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Zwei Wochen im Paradies
Die Inselgruppe Los Testigos liegt vor der venezolanischen Küste, gerade mal einen Tagestörn vom Touristen - Eldorado Margarita entfernt.
Ungefähr 250 Menschen, meist Fischer und ihre Familien leben hier. Der größte Teil auf der Insel Iguana, auf der auch die venezolanische Küstenwache mit monatlich wechselnder Besatzung stationiert ist. Das kleine Dorf besteht aus einer langen Reihe buntbemalter Holzhäuser direkt am Strand. Man lebt im Freien. Am frühen Abend sitzen die Bewohner auf den breiten Stufen ihrer Häuser. Fischernetze werden geflickt und die Frauen häkeln in mühsamer Kleinarbeit farbenprächtige Hängematten.
Unser Anker fällt früh am Morgen nach einer rauen Überfahrt von Trinidad vor der größten Insel, Testigo Grande. Nach einem Spaziergang über den Hügel auf die Luvseite der Insel sitzen wir stundenlang an einem menschenleeren Strand, lauschen der Brandung und haben das Gefühl, ein kleines Paradies gefunden zu haben. Nicht weniger schön ist der kokospalmengesäumte Strand der Leeseite. Dahinter eine Reihe Holzhäuser mit deren Bewohnern wir sofort ins Gespräch kommen. Benjamin ist der einzige Mechaniker der Insel. Er kümmert sich um die Außenborder der Fischer. Bares Geld verdient er dabei nicht, die Bezahlung erfolgt in Fisch und Lebensmitteln. Brauchen seine Kinder aber neue Kleidung, oder er ein neues Bett, legt die Inselgemeinschaft zusammen, um die Anschaffungen zu tätigen. Benjamin hat viele Freunde unter den Fahrtenseglern, nicht zuletzt, weil der Platz vor seinem Haus mit ein paar zusammengezimmerten Tischen und Stühlen der ideale Ort für ein Strand-BBQ ist. Die Segler bringen eine Palette Bier oder eine Flasche Rum mit, während Benjamin den köstlichsten Grillfisch zaubert, denn wir je gegessen haben. Nur ausgenommen und nicht geschuppt, wird der Fisch auf den Rost gelegt und stundenlang mehr geröstet als gegrillt. Wenn die äußere Haut schon schrumpelig und verkrustet ist, wird er geöffnet und das zarteste Filet, das man sich vorstellen kann herausgelöst werden.
Ist ein BBQ angesagt, darf auch Nelli nicht fehlen, denn der ein oder andere Segler hat immer eine alte Klampfe dabei. Und Nelli ist der Musiker der Inseln, leider ohne eigenes Instrument. Abends sitzt er dann in seiner Hängematte am Feuer und singt südamerikanische Lieder. Ein paar Akkorde nur, keine virtuosen Melodien, aber seine Stimme und die Leidenschaft, mit der er singt, verzaubert Jeden.
Der Gang zu den Behörden, der Guarda Costa, erweist sich als völlig unkompliziert. Wir stellen uns als Journalisten aus Deutschland vor und bekommen schnell eine Sondergenehmigung, um länger als die üblichen drei Tage auf den Testigos zu bleiben. Auch eine Tauchgenehmigung erhalten wir, allerdings mit der Auflage, dass wir von einem einheimischen Fischer und einem Commandante der Guarda Costa begleitet werden, zur Kontrolle, damit wir keine Langusten klauen. Die angebliche Kontrolle stellt sich später als Vorwand für die beiden Commandantes heraus, selbst einmal wieder den Kopf unter Wasser zu stecken. Nachdem Otto Cerutti nach einem Strömungstauchgang mit glänzenden Augen wieder auftaucht, wird uns einiges klar.
Die Suche nach einem lokalen Fischer führt uns zum Boot der holländischen Einhandseglerin Marianne, die seit zwei Jahren hier auf ihrer RADNOR lebt und mit Llano, einem Einheimischen, liiert ist. Und wieder werden wir mit offenen Armen empfangen, fahren nach zwei Stunden Erzählungen über die Inseln mit geschenktem Fisch und einer Einladung zum Reusenfischen nach Hause.
Am nächsten Morgen um 8 Uhr, 2 Stunden nach der vereinbarten Zeit und nach der dritten Kanne Tee geht die 8 Meter lange Lancia von Llano endlich an der Lady längsseits und wir entern auf. Die Zeit läuft hier langsamer, 6 Uhr kann auch 8 heißen, oder irgendwann am Vormittag, wen stört es ? Termine, feste Verabredungen sind unbekannt, Freunde sind immer willkommen, warum vorher eine Zeit ausmachen ? Wir sind wohl immer noch etwas zu deutsch in unseren Gewohnheiten.
Mit im Boot sitzen drei 18 - jährige Jungs vom Festland, die für die Familie arbeiten und Marianne. Immer mit dabei ist natürlich auch Benji, der 2 Monate alte Mischlingswelpe von Marianne, der zum Bootswachhund ausgebildet werden soll. Ob das allerdings trotz all der Streicheleinheiten, die er ständig bekommt, gelingen wird, ist fraglich !
Sobald wir den geschützten Kanal zwischen den Inseln verlassen haben, kämpft sich das kleine Boot durch die hohen Wellen. Wasser kommt im Schwall über, Marianne lenzt und innerhalb weniger Minuten sind wir bis auf die Haut nass. Mit gesenkten Köpfen sitzen die Jungs in der Mitte des Bootes und blinzeln, die Augen voll Salz. Llano fischt, wie viele andere hier, mit Reusen. 5 - 6 Reusen aus feinmaschigem Drahtgeflecht, circa einen Meter im Durchmesser, werden aneinandergebunden, mit Köderfisch versehen und in einer Tiefe von bis zu 30 Metern ausgelegt. Eine kleine Styroporboje mit den Initialen des Besitzers kennzeichnet den Ort. Es ist uns ein Rätsel, wie er mitten auf dem Meer, einige Meilen von der Küste entfernt, die Bojen wiederfindet. Ein Blick zurück, Landpeilungen im Kopf, kein Kompass, und doch taucht nach einer Stunde die erste Boje zwischen den hohen Wellen auf.
Nun beginnt die eigentliche Arbeit, das Boot muss genau gegen Wind und Stroemung gesteuert werden, während die Fischer die Reusen, eine nach der anderen aus der Tiefe holen. Die Sonne steht noch sehr tief und blendet Marianne, welche die Pinne hält, aufgeregte Sprachfetzen fliegen durch die Luft: "Adelante, adelante, no, no, mas derecha!" Zu dritt ziehen sie mit aller Kraft an den Leinen, Llano schleudert die auftauchenden Reusen ins Boot. Langusten, Schnapper, und Kofferfische zappeln zwischen den Drahtnetzen. Der Fang wird ins Boot geleert, die Reuse neu mit Köderfisch bestückt und die nächste an die Oberfläche geholt.
Auf dem Weg zum nächsten Riff, wo die Reusen erneut auf Grund gelegt werden sollen, wird der Fang sortiert. Nicht essbare Fische und Langusten, die nicht die Mindestgröße haben, werden dem Meer zurückgegeben. Muränen getötet und direkt zu Köderfisch zerkleinert.
Ist die neue Auslegestelle gefunden, werfen die Fischer die Fallen im hohen Bogen über Kopf in die Wellen, ein bisschen Leine geben, und die nächste wird hinausgeschleudert. Die Jungs vom Festland dürfen hier ihre Muskeln spielen lassen und den Zuschauern zeigen, mit welcher Anmut sie die schweren Drahtkäfige fliegen lassen.
Noch viermal wiederholt sich die Prozedur, bis alle Reusen eingeholt sind, dazwischen lange Fahrten in der Lancia, doch mittlerweile steht die Sonne hoch am Himmel und einen Teil des Weges haben wir die Wellen im Rücken. Die Kleidung trocknet langsam, in den Gesichtern glitzern die getrockneten Salzkristalle. Llano zeigt, dass er hier jeden Fels, jeden Stein, jedes Riff kennt. Auf einem Wellenkamm surft die schmale Lancia zwischen den steilen Klippen, dass uns Angst und Bange wird. Nah an der Küste fahren wir vorbei und beobachten die Leguane, die auf den bizarren Felsen zwischen Kakteen ein Sonnenbad nehmen.
Am frühen Nachmittag treffen wir schließlich wieder am Ankerplatz vor der Isla Iguana ein. Direkt neben der Lady liegt ein Fischerboot aus Margarita, das den lokalen Fischern ihren Fang abkauft und einmal in der Woche nach Martinique in die Touristenlokale liefert.
Neben dem Trawler warten schon die Pelikane, denn den ganzen Tag wird hier Fisch ausgenommen, die Abfälle landen im Wasser. Die Vögel schaukeln faul auf der Wasseroberfläche und lassen sich die Innereien direkt in die Schnäbel werfen.
Für uns gibt es kalte Limonade mit Eis, Seemannsgarn und von Llano eine große Languste für das Abendessen.
Am nächsten Tag sind wir und alle anderen Segler zur Geburtstagsfeier von Llanos Neffen eingeladen, er wird ein Jahr alt und das ganze Dorf ist versammelt. Jeder ist mit Jedem irgendwie verwandt und den ganzen Abend werden uns Tanten, Cousinen, Neffen und Brüder vorgestellt. Immer wieder drückt uns Jemand ein eiskaltes Polarbier in die Hand. Platten mit heißfrittierten Fleischstücken wandern vorbei. Der Geschmack lässt sich nicht ganz einordnen, auf Nachfrage verwandelt sich die Herkunft des Fleisches von Ziege in Pelikan in Leguan und andere exotische Tiere. Wem wir glauben können, wissen wir nicht und eigentlich ist es auch egal, so lange es schmeckt. Mein Skipper fordert die Großmutter zum Tanz, die Jungs vom Festland scharren hormongeplagt mit den Hufen:"Blaue Augen hat die Chica, ich hab's selbst gesehen", aber zum Tanzen reicht der Mut dann doch nicht. Selbst nach Michas ausdrücklicher Erlaubnis, seine Dame auf´s Parkett zu führen, grinsen sie nur verschämt und holen sich ein neues Bier. Die Dorfbewohner feiern noch bis in den frühen Morgen und den ganzen nächsten Tag, doch ohne südamerikanisches Blut in den Adern streichen wir um Mitternacht die Segel.
Ein paar Tage später verlegen wir mit der Iron Lady vor die Insel Testigo pequeno. Der weiße Sandstrand blendet im Sonnenlicht, das Wasser glitzert in einer unendlichen Farbpalette von Türkis - und Blautönen. Direkt am Strand unter den Palmen lebt Nelli mit seiner Familie, unter anderem mit der kleinen Nichte Jennifer, die am Anfang sehr schüchtern ist. Doch bereits am zweiten Tag wird sie zu Micha´s bester Freundin und schleppt ihn, begeistert von der Digitalkamera, über die Insel, damit er all ihre Tiere und Lieblingsplätze ablichtet.
Auf Testigo pequeno essen wir unseren ersten Hai, machen Ausflüge mit dem Dinghi, sitzen am Strand oder unter der Veranda im Schatten bei Nelli. Denn Nelli kann mal wieder nicht arbeiten. Auf der Geburtstagsfeier ist er zu hastig von einem Stuhl gesprungen und hat sich den Fuß verknackst. Micha verrät meinen Beruf und im Nu werden mir sämtliche Füße der Insel entgegengestreckt. Ein Geschwür, das nicht heilen will, ein paar Prellungen, nichts ernstes. Nach ein paar Verbänden und ein bisschen Salbe legen sich alle wieder zufrieden in die Hängematten. Am nächsten Tag fährt die Guarda Costa vor. Auf der Isla Iguana hat eine Frau Bauchschmerzen, der nächste Arzt ist weit, also wird die "doctora alemana" geholt.
Doch viele Möglichkeiten der Therapie hat man auf den Inseln nicht, so dass mir nach zwei Besuchen am Krankenbett nichts anderes übrigbleibt, als die Arme mit Verdacht auf Blinddarmentzündung ans Festland zu schicken. Als Lohn für meine Dienste werde ich mal wieder in Naturalien bezahlt. Fisch und, besonders kostbar auf den trockenen Inseln: Auberginen aus dem eigenen Garten.
Die Tage vergehen. Seit zwei Wochen sind wir nun schon auf den Testigos. Langsam drängt die Zeit, denn wir erwarten Besuch von unserem Freund Mark auf der Insel Margarita. Doch der Abschied fällt schwer. Der Abschied von den Freunden, die wir gefunden haben, von den Inseln, auf denen es jeden Tag etwas Neues zu entdecken gibt. Es macht es nicht leichter, dass uns Llanos Familie eine Scheinheirat anbietet, um das Recht zu haben, Land auf den Testigos zu erwerben und ein Haus zu bauen.
Doch wir fahren schließlich mit einem Schmunzeln über das Geheimnis, das sie uns noch mit auf den Weg geben. Das Fleisch auf der Party war Schildkröte, sagt Nelli, aber ob wir ihm glauben können ?
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