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Suwarrow, das Reich der Vögel

Fast jeder, der sich für Weltumsegelungen, den Pazifik und große Fahrten interessiert, ist schon einmal über die Insel Suwarrow und den Namen Tom Neale gestolpert.
In der Zeit von 1952 bis zu seinem Tode 1977 lebte Neale insgesamt 15 Jahre als moderner, freiwilliger Robinson auf der Insel. In seinem Buch „An island to oneself“ beschreibt er seinen verwirklichten Traum, berichtet über den täglichen Kampf, die Mühen und Strapazen, die ein Leben fernab jeglicher Zivilisation mit sich bringt. Er setzt die Unterkunft aus der Zeit der Besatzung während des 2. Weltkrieges instand, legt einen Gemüsegarten an, organisiert die verwilderten Hühner zu einem geordneten Stall und lebt - allein. Seine Hauptnahrung sind Fisch, Kokosnüsse und Brotfrucht. Vertieft man sich in seine Erlebnisse, wünscht man sich schleunigst mit seinem Boot nach Suwarrow, sieht sich mit der Machete in der Hand die frischen Trinknüsse ernten und den Erdofen mit frischgefangenem Fisch für das Abendessen bereiten.

Nicht erst heute werden Segler durch die Geschichten über Tom Neale’s Robinsonade angezogen. Er bekam Besuch von Bernard Moitessier, war gut befreundet mit Rollo Gebhard und nach seinem Tode führte Hugo Wehner für ein paar Wochen das einsiedlerische Leben in seiner Hütte fort. Immer wieder taucht er auf, der Name Suwarrow und auch wir bleiben von der Anziehungskraft dieser Insel nicht verschont und richten unseren Bug auf die einsame, abgelegene Insel. Heute ist Suwarrow ein Nationalpark, bzw. Vogelschutzgebiet. Seeschwalben, Tropicvögel, Tölpel und Fregattvögel brüten hier, und schon viele Meilen, bevor wir die Inseln erreichen, begleiten uns mehr und mehr Seevögel.

Einlaufen in Suwarrow, eine Wolke von Seeschwalben kreist und zetert über den kleinen, spärlich bewachsenen Motus auf dem Außenriff. Voraus liegt Anchorage, die Hauptinsel, der Ort an dem Tom Neale lebte. Das Wasser verändert langsam seine Farbe, das tief dunkle Blau des Ozeans wird heller, schließlich grünlich, türkis. Wir können den Grund sehen. Ein bisschen Strömung steht gegen uns im Pass. Ich stehe vorne auf dem Bug und sehe Korallenköpfe, sogar einzelne Fische unter uns durchziehen. Das Wasser ist glasklar.
Wir umrunden Anchorage, können schon fast den verfallenen Pier sehen und erspähen Masten, andere Segler, die auch alle von Spurensuche, Schatzsuche und Fischfang träumen. Doch schnell nach unserem Ankerfall erfahren wir, dass es einen neuen Grund gibt, das Atoll anzulaufen, und der heißt Papa John.
Papa John ist Ranger des Nationalparks, seine Aufgabe ist es, die Gebühren von 50 US-Dollar einzustreichen, sich um das Gelände zu kümmern, von Dreck und Strandgut zu befreien und darauf zu achten, dass die Segler sich an die Regeln halten. Doch er ist mehr als das, schon der Name, unter dem ihn alle Yachties kennen, verrät es. Ein bisschen enttäuscht sind wir, denn mit fast 20 anderen Yachten hatten wir nicht gerechnet. Es ist ein bunter internationaler Haufen, viele sympathisch wirkende Boote sind darunter, aber von der Einsamkeit, die wir erwartet hatten, ist das natürlich weit entfernt.

Papa John treffen wir das erste Mal an Land. Unter einem Brotfruchtbaum, im Hof direkt neben der alten Hütte von Tom Neale, sitzt ein kleiner, agiler Polynesier um die 70, der an einem Stück Perlausterschale arbeitet. Ein verschmitztes Lächeln, offen und herzlich. „Willkommen, schön dass Ihr da seid, nehmt Euch erst mal einen Kaffee“. Papa John arbeitet gerade an traditionellen Fischködern, wunderschöne Köder mit Haken aus geschliffenem Perlmutt, die in der Sonne blinken, mit kleinen Flügelchen aus Kokosnussfasern, die ihm die richtige Schwimmbewegung verleihen. Seine Finger sind schon ganz rau und rissig vom Schleifen der Muscheln mit dem Stein, doch über die Powertools, die ein Neuseeländer an Land gebracht hat, um seine eigenen handwerklichen Versuche zu starten, lacht er nur. Du musst Musik in dir hören, ein inneres Lied singen, dann geht die Arbeit in dessen Rhythmus ganz leicht von der Hand und ist eigentlich keine mehr.
Baker dagegen, Papa John´s Neffe und Helfer, ist begeistert von den elektrischen Geräten, effizient und schnell, dennoch können seine Köder es nicht mit den handgefertigten Stücken von Papa John aufnehmen.
Segler kommen und gehen, trinken Kaffee auf der Veranda, halten einen Schwatz oder waschen ihre Wäsche in der alten Zisterne. Am Strand, dort wo die Pier ist, hat der Polynesier einen Kinderspielplatz eingerichtet: Schaukeln, Volleyballnetz, alles aus Strandgut zusammengezimmert.
Es ist anders hier, als wir uns vorgestellt haben, so viele Boote, so viele Menschen, aber es ist schön. Oft liegt man mittlerweile an Orten, wo man nicht mehr jedes Boot kennenlernt, zu viele Nachbarn, zu wenig Zeit. Doch Papa John bringt hier alle zusammen. Wir sind seine Gäste und er möchte, dass wir uns wohlfühlen. Dreimal in der Woche fährt er im Morgengrauen zum Fischen raus und zaubert abends ein BBQ. Er organisiert Touren mit seinem Boot zu den Vogelinseln, den entfernten Motus und von Zeit zu Zeit eine Kokoskrabbenjagd. Polynesische Gastfreundschaft pur, niemals wird es ihm zuviel, kein Abendessen fällt aus, jedes weitere Boot wird auf dieselbe herzliche Weise begrüßt.

Es ist leicht sich einzuleben, schon nach zwei Tagen hat man das Gefühl, ewig hier zusein und noch länger bleiben zu wollen. Die Sonne lässt die Lagune in allen Farben funkeln, wir hören das Rauschen der Brandung, das Geschrei der Seevögel. Nicht weit liegen all die kleinen Inseln mit den wohlklingenden Namen, die noch mehr Zauber, mehr Abenteuer versprechen. Selbst die Riffe haben Namen: Mann im Boot, Klein Grönland, Kleiner Fleck. Was mag wohl dahinter verborgen sein?
Tom Neale hatte seine „Lahme Ente“, die er ruderte, wir haben unser Schlauchboot mit Außenborder, das uns zu den nördlichen Motus trägt. Schlagartig wird es einsam, kaum noch die Mastspitzen der Boote sind zu sehen, nur wir beide, die brennende Sonne und das breite Riff. Vor der Buschinsel vertäuen wir das Boot, laufen über das teils trockengefallene Riff zur Riffkante. Tosen und Rauschen von brechenden Wellen, über uns tausende von Seevögeln. Wie ein einziges Lebewesen stehen sie über der Ein-Baum-Insel. Schwarz, bedrohlich und schreien ihre Warnung heraus, ihnen nicht zu nahe zu rücken. Naturgewalten, Einsamkeit, dazu die brennende Mittagssonne. Wir sprechen nicht, bewegen uns nicht, saugen sie nur auf, die Einmaligkeit dieses Ortes. Alle Sinne sind angespannt, der Lärm, der beißende Geruch des Vogeldungs, die Farben, das Prickeln auf der Haut und der salzige Geschmack der Seeluft.
Vorsichtig nähern wir uns den Vögeln, doch ein Schritt zu nah und der gesamte Schwarm fliegt im selben Moment in die Höhe, unheimlich.

Später, mit verbrannten Gesichtern, glücklich im Schatten entscheiden wir: Wir wollen mehr davon, nicht nur den ein oder anderen Ausflug. Die Abende mit den Yachties, Seemannsgarn auf der Veranda und gegrillter Fisch sind zwar wunderschön, aber wir wollen doch noch ein bisschen von der Einsamkeit erkunden, die in all den Büchern beschrieben wurde. Und so gehen wir ankerauf, verlassen Anchorage für eine Weile und begeben uns in den Westen des Atolls zu den Sieben Inseln. Schon wieder Zauber, die Sieben, eine Zahl aus dem Märchen, Siebenmeilenstiefel, sieben Zwerge.

Zwischen turmartigen Korallenköpfen suchen wir uns ein Fleckchen Sand, auf dem der Anker fällt. Vor uns liegt Motu Varu, dicht bewachsen mit Kokospalmen, links liegen die Sieben Inseln. Wir sind nicht alleine. Wieder begleitet uns das Geschrei der Seevögel. Niemals sind sie still, auch nicht abends oder nachts. Sie scheinen sich abzuwechseln, in Schichten zu leben, die einen ruhen, die anderen bewachen.
Am nächsten Morgen sind wir auf den Inseln, ein paar windschiefe Palmen, ein paar Sträucher. Verstreut auf dem kargen Boden liegen die Eier der Seeschwalben. Wachteleigroße, gesprenkelte Kunstwerke. Langsam und vorsichtig, um keines zu zertreten, bewegen wir uns, halten inne, setzen uns auf die Erde und beobachten. Ein Maskentölpelpärchen sitzt eng beisammen und brütet. Wunderschön gezeichnete Gesichter, die uns neugierig anschauen, während wir unsere Kameras fertigmachen. Es ist ein Vogelparadies. Unter dem nächsten Busch finden wir einen Tropicvogel, dessen lange leuchtendrote Schwanzfeder man selbst im Flug noch erkennen kann. Je länger wir bleiben, ruhig sitzen und beobachten, desto neugieriger werden die Vögel. Die ersten Seeschwalben posieren zeternd vor der Kamera, sie kreisen um unsere Köpfe, wilde Flugmanöver. In den Sträuchern sitzen die ersten ausgeschlüpften Tölpel in ihren Nestern, flauschige Zuckerwatte mit greisen Vogelgesichtern.
Immer wieder zieht es uns auf die Insel, einfach nur sitzen und schauen, teilhaben am Kreislauf des Lebens.

Doch nicht nur die Vögel haben es uns angetan. Hier draußen sind wir frei, frei von Verabredungen, Seemannsgarn und Gesellschaft. Niemand stört uns und unsere Zweisamkeit. Der Speiseplan erinnert an Tom Neale. Morgens fischen, auf dem Motu Kokosnüsse holen, Palmherzen stechen, nachmittags wieder fischen. Es gibt Jackfische, Barsche und Snapper, gebraten, in frischer Kokosmilch, dazu Reis und Palmherzensalat. Jeden Tag und doch wird es nicht langweilig. Wir ernähren uns von dem, was wir fangen. Mit ein paar Tipps von Papa John gelingt es uns sogar, auf dem Riff des nachts mit einer starken Lampe, Lobster zu erbeuten. Grosse ausgewachsene Tiere, Lobster zum Frühstück bis zum Abwinken. Paradies, Robinsonleben, es ist wie im Traum.
Der Passatwind nimmt zu, jeden Tag ein bisschen mehr. Wir liegen zwar wunderbar geschützt direkt hinter dem Außenriff, doch aus unserer Tour rund um die Lagune wird leider nichts. Zu hoch ist der Seegang, der sich aufgebaut hat, die Ankerplätze an den Riffen mit den zauberhaften Namen und dem Motu Tou mit der Aussicht auf verborgene Goldschätze unhaltbar. So geht es nach ein paar Tagen zurück in den sicheren Schoß von Anchorage und zu Papa John.

Papa John ruft mal wieder zu einem Ausflug, einer Expedition auf. Der Wind hat sich etwas gelegt, kein schwerer Seegang in der Lagune, perfektes Wetter um zu den 7 Inseln zu fahren und Kokoskrabben zu jagen. Quer über die Lagune geht es und ordentlich Gischt kommt über, bis wir schließlich das Motu erreichen. Wer Papa John folgen will, muss schnell sein. Nicht warten oder zögern, sondern im Laufschritt hinterher. Dicht auf den Fersen natürlich zuerst die Kinder, die ersten Fahrtensegler bleiben am Strand zurück. Das Unterholz schließt sich hinter uns und schon nach 5 Minuten habe ich keinen Plan mehr, wie weit wir schon in das Innere der Insel vorgedrungen sind. Papa John indes bewegt sich, als wäre er hier groß geworden. Mit einem Stock in der Hand stochert er zwischen Wurzeln nach verborgenen Höhlen, teilt mit den Händen ein Dickicht aus verrotteten und keimenden Kokospalmen oder prüft hüpfend die Konsistenz des Waldbodens. Nicht einmal dreht er sich nach uns um, fast verbissen folgt er seinem Ziel, und niemand, der ihm in diesem Moment eine Frage stellt, erhält eine Antwort. Dranbleiben heißt es, und nach 10 Minuten ist die erste Krabbe in ihrer Höhle gefunden. Jeder darf einen Blick auf dieses seltsame Tier werfen, doch Papa John entscheidet, zu klein, zu jung.. Weibchen fängt er nie, ebenso wenig junge Krabben, nur die alten, ausgewachsenen finden sein Interesse. Keine 5 Minuten später hat er die nächste erwischt. Sie sind gigantisch, riesig, größer als jeder Lobster, den ich bisher gegessen habe. Sie schimmern blau und lila und trotz ihrer riesigen Zangen wirken sie mit ihrem weichen Hinterteil schutzlos, sehen aus wie große Einsiedlerkrebse, die ihr Haus verloren haben.
Noch fast zwei Stunden scheucht uns Papa John durch das Dickicht, bis wir 5 ausgewachsenen Kokoskrabben gefangen haben. Zurück zum Ausgangspunkt. Auf dem Weg wird Korallenschutt für das Feuer gesammelt. Obwohl wir doch alle seit langer Zeit in den Tropen, auf Booten leben und vieles gelernt haben, kommen wir uns angesichts Papa John´s Fähigkeiten wie die größten Großstadttrottel vor. Keiner ist schnell genug, ihm beim Anzünden des Feuers zu helfen, beim Aufschichten des Korallenschutts über die heiße Glut. Und schon ist er wieder verschwunden, zieht große Palmwedel hinter sich her, aus denen in Sekundenschnelle Teller und kleine Körbe entstehen. Ich versuche seine Technik zu erkunden, das kreuzweise Flechten und die eleganten Knoten am Ende nachzuahmen, aber es dauert lange, bis mir die Blätter nicht mehr unter den Händen zerbrechen, und meine Kunstwerke endlich einem Korb und nicht mehr einem Sieb gleichen.
Papa John indes ist schon wieder unterwegs, hat flugs eine Palme erklommen und wirft behände eine Trinknuss nach der nächsten vom Baum.
Das Essen ist fertig, die Schale der Krabben ist durch das Grillen ganz spröde geworden. Mit den Fingern lassen sich die Scheren und Beine aufbrechen, das Fleisch herauspulen. Köstlich, es schmeckt nach Meer, nach Rauch und Abenteuer, dazu gibt es den Saft der grünen Kokosnüsse. Nur mit dem fetten Bürzel am Schwanzende kann ich mich nicht recht anfreunden. Kein Geschirr, kein Besteck, kein Plastikabfall, nichts bleibt zurück, dass nicht schon immer hier gewesen wäre.

Papa John lädt ein, wie jeden Montag, Mittwoch und Freitag. Zwei große Thunfische hat er heute Morgen erbeutet, seit Stunden sind er und Baker mit den Vorbereitungen beschäftigt. Im Steinofen brutzelt der Fisch, Baker steht am Gasherd und frittiert Unmengen von Kokospfannkuchen, seine Spezialität. Die Segler bringen Beilagen und Getränke. Die Fische werden nach dem Grillen kunstvoll in ein Palmwedelblatt eingeflochten. Jedes Essen ist ein Fest, Anlässe gibt es genug, und daher wird auch nicht einfach gegessen. Papa John bestimmt, wer eine kleine Rede oder ein Gebet spricht; eine junge Frau darf die geflochtenen Fischpakete öffnen, die sich nach dem Zerteilen wie durch Zauberhand in eine große Schüssel verwandeln. Es ist befremdlich, dass Papa John und Baker nicht mit uns essen, aber sie sind die Gastgeber, wir die Gäste. Eine polynesische Sitte besagt, dass wir zuerst satt werden sollen.
Irgendwann holt Papa John seine Gitarre und singt mit Baker Lieder von den Cookinseln, aus Fiji, Samoa und Französisch Polynesien. Lange Abende, in denen niemand nach Hause will, die Boote liegen verlassen und ruhig in der Bucht.

So schön es ist, nach drei Wochen naht auch für uns der Abschied, die Saison ist weit vorgerückt, wir müssen weiter nach Westen, um im November den Absprung nach Neuseeland zu schaffen.
Papa John sitzt wieder unter dem schattenspendenden Brotfruchtbaum, diesmal raspelt er Kokosnüsse, für ein Fest am Abend. So behände er auf Palmen klettert und das Unterholz durchstreift, manchmal sieht man ihm seine 70 Jahre an. Die Augen leicht trübe schaut er uns an, während ich wieder einmal mit Abschiedschmerz zu kämpfen habe. „Thank you for coming“ sagt er. Am liebsten möchten wir versprechen, wiederzukommen. Doch Papa John lächelt und meint: „ Don’t worry, we will see us again. If not here, it will be in heaven…”

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