächsten Tage. Natale ist jetzt Einhandseglerin
und weil meine Schmerzen so unausstehlich sind, genau wie ich wahrscheinlich,
nockt sie mich einfach mit Morphium aus. Schluss aus, jetzt wird geschlafen.
Dementsprechend kann ich mich an diese Zeit recht wenig erinnern, außer
das ich irgendwann wieder da bin und Natale meint, es wäre jetzt gut
mit den Spritzen, es sollte mir wieder besser gehen. Das tut es auch
und wie ein Affe hangel ich mich durchs Boot und rasiere mir erst einmal
den Kapitän
Blaubär Bart ab.. Wir nähern uns jetzt jeden Tag ein bisschen mehr
der Insel Pitcairn. Wie Fliegendreck auf dem Übersegler liegt davor
die Insel Henderson. Unbewohnt. Von der UNESCO unter Weltkulturerbe
gestellt. Kein Wasser. Nur ein 30 Meter hohes Korallenplateau, dass
irgendwann, irgendjemand aus den unendlichen Tiefen des Ozeans an die
Wasseroberfläche gefördert hat. Kein Ankerplatz. Schwell um die Insel.
Auf allen Seiten 30-50 Meter tiefe Korallenriffe. Der Wind dreht zwei
bis dreimal um die Insel. Langsam erkennen wir am Horizont das wahrscheinlichst
am weitesten von Europa entfernteste Fleckchen Erde.
Stunde um Stunde kommen wir näher. Neugierig schauen wir uns die Augen
am Fernglas platt. Da liegt ein Boot am Strand! Nein. Es ist ein Wrack.
Wracks können nicht schwimmen, da ankert wer. Unsere Freunde von der
ONTONG JAVA!
In Panama hatten wir uns vor einem halben Jahr aus den Augen verloren,
jetzt treffen wir uns hier! Wow. Unglaublich, aber wahr. Die Familie
dieses Bootes besteht aus drei wilden Jungs zwischen vier und elf Jahren,
der jungen Mutter und dem ebenso jungen Vater. Auf Low Budget Level
mit einem schönen Wharam Cat segeln sie um die Welt und üben sich ebenso
wie wir im Meistern der manchmal etwas widrigen Lebensbedingungen. Papa
Hans, ist schon mit seinen Eltern auf dem Boot groß geworden und entsprechend
versaut fürs normale Leben. Grins. Kaum ist der Anker gefallen kommen
die Wilden ;-) auch schon, entern die Lady und wir verabreden uns zum
Sonntagsfrühstück am nächsten Tag. Was für eine Ankunft.
Allein mit den nächsten drei Tage auf Henderson, oder waren es vier?,
könnte man schon wieder ein ganzes Buchkapitel füllen. Fischen, Tauchen,
gefährlicher Landgang,
verträumtes Robinsonleben. Es ist wie ein wunderschöner Traum. Nachzulesen
im Online Logbuch der IRON LADY, beginnend am 19.04.2003
Was im Kopf geblieben ist sind die unendlichen
Strände, die Einsamkeit.
So sehr im Kopf geblieben, dass ich diese Inseln nicht vergessen kann.
Irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Abenteuerbüchern,
die ich in meiner Jugend verschlang und meinem Leben in Deutschland,
tauchen nun immer wieder Bilder von Henderson
in meiner Erinnerung auf. Die einzigartige
Natur, die Bäume und Pflanzen, die ich nie zuvor in meinem Leben
gesehen habe. Die Haie,
die überall sind, wie sie gierig nach jedem Fisch schnappen, der an
meine Angel gebissen hat, weil der Todeskrampf der Barsche ihn fast
wahnsinnig macht. Erfahrungen und Erlebnisse, so geballt und konzentriert.
Konfrontation mit einer Wildnis die Menschen so gut wie nicht kennt.
Das war Henderson 2003. Hoffentlich wird es so bleiben.
Doch für uns ging es dann weiter. Einsamkeit hatten wir ja schon genug
und der Ankerplatz in Legerwall bei drei Meter Schwell wurde dann doch
etwas zu ruppig. Nachts konnten wir nicht schlafen, weil wir uns bald
auf dem Riff fühlten und tagsüber konnten wir nicht an Land, weil der
Weg mit dem Dinghy durch die Brandung fast nicht möglich war. Na klar,
es muss schon einen Grund haben, warum diese Insel so menschenverlassen
ist. Normalerweise findet man auf fast jedem Fleckchen Erde einen Menschen,
der seinen Anspruch darauf manifestiert. Auch hier wird es jemanden
geben, den wir einfach nur nicht kennen gelernt haben.
Pitcairn
2003. Da ist er, der Herr Bürgermeister dieser sagenumwobenen Insel
mit den Nachkommen der Meuterer von der Bounty. Hier soll es keinen
Alkohol geben, alle gehen ständig beten und geraucht wird auch nicht.
Na ja. Gut, dass wir nicht erzählt haben, dass wir auf Henderson waren.
Ein dänisches Schiff hatte vor kurzem einen Grossteil seiner Mannschaft
an Land gelassen und die Pitcairner mit ihren großen Alurettungsbooten
mussten kommen, um die Herren der Schöpfung abzuholen, weil der Weg
zurück durch die Brandung und übers Riff nicht mehr möglich war. Seitdem
muss man erst zigtausend Dollar Kaution auf Pitcairn hinterlassen, bevor
man Henderson besucht.
Die Zeiten auf Pitcairn haben sich mächtig geändert seit dem Landfall
der Bounty. Der dicke Junge der uns am Strand abholt, hat eine Kippe
im Mund. Wir werden den Berg mit einer vierrädrigen Kawasakiziege hochbefördert
zum Bürgermeisterhaus und sollen erst mal zahlen. Landungsgebühr, Stempelgebühr
und was weiß ich nicht noch was sonst alles. Haben sie uns auch schon
alles über Funk gesagt, aber wir wollten es ja nicht glauben. Stundenlanges
Hin und Her, der Bürgermeister droht Natale und mich in die Gefängnisruine
einzusperren, weil wir nicht zahlen wollen, können... Vor der Insel
liegen unsere Freunde von der RAPA NUI mit ihren drei Söhnen und können
es sich nach tausenden von Meilen nicht leisten Pitcairn zu besuchen!
Das kann doch nicht wahr sein. Irgendwann kommen ein paar Beamte aus
Neuseeland, schlichten, wir zahlen und Friede kehrt wieder ein auf Pitcairn.
Man kann sich weiter über die Kürzungen des Unterstützungsunterhalts
aus GB aufregen, den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen, kostenlos
im Internet surfen von jedem Wohnzimmer aus oder weiter die Tiefkühltruhe
plündern und fetter und fetter werden. Das nächste Kreuzfahrtschiff
ist schon angekündigt und wird wieder neue Scheine bringen, die wenigen
Schnitzereien, den Stempel im Pass, die Passage zur Insel mit viel Geld
bezahlen. Hier sind wir irgendwie falsch. Doch Tom, mit dem wir schon
seit Wochen Funkkontakt haben nimmt uns mit in sein Haus, versucht Natale
zu beruhigen und gibt uns einen sehr pitcairnerischen Eindruck mit auf
den Weg. Wir laufen wenigstens einmal über die Insel und Natale wird
von den endemischen Megasandfliegen an den Beinen zerstochen, dass sie
sich noch Monate später dran erinnern kann. Die wohl berühmteste Amateurfunkradiostation
ist leider verfallen. Die Jugendlichen interessieren sich nicht besonders
dafür. Kaum haben wir mit unserem kleinen Dinghy den Weg zur Lady überlebt,
holen wir unseren Anker auf. Gut, dass das immer geht. Sail => away,
schnell schlafen
gehen und wieder neue Träume beginnen.
Schnell, nach ein paar hundert Meilen flotten Segelns sehen wir das
nächste Ziel am Horizont. Die Inselgruppe der Gambierinseln. Nach den
Enttäuschungen auf Pitcairn schauen wir skeptisch auf die Berge am Horizont.
Besonders ich,
weil dort nur französisch gesprochen wird, Französisch Polynesien eben.
Au revoir et a bientôt !
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