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Rosarios - Tauchen unter Haien

Auf der Suche nach sauberem Wasser und etwas Ruhe nach dem Stadtleben in Cartagena verschlägt es uns auf die Rosarios, einer Inselgruppe keine 15 Meilen entfernt, das Paradies der kolumbianischen Reichen und Schönen. Jeder, der den dazu nötigen Geldbeutel hat, besitzt mindestens eine der unzähligen Inselchen und hat dort eine feudale Villa hingestellt. In unseren Augen feudal, für die Kolumbianer sind es mehr kleine Ferienbungalows. Dementsprechend leer sind denn auch die Inseln. Außer den Familien, die die Anwesen in Schuss halten, trifft man während der Woche Niemanden. Erst am Freitag tauchen Speedboote mit schicken Menschen auf.
Doch wir sind nicht hier, um die oberen Zehntausend kennenzulernen. Unser Hauptziel ist der private Naturschutzpark "Martin de Paraiso", eine Miniinsel inmitten der Korallenriffe und Inseln des Rosariosarchipels. Die Insel ist seit Generationen im Besitz der Familie von Raffa, der sie vor einigen Jahren geerbt hat. Doch Raffa hält nichts von schicken Villen und Parties, seine Liebe gehört dem Meer und seinen Bewohnern. Kurzerhand funktionierte er die Insel zum Ozeanarium um und engagiert sich für die Entstehung des maritimen Nationalparks Rosarios.
Auf seiner Insel leben etwa zwanzig Menschen, sorgen sich um Aufzucht von Schildkröten und den monströsen Zackenbarschen. Durch die Einnahmen für das halbtags geöffnete Aquarium, die Delfinshows und den Verkauf von Tierplastiken finanziert Raffa die Aufzucht von bedrohten Tieren und den Unterhalt einer komplett privaten meeresbiologischen Station. Außer den Meeresbewohner leben auch zahlreiche Vögel, Flamingos und sogar zwei Krokodile hier. Nach einem nicht gerade einfachen Weg durch unzählige Korallenriffe werfen wir schließlich unseren Anker mit Erlaubnis von Raffa an einen geschützten Platz auf der Rückseite der Insel. Willkommen auf Martin de Paraiso.

Wir bekommen die Erlaubnis zu jeder Zeit außerhalb der Öffnungszeiten jeden Winkel der Station zu erkunden, in jedes Freibecken mit Tauchequipment und Kamera einzusteigen. Eine traumhafte Vorstellung, deren Anfang eine mondfreie Nacht im Freibecken der Delfine ist. Nie zuvor sind wir mit Delfinen so eng beieinander geschnorchelt. Plötzlich rutschen wir über die Kante des Stegs und das Pfeifen der ultraschallortenden Delfine umgibt uns. Wir sehen nichts, merken nur wie die Tiere dicht an uns vorbeipreschen, uns begrüßen wie Neuangekommene in einer anderen Dimension. Sobald man selbst anfängt den Tieren zu folgen, Geschwindigkeit aufnimmt, kommen sie näher, interessieren sich für uns. Doch immer genau so weit von uns entfernt, dass wir sie nicht berühren können. Beim Verlassen des Wassers kommen sie alle zu uns, schnatternd und kreischend fragen sie, warum wir schon aufgeben. Wir können nicht so elegant schwimmen wie diese graziösen Tiere, was sie nicht zu interessieren scheint. Wir sind eine willkommene Abwechslung im eintönigen Alltag eines 100 x 50 Meter großen Beckens.

Tag für Tag beginnen wir den Tag kurz nach Sonnenaufgang mit dem Besuch eines weiteren Delfinbeckens, dass der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Hier lebt Estefani, Delfindame, mit einem der anderen Männchen. Die Männer mussten getrennt werden, weil sie sich aus Eifersucht und Liebesgerangel geprügelt haben. Das scheint recht unmanierlich zuzugehen, wie die Bissspuren belegen. Alle paar Tage springt das Männchen dann über den meterhohen Zaun ins andere Becken und die Aufregung ist groß. Alle müssen helfen die Tiere wieder zu trennen. Estefani interessiert das alles nicht besonders. Wir springen zu ihr ins Wasser mit Brille und Schnorchel, und mit jedem Tag wird die alte Dame zutraulicher. Es wird gedrückt und liebkost, was das Zeug hält; Natale ist total verliebt. Sitzen wir kurzatmig nach 20 Minuten am Beckenrand, holt Estefani uns doch schnatternd wieder zu sich ins Wasser, legt sich in unsere Arme, springt wild um uns herum. Beliebt ist vor allen Dingen Rückenschwimmen mit Pirouetten und auf dem Kopf im Wasser stehen.

Im großen Außenbecken gewöhnen sich aufgezogene Fische langsam an die Freiheit. Es gibt Korallen, kleine Schlupflöcher, künstliche Höhlen und viel, viel Platz. Mit Kamera bewaffnet tauchen wir mit den Schildkröten, mit Thunfischen und riesigen Zackenbarschen bis zu 80 Kg. Die Schiffshalter zwicken einen gerne mal in den Arm, wenn man zur Fütterungszeit im großen Freigehege ist und Raffa persönlich die Fütterung seiner Lieblinge vornimmt. Zwischen Korallen trifft sich dann alles was Flossen und Kiemen hat, um um das Futter zu rangeln.

Doch nicht nur die Tiere verzögern Tag um Tag unsere Abreise. Jeder einzelne der Crew des Aquariums wächst uns mit der Zeit ans Herz. Da sind die Köchinnen, in deren Reich wir nach unseren Tauchgängen oft für einen süßen, ungeheuer schwarzen Kaffee einkehren. Der Mann der Delfintrainerin, Charley, der immer Zeit für ein Schwätzchen hat und der Haitrainer, der mit seinen kleinen Töchtern bei uns im Cockpit sitzt und stundenlang über seinen Job und das Leben plaudert. Die Insel hat ein eigenes Speedboat mit Fahrer, der fast täglich ins nahe Cartagena braust, um einzukaufen. Auch wir dürfen ihm unsere Listen mitgeben und uns überraschen lassen, was ankommt. Eigentlich ist er sehr zuverlässig, doch nach einer Weile finden wir heraus, dass er nicht sonderlich gut lesen kann. So werden aus bestellten Gurken Auberginen und aus den zwei bestellten Papayas 6. Kein Problem? Wer schon mal versucht 6 football-große reife Papayas innerhalb zwei Tagen zu essen, weiß was ich meine. Beim nächsten Einkauf sind wir schlauer und sprechen vorher die Liste gemeinsam durch und immer wieder betone ich, was für eine unleserliche Sauklaue ich doch habe.
Auch Raffa besuchen wir immer wieder, lernen jeden Tag etwas Neues über das Meer und seine Bewohner.
Und auch wenn Raffa am liebsten bei seinen Fischen ist oder mit seinem kleinen Sohn Martin durch die Gegend streift, gehört eben doch zur Upper class. Auf die Einladung seiner Frau hin, trudeln denn auch immer wieder Gäste aus Bogota an. Sie strecken ihre weißen Beine in die Sonne, führen aktuelle Bademoden aus und stecken ab und zu zögerlich den dicken Zeh ins Delfinbecken. Und wenn Raffa richtig gut drauf ist, gibt es ein Grillfest bis in die frühen Morgenstunden. Es gibt Wodka und Cola, Spießchen vom Grill und Champete, eine kolumbianische Musikrichtung, die sich am besten in Badelatschen tanzen lässt. Auch wir brillieren bei diesem Schlurftanz und noch Tage später wird von allen der Unglaube darüber ausgedrückt, dass wir höchstens zweimal im Jahr zusammen tanzen.

Irgendwann nagt dann doch die Zeit. Doch ein Programmpunkt steht noch auf dem Plan. Ehrlich gesagt habe ich mich immer ums Haibecken herumgedrückt. Etwa zwanzig bis fünfundzwanzig graue Riffhaie leben in einem zehn mal zehn Meter großem Becken, das lediglich 5 Meter tief ist. Gleichmäßig ziehen sie Stunde um Stunde Kreise, warten auf die tägliche Fütterung mit keifenden Touristen am Beckenrand. Dabei geht es dann heiß her, denn das Futter wird über die Wasseroberfläche gehängt und die Haie springen gleichzeitig aus dem Wasser um den Fisch in großen Stücken abzubeißen. Es sind keine richtig gefährlichen Genossen und Raffa meint, dass es nach der Fütterung kein Problem sei, dort in Ruhe zu tauchen und Fotos zu schießen. Wir schauen uns die Fütterung des öfteren an und der Plan, mit den Haien zu tauchen, reift von Stunde zu Stunde mehr. Am nächsten Nachmittag ist es dann so weit. Ich hangele mich als erster am Maschendraht herunter und Natale gibt mir die Kamera an. Auch wenn ich schon diverse Haie in meinem Taucherleben gesehen habe, so ist dies doch ein adrenalines Erlebnis neuer Dimension. Mit zitternden Knien wehre ich die neugierigsten Haie, die meinem Gesicht empfindlich nahe kommen, vorsichtig mit der Kamera ab. Alle Haie haben Narben und offene Wunden vom gegenseitigen Kämpfen um das tägliche Mahl. Die Nähe zu den schnellen Biestern mit dem wunderschönen, ergonomisch geformten Körpern fordert meine Aufmerksamkeit total. Doch nach einigen Minuten, mir scheint, jeder der Zellengenossen hat mich nun von Auge zu Auge bewundert, nimmt das Chaos langsam ab. Ich bin akzeptiert, alle ziehen wieder ihre Runden um das Becken. Ich bin umgeben von Haien, bin überwältigt, fasziniert und auch irgendwie überfordert. Ich fange an mein Objektiv auf die Tiere zu richten. Wie werden sie auf den Blitz reagieren? Doch ich kann mich schnell beruhigen. Es scheint sie kein bisschen zu interessieren. Foto auf Foto versuche ich die Objektivbewegungen der Beschleunigung der Tiere anzupassen. Die Ladezeit meines Blitzes erscheint mir zum ersten Mal zu langsam. Jetzt werden sie langsam nervös, die Kreise der größten Tiere werden immer enger und ab und an schießen sie direkt auf mich zu. Nein, denke ich mir. Diese Tiere können gar nicht gefährlich werden, doch irgendwie steigt die Stimmung, die Nervosität der Tiere überträgt sich auf mich und andersherum, bis ich die Kamera zu Nathalie hoch gebe und mit dem Rücken in einer der Ecken meines Boxringes klebe. Nun nur noch rausklettern. Mit oder ohne Flasche? Besser ohne und mit der Brille immer schön schauen, was so passiert im Moment. Dann kommt dieses schreckliche Gefühl, die Hüfte und die Beine noch unter Wasser hänge ich am Maschendraht. Nun muss es passieren, aber nichts passiert. Die Ungeheuer unter mir ziehen ihre Kreise wie auch zuvor, Tage, Wochen und Monate. War die ganze Aufregung Einbildung? Bestimmt nicht! Auf dem Steg setzte ich mich erst einmal hin und atme tief durch.

Der Abschied ist wie immer traurig, nur dass wir uns diesmal nicht nur von Menschen, sondern insbesondere von der Delfindame Estefani verabschieden müssen. Nach einem letzten Bad blicken wir noch einmal wehmütig auf das Becken zurück und irgendwie erscheint es uns so, als würde auch dieses lächelnde Delfingesicht ein wenig traurig blicken.

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