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Die Ilhas de Sotavento: Santiago, Fogo, Brava


Nach einem reichlich ungemütlichen Trip mit viel Abschiedsschmerz von Tarrafal, Santo Antao nach Tarrafal, Santiago lassen wir in einer großen Bucht im Dunkeln unseren Anker auf ca. 15 m fallen und legen uns erst mal schlafen.
Am nächsten Morgen stellen wir bei Tageslicht mit Schrecken fest, dass sich ein paar Meter weiter der Schwell an der Küste bricht. Das Städtchen Tarrafal ist nirgends zu sehen, alles sehr unwirklich, unsere Koordinaten stimmen doch !
Ein paar Fischer helfen uns aus der Patsche, die Einfahrt in die geschützte Bucht haben wir im Dunkeln um Haaresbreite verpasst, der Schwell ist seit gestern Abend ungewöhnlich hoch und innerhalb einer halben Stunde liegt die Lady das erste Mal mit uns vor einem palmenbesetzten Strand !
Das Anlanden mit dem Dinghi gestaltet sich angesichts des Schwells allerdings als äußerst schwierig, den einen oder anderen Stunt legen Micha und Natale gekonnt hin, bevor sich nach einigen Tagen die Verhältnisse wieder normalisieren. Tarrafal wartet mit Post auf uns, die langersehnten Vitamintabletten und Filme von meiner Schwester liegen postlagernd bereit, genauso wie die erste Ausgabe der Zeitschrift "Blauwasser" in der Micha und ich mit zwei Artikeln vertreten sind. Kritisch sitzen wir auf der Terrasse mit Seeblick und bewerten die Umsetzung unserer Gedanken ! Überwiegend zufrieden und stolz sind wir. Wer unsere Ergüsse noch nicht kennt findet sie im Pressebereich !

Doch nicht nur Post wartet auf uns, sondern auch ein neues temporäres Crewmitglied. Meine Freundin Astrid entflieht für zwei Wochen dem Hamburger Novemberregen und entdeckt die Faszination der Kapverden. Weiß und gestresst sieht sie aus, die Astrid, als sie die Lady mit vielen Mitbringseln entert, doch wie alle Gäste erliegt auch sie sehr schnell dem süßen Fahrtenseglerleben und lässt sich zu Fotoshootings á la Titanic und Lara Croft überreden...
Für Astrid beginnt ein richtiger Kulturschock, Santiago ist die afrikanischste Insel der Kapverden. Der hiesige Dialekt hat nur noch entfernt mit Portugiesisch zu tun, die afrikanischen Wurzeln sind deutlich zu hören. Fast alle Frauen tragen bunte Kopftücher und häufig typisch westafrikanische Gewänder. Auch die Musikrichtung der Insel, unter anderem die Gruppe Ferrogaita ruft Assoziationen an den afrikanischen Kontinent hervor. Wir fühlen uns sauwohl, die Kunst des Feilschens auf dem Markt habe ich mittlerweile gelernt und streite mich mit den Marktfrauen lautstark um Pfennigsbeträge. Doch so gehört sich das eben und man wird prompt mit einer extra Limette belohnt.

Und gerade die sind wichtig, denn neben uns auf Reede liegen Mike und Charmain mit der grünen SY Vire Nord. Er ist Brite, sie Südafrikanerin und beide leiden an zuviel Humor und Lust auf Grogue, den einheimischen Zuckerrohrschnaps - so wie wir. Jeden Abend findet abwechselnd auf der Lady oder der Vire Nord ein Treffen statt, wir schmeißen Essen und Drinks zusammen, erzählen uns unsere Leben und erleben, wie in ganz kurzer Zeit eine intensive Freundschaft entsteht. Mike und Charmain haben sich ganz romantisch auf einer Bohrinsel vor Südafrika kennen gelernt, er arbeitete dort als Ingenieur, sie als Geologin. Die letzten Jahre verbrachten sie in Kanada und sind nun auf dem Weg nach Südafrika, leider führt der Weg wegen der Winde im Zickzack über den Atlantik: Kanada - Europa - Brasilien - Südafrika !
Bekanntschaften bei Fahrtenseglern sind etwas ganz besonderes. Man lernt fast täglich neue Menschen kennen, die Visitenkarten stapeln sich, das Gästebuch füllt sich und doch sieht man viele der lieben Menschen nie wieder... Doch manchmal macht es Klick und man weiß, dass man sich wiedersieht...Mike und Charmain gehören zu dieser Gruppe, auch wenn wir noch nicht wissen wo...

Doch zunächst geht das Dolce Vita in Tarrafal weiter, Sonntags ist Strandtag, nicht für Touris, sondern für die Einwohner der ca. 4 Stunden Autofahrt entfernten Hauptstadt Praia. Wir stürzen uns mitten hinein, spannen unsere Hängematten unter Palmen auf, trinken Kokosnussmilch und genießen den fröhlichen Kinderlärm. Die wenigen weißen Touristen mit Sonnenbrand wirken eher störend. Bis hierher ist der Massentourismus noch nicht gedrungen. Wir sind Besucher von einem anderen Kontinent und Gott sei Dank wird es uns immer wieder bewusst !
Doch Astrid soll nicht nur buntes Leben mitbekommen, sondern auch einsame Buchten und so verabschieden wir uns zunächst von der VIRE NORD und motoren die Küste von Santiago mit der neuen Maat am Steuer ein paar Meilen südwärts. Noch vor dem eigentlichen Ziel entdecken wir eine geschützte Bucht, anscheinend die Überreste eines alten Vulkankraters, denn laut Echolot, fällt der Boden dieser kreisrunden Bucht zur Mitte hin bis auf über hundert Meter ab !

Da Fahrtensegler die Spontaneität lieben, wird kurzerhand der Anker fallengelassen. Und - es lohnt sich. Noch am selben Abend erlebt Astrid einen Sonnenuntergang über dem Vulkankrater von Fogo im Westen, nebst Blue Moon Aufgang im Osten. Ein verzauberter Ort, wie man ihn nur selten findet.
Doch am nächsten Tag ist es vorbei mit der Einsamkeit. Die Fischer aus dem nahegelegenen Nachbarort haben uns vom Meer aus entdeckt und ziehen neugierig immer engere Kreise um die Lady. Als dann noch der Tauchkompressor sein Werk beginnt, damit auch Astrid ihre Nase mal unter Wasser stecken kann, werden die Kreise noch enger. Auf einmal werden aus den Tiefen der Fischerboote alte Tauchflaschen gezückt und in Null Komma Nix sind wir Besitzer von Thunfisch, Drückerfisch und anderen Köstlichkeiten, müssen dafür aber den Lärm des Kompressors ertragen und den Fischern die Flaschen füllen. Was soll's, das Abendessen ist köstlich.
Nach zwei Tagen ergreifen wir jedoch die Flucht, denn a) soll Astrid noch eine zweite kapverdische Insel kennen lernen und b) können wir den Fischern nicht klarmachen, dass wir nicht jeden Tag vier Stunden Kompressorlärm ertragen wollen ;-)
Das nächste Ziel ist Fogo, eine fast kreisrunde Insel mit einem aktiven Vulkan, der letztmalig 1995 ausgebrochen ist und dabei ein ganzes Dorf nebst einer Weinkooperative unter sich begraben hat. Menschen sind damals Gott sei Dank nicht ums Leben gekommen.
Der Hafen von Fogo liegt leider wenig attraktiv ein paar Kilometer vom Hauptort entfernt, ist dafür aber sehr geschützt. Und - wir treffen Mike und Charmain wieder, die sich auf ihren Trip nach Brasilien vorbereiten.
Doch bevor sie uns verlassen planen wir noch einen gemeinsamen Ausflug zum Vulkan. Micha entschließt sich spontan, eine Pause von den zwei Mädels zu nehmen und bleibt glücklich und zufrieden auf der Lady zurück, während wir vier die Suche nach einem Mietwagen starten. Nicht einfach, denn die zwei Autovermietungen vor Ort haben jeweils drei Wagen, welche wiederum seit Wochen reserviert sind doch schließlich finden wir einen Hotelbesitzer, der zu einem vernünftigen Preis seinen Pickup vermietet.
Das Geld wandert über den Tisch und wir nehmen das Gefährt in Augenschein. Ein Zweisitzer mit Ladefläche, kennen wir ja schon, nur dass auf der Ladefläche eben nicht wie üblich Sitzbänke befestigt sind. Was tun ? Egal, Mike und Charmain dürfen nach vorne, Astrid und ich besorgen noch zwei Kissen und machen es uns auf der Ladefläche halbwegs gemütlich.

Die Landschaft auf Fogo unterscheidet sich vollkommen von der der anderen Inseln. Karges Hochland mit trockenem Gras und nur spärlicher Vegetation, überall Ziegen auf der Suche nach Grün und schließlich kilometerlange Mondlandschaften aus schwarzer Lava vom letzten Ausbruch des Vulkans.
Auf der Hochebene vor dem Vulkan Pico, angekommen frieren wir. Die Luft ist kalt, es regnet. Die Menschen tragen dicke Wollpullover und Regenzeug. Sehr ungewohnt für uns, natürlich haben wir auch nicht damit gerechnet und sind dementsprechend spärlich gekleidet.
Die Bewohner des Dorfes haben in den letzten Jahren mühsam ihr Dorf wieder aufgebaut und versuchen dem Boden ein bisschen Grün abzuringen. Auch Wein wird wieder angebaut, doch sieht man den Menschen das schwere Leben an. Seltsamerweise haben fast alle Kinder des Dorfes blonde Haare. Ob es an dem schwefelhaltigen Wasser liegt, das eventuell die Haare ausbleicht ? Wir wissen es nicht.
Für eine Wanderung auf den Pico ist es zu spät. Hierfür hätte man eine Übernachtung einplanen müssen, wir aber begnügen uns mit einem köstlichen Ziegeneintopf.
Die Rückfahrt wird nass, sehr nass. Es regnet in Strömen, so dass wir uns schließlich zu viert in das Fahrerhäuschen quetschen und zur Ablenkung Bruder Jakob als vierstimmigen Kanon in Deutsch - Französisch - Englisch - Afrikaans zum Besten geben. Wir begegnen kaum anderen Menschen, woran liegt es wohl ? Den Rest des Tages befahren wir die Ringstrasse bis auf die andere Seite der Insel und schauen uns das fruchtbare Obst - und Gemüsetal von Fogo an.
Laut unseres Planes führt die Strasse einmal um Fogo und wir rechnen aus, dass wir es noch im Hellen schaffen können, denn die Strassen sind nicht beschildert, teilweise in schlechtem Zustand und für Nichteinheimische gerade bei Nacht ein wahres Labyrinth. Doch wie sich herausstellt ist diese Karte eine Wunschvorstellung der Menschen. Zur Vervollständigung der Strasse fehlen noch ca. zwei Kilometer, seit Jahren und wahrscheinlich auch noch für Jahre, der einzige Weg ist der zurück, und das kurz vorm Ziel.
Da hilft nur Schulterzucken, Boxenstop an der Tankstelle und zurück !

Nun häufen sich die Abschiede. Mike und Charmain brechen nach Brasilien auf und wir sind kurz davor unsere Pläne zu ändern und mitzufahren. Doch erstens ist Astrid noch an Bord und zweitens soll die brasilianische Insel Fernando de Noronha nur ein Zwischenstopp für die beiden auf dem Weg nach Südafrika sein.
Mittlerweile haben wir erfahren, dass die zwei immer noch Caipirinhas in Brasilien trinken und wahrscheinlich im Pazifik wieder unseren Weg kreuzen werden. Und manchmal, wenn das Bier in der Karibik mal wieder unbezahlbar ist, ärgern wir uns ein klein wenig, dass wir nicht doch einfach hinterher gefahren sind.

Nachdem auch Astrid die zahlreichen Flieger ins kalte Hamburg bestiegen hat, wenden wir uns der letzten Insel, Brava, zu. Es ist die kleinste bewohnte Insel und hat einen ganz eigenen Charme.
Das Hafenörtchen Furna ist ein ungeheuer aufgeräumtes Plätzchen mit gastfreundlichen Menschen. Die Opas und Omas auf den Bänken im Schatten passen auf, dass wir Yachties nicht von den Fischern abgezogen werden und handeln den ein oder anderen Fisch für uns raus. Beto wird unser Freund, verbringt viel Zeit auf der Lady und taucht dann und wann mit Langusten auf, die er mal eben schnell hochgetaucht hat, und die vielen Hausfrauen der Stadt schenken uns Wasser aus ihren Reservoirs, da der Wasserverteiler seit Tagen keine Lust hat, den öffentlichen Hahn zu öffnen.
Wir besuchen noch Vila Nova Sintra, die Hauptstadt der Insel und lernen auf der Suche nach einem Internetcafe den Vizebürgermeister kennen. Er besitzt einen Internetanschluss und geht extra mit uns nach Hause, damit wir ein paar wichtige Dinge downloaden können. Als Revange laden wir ihn aufs Boot ein und erfahren in einem interessanten Gespräch soviel über die Insel, dass es hier den Rahmen sprengen würde.

Es fällt uns mal wieder schwer, die Insel zu verlassen, so glücklich sind wir hier, doch irgendwann siegen doch die Hummeln. In einem Anfall von "wir müssen weiter" fällt unsere Entscheidung, den Senegal auszulassen und direkt über den Atlantik zu gehen.
Und nun geht alles sehr schnell. Wir stocken Eier und Gemüse auf soweit es geht, denn außer ein paar Tomaten, Paprika und Kürbis gibt es hier nichts, und laufen Richtung Fata d' Agua auf der Westseite der Insel aus. Doch so malerisch der Ort auch wirkt, der Schwell macht es unmöglich, an Land zu gehen. Wir verholen in eine kleine Bucht mit Fischercamp im Süden und setzen kurzerhand den Abfahrtstermin auf Morgen fest.
Zum Abschluss zeigen uns die Kapverden noch mal, wie schön sie sind. Hier am Ende der Welt, wo wir nichts erwartet haben, begegnen wir einem Fischer, der uns über die Felsen in eine Obstplantage führt, in der wir eine Bananenstaude, Papaya und Kokosnüsse kaufen können. Auf dem Rückweg führt der Weg durch ein winziges Dorf, wo wir im Innenhof des Tante Emma Ladens Grogue trinken und kapverdische Lieder hören. Noch heute haben wir fast Pipi in den Augen, wenn wir an diesen magischen Augenblick denken.
Schöner hätte der Abschiedstag nicht sein können und es ist schon seltsam, die Erlebnisse, die uns am längsten in Erinnerung bleiben haben wir häufig gehabt, wenn wir uns fernab der normalen Segelrouten bewegt haben...

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