Edelzoo und Schafzucht, zwei Deutsche auf den Perleninseln
Einen Tag nach Weihnachten, nach zuviel Turkey, Ham und Potluckbeilagen im Yacht Club, verlassen wir Panama City, Großstadt und Dreck und fahren auf die Las Perlas, eine kleine Inselgruppe im Golf von Panama.Erstes Ziel ist Contadora, die Buchhalterinsel, so genannt, da dort früher die Geldgeschäfte im Zusammenhang mit den Perlenfunden abgewickelt wurden. Eine reiche Insel damals und auch heute noch. Eine Ferieninsel für Panamas Upper Class und Wohnsitz für Europäer und Amerikaner, die nicht mehr über Geld nachdenken müssen. Weiße, strahlende Villen sitzen in den Klippen, mit tropischen Gärten und Blick auf den blauen Pazifik. Gepflegte Strassen, zusammengerechnet vielleicht 40 km, führen über die Insel, von einem Strand zum nächsten, zum kleinen Tante Emma Laden, dem Hotel, einigen wenigen Restaurants und natürlich zum Flughafen, der das Paradies zweimal täglich mit der Zivilisation verbindet. Auch hier ist immer noch Weihnachtsstimmung, aufgeblasene Schnee- und Weihnachtsmänner zieren Strand und Wiesen, ein seltsamer Kontrast.Eigentlich nicht ganz unser Stil, die Insel, aber wir sind ja nicht ohne Grund hier. Bekannt bei allen Seglern in der Karibik und dem Pazifik ist Günter, ehemals Besitzer von Friedhofsgärtnerei und Nachtclubs in Köln. Er lebt hier schon seit Jahren mit seiner Frau Susanne, vier Dalmatinern, einem Ozelot und irgendeiner anderen Raubkatzenart, deren Name ich vergessen habe. Und da es auf dieser Insel wirklich nicht viel zu tun gibt und die 40 km Strasse zum Rallyefahren, seiner früheren Leidenschaft, nicht ausreichen, hat er sich ein neues Hobby gesucht und ist Amateurfunker geworden.
Und wer sein Geld als Wirt gemacht hat, hat natürlich gerne Gäste, das Funken mit Hams aus aller Welt reicht da nicht, also macht Günter Nägel mit Köpfen und leitet ein Netz für Segler. Das Pazifikislandnet für Segler in und zum Pazifik. Schon in Kolumbien hört man ihn das erste Mal auf der 14.135 und wird Tag für Tag bearbeitet, doch möglichst schnell auf die Perleninseln zu kommen, dem Paradies, wo immer die Sonne scheint und ein kaltes Bier im Kühlschrank der Hamachers wartet.
Günter ist mehrfacher Weltmeister in zahlreichen Disziplinen mit fachchinesischen Kürzeln des Amateurfunks und kennt Gott und die Welt überall dort, wo seine Antennen und seine 1500 Watt Anlage hinkommen. Die Funker schicken einander QSL-Karten für stattgefundene Gespräche und Günters Karten besitzen Sammlerwert, wie man sich angesichts der exotischen Motive gut vorstellen kann.
Und die Segler? Die lieben Günter, weil er jeden Tag auf Frequenz ist, Positionen aufnimmt, Tipps gibt und auch bei schlechtem Wetter gute Stimmung verbreitet.Und hier sind wir nun, die Sonne scheint und kaum haben wir das Gartentor hinter uns geschlossen, werden wir von vier Dalmatinern überfallen, sitzen auf der großen Terrasse, mit Blick auf unsere Lady, die in der Bucht vor Anker liegt und quatschen über rheinischen Klüngel, Segler und das Leben auf Contadora. Bei den Hamachers ist man immer willkommen, nur nach 14 Uhr muss es sein, denn Günter ist eine Nachteule und erst nach dem Kaffee um die Mittagszeit ansprechbar.
Vor der Zeit der Dalmatiner gab es zwei andere Ozelots, die zahm und ohne Gehege oder Leine durchs das Haus und den Garten liefen. Während die Funkbude zu Günter gehört, gehören die Tiere zu Susanne. Sie kennt mit Sicherheit jede herrenlose Katze auf ganz Contadora und hat außer den Hunden jede Menge extra Kostgänger, die jeden Tag durch den Gartenzaun krabbeln oder von den Bäumen springen.Nach ein paar Tagen Contadora wird es uns allerdings zu langweilig, beziehungsweise nicht langweilig genug. Denn nach all der Großstadtatmosphäre wollen wir eigentlich ein bisschen Einsamkeit und kein Club Med Feeling. Das Perlas Archipel ist groß, weitläufig und durchsetzt mit einsamen Buchten, keine 20 Seemeilen finden wir unseren Traumplatz. Strand, Mangroven, ein paar Palmen und Ruhe. Kein Vergleich mit den San Blas, die nur aus weißem Sand, Riff und Kokosnüssen bestehen, dafür wilder, Vulkangestein, schroffe Felsen, Höhlen und Grotten. Ein paar Nächte verbringen wir hier, sind schon fast versucht, die Sylvesternacht hier zu verbringen, aber auf Contadora warten die Hamachers und Siggi und Jürgen von der Petit Prince... Schnell zurück und Pläne schmieden. Siggi und Jürgen liegen schon seit über einem halben Jahr hier, haben den Absprung in die Südsee in der vorherigen Saison nicht geschafft und kurzentschlossen hier ihre Zelte aufgeschlagen. Die Petit Prince, ein Taiwanklipper ist ein richtiges Bilderbuchboot, nicht nur wegen des Aussehens, sondern auch wegen der Geschichte. Denn Jürgen ist der einzige Mensch, den wir je kennengerlernt haben, der tatsächlich eine Stange Geld in der Lotterie gewonnen hat. Das Beste, oder so. Und wo andere vielleicht anlegen oder ein Auto kaufen, hat Jürgen eben seinen Traum wahr gemacht und ein Segelboot gekauft und ist nun mit seiner Siggi und dem Bordhund Julie aus Trinidad unterwegs. Und vor allem eins kann man mit den Beiden: feiern...Trotz all dieser Partyhäschen fängt unser Sylvesterabend eher bescheiden an, zu lange warten auf Schuhsohlensteaks für zuviel Geld und dann die Suche nach einer Party. Das Hotel fällt definitiv aus. Dort sitzen die Menschen mit Papphüten und jubeln einem zweitklassigen Entertainer und einer drittklassigen Tanzgruppe zu. Die Musik ist zum Weglaufen, was wir auch schleunigst tun. Stimmung sinkt, fast sind wir auf dem Weg nach Hause, als die Klänge einer Salsaband in unser Ohr dringen. Am Strand auf der Nordseite, in den Pavillons und Gärten der Villa, in der einst der Schah von Persien im Exil lebte und die nun dem Besitzer einer Baumarktkette gehört, wird gefeiert. Panamesisch gefeiert. Laut, lustig und fröhlich. Wir unverschämten Segler marschieren beherzt ohne Einladung durch den Eingang, überzeugt, dass unsere illustre Anwesenheit diese Party nur bereichern kann, während Günter und Susanne etwas verlegen hintendrein spazieren. Und doch ist es Günter, den jeder kennt, der plötzlich vom Gastgeber mit Schulterschlag und "Amigo" begrüßt wird und uns die offizielle Erlaubnis zum Feiern besorgt. Abend gerettet. Wir mittellosen Fahrtensegler werden auf einmal in Champagner gebadet, tanzen uns bis morgens um 5 die Füße wund und werden obendrein noch Zeuge des bombastischsten Feuerwerkes, das ich je gesehen habe. Geld macht's und die Baumärkte scheinen wohl einiges abzuwerfen.Contadora erster Teil. Bestimmt zwei Tage brauchen wir, um nach dieser Party wieder normal zu werden und schon geht es zurück Richtung Panama City zur Werft, Lady raus, arbeiten, Lady rein.
Mittlerweile ist es Februar, die Saison im Pazifik beginnt, noch tobt sich zwar der ein oder andere Hurrikan in der Südsee aus, aber die Galapagosinseln liegen auf dem Weg. Wir wollen so früh wie möglich in Französisch Polynesien ankommen, um viel Zeit dort zu haben, aber dieses Tierparadies natürlich nicht ungesehen lassen. Dementsprechend machen wir uns früh auf die Socken, lassen ein letztes Mal die Skyline von Panama hinter uns am Horizont verschwinden und schauen bei Günter vorbei um Tschüss zu sagen. Auch das dauert erfahrungsgemäss ein paar Tage und vor allem Abende. Immer wieder gehen wir nervös durchs und übers Boot, nichts vergessen, genug eingekauft? Jetzt kommt der Pazifik, alles ist teuer, Ersatzteile kaum zu bekommen, und, und, und. Ein neues Abenteuer nach der wunderschönen und ruhigen Zeit in Panama. Was kommt ? Was wird ? ...Französischkassette wieder rausholen...Wie immer, wenn wir nervös werden, halten wir es nicht lange an einem Ort aus, Anker auf und ab nach San Jose, ein weiteres Muss auf der Reise in den Pazifik.Auch hier lebt ein deutsches Pärchen, dass bei allen Fahrtensegler wohlbekannt ist. Dieter und Gerda. Doch nicht zuviel Geld hat die beiden vor über 20 Jahren hier hergetrieben, sondern zuwenig. Denn Zwängen, den Einschränkungen entfliehend, hat Dieter vor 20 Jahren sein Boot Seepferdchen für die Suche nach einer einsamen Insel flottgemacht und das große Glück gehabt, Gerda auf einer Butterfahrt kennenzulernen. Richtiggehend ausgerissen sind die beiden auf der Suche nach dem Paradies.Statt Villa, zwei Autos und einem Edelzoo haben die Beiden eine zusammengezimmerte Hütte im Busch von San Jose, einen Hund, einen Haufen Schafe und eine selbstangelegte Obstplantage. Gehören tut ihnen dass Grundstück nicht, aber geduldet und eigentlich auch gerne gesehen sind sie, arbeiten doch beide von früh bis spät und kümmern sich um das Gelände. In der Regenzeit ist es oft einsam hier, doch in der Trockenzeit trudeln vor allem deutsche Segler hier ein, bringen Rum mit, kaufen Pampelmusen und drücken sich vor der nächsten Reise. Auch uns geht es nicht anders. Gerda bekocht und bemuttert uns, Dieter erzählt Geschichten. Und auch wenn er etwas gewöhnungsbedürftig ist, ein wahrer Despot in manchen Dingen, ist er doch eine Seele von Mensch. 20 Jahre im Urwald gehen eben auch nicht spurlos an einem vorbei. Nur viermal im Jahr setzt er sich in sein 6-Meter-Schiffchen mit den unzuverlässigen Außenbordern und tuckert nach Panama um Lebensmittel, Werkzeug, Saatgut und sogar Schafe zu holen. Gerda war viele Jahre nicht mehr auf dem Festland, geschweige denn in Deutschland und man merkt ihr das Heimweh häufig an. Der große Robinsontraum, leben von dem, was die Natur so bringt, mit ein wenig Unterstützung, die beiden haben es verwirklicht. Wir sind uns einig, dass dies kein Leben für uns wäre, aber zu Besuch sind wir gerne.Der Blick von der Terrasse, derselbe blaue Pazifik, wie bei Günter, die Lady friedlich vor Anker. Und doch sitzen wir hier mitten im Busch, mitten in der Natur. Statt gepflegter Strassen kleine Wanderwege. Statt der Gefahr, dass die sündhaftteuren Kurzwellenantennen im Sturm umkippen, kann hier gleich einer der Urwaldbäume das Wellblechdach zertrümmern, alles schon passiert.
Am Tag nach unserer Ankunft nimmt Dieter uns mit auf einen Rundgang über das Gelände, Schafe füttern, Wege sauber machen, nach den Zitrusbäumen gucken. Voller Stolz zeigt er uns die kindskopfgroßen Zitronen, die saftigen Pampelmusen, Orangen und die gehegten Papayapflanzen. Ernten müssen wir selbst, einer pflückt, einer fängt auf, soviel, wie wir auf der Lady für die lange Reise über den Pazifik verstauen können. Zuckersüß schmecken sie und tatsächlich essen wir noch mitten auf dem Pazifik, Wochen später unsere letzte zum Frühstück. Eine improvisierte Waage setzt den Preis fest, 60 Cent pro Kilo.Nach der Ernte geht der Rundgang weiter, an der Küste entlang mit wunderschönen Ausblicken auf das Meer, weiter hoch zu einem Hügel mit besonderer Bedeutung. Hier soll Gerda ihren Dieter begraben, wenn er mal nicht mehr ist, nirgendwo anders möchte er sein. Von dem Hügel aus kann man die Mona sehen, das Wahrzeichen von San Jose, eine Felsen, der im Sonnenuntergang zu zwinkern scheint und eigentlich den Namen Affenfelsen trägt. Die Mona passt auf die beiden auf, beschert gesunde Lämmer und den nötigen Regen, alles, was man eben auf einer Robinsoninseln zum Leben braucht. Abends gibt es wieder Geschichten, Geschichten, Ratschläge und Gerdas gute Küche. Die Terrasse ist zusammengezimmert aus Strandgut, alten Resten des längst verrosteten Seepferdchens und ein paar Rohmaterialien. Skurrile Strandfunde, selbstgemachte Mobiles und eine Sammlung Rumflaschen, jede beschriftet mit dem Namen der dazugehörigen Yacht, machen aus der Hütte im Busch ein Heim. Trotz dummer Sprüche und teilweise etwas verquerer Ansichten haben wir Dieter, und Gerda sowieso, in unser Herz geschlossen. Wieder ein Abschied, der schwerfällt. Als wir schließlich mit den letzten guten Wünschen den Heimweg antreten, sitzen wir noch lange an der Playa Alemana auf dem zusammengezimmerten Bänkchen und schließen mit Panama und dem letzten halben Jahr ab. Wie immer bleibt hauptsächlich alles positive in Erinnerung, die Wochen und Monate laufen vor unserem inneren Auge ab, doch die Entscheidung ist gefallen. Morgen geht es weiter, zu den Seelöwen und Pinguinen auf den Galapagosinseln und schließlich zu Kokospalmen, Riffen und Tamuretanzen in die Südsee. Ein Abschnitt der Reise beendet, Pippi in den Augen und die Ungewissheit, was kommt.
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