Es riecht grün. Schon während unseres nächtlichen Ankerfalles
riechen wir den Urwald. Unbekanntes Vogelgezwitscher dringt in der nächtlichen
Stille an unsere Ohren. Wir haben das Land nicht schon weit draußen
gerochen, wie so oft in Segelromanen beschrieben, aber hier riechen
wir es. Feucht, warm, duftend, genauso hab ich mir den tropischen Wald
vorgestellt.
Der nächste Morgen zeigt dann die dazugehörigen Farben. Dichter
grüner Wald, in dem ich Bananen, Bambus, Mangroven und viele unbekannte
Pflanzen ausmache. Selbst das Wasser ist nicht mehr atlantikblau, sondern
leuchtet türkis in allen Schattierungen.
Am Strand stehen die typisch karibischen Holzhäuschen. Wir sind
wirklich da, haben den Atlantik überquert und die Insel Tobago
gefunden. Nicht durch Zufall und sicher nicht als Erste, aber dennoch,
nach über 2000 Seemeilen Wasser kommt es Einem schon wie ein kleines
Wunder vor.
Völlig überfordert fahren wir an Land in das kleine Örtchen
Charlotteville und lassen den Dialekt auf uns einprasseln, der sicher
einen englischen Ursprung hat, für uns aber noch völlig unverständlich
ist. Trotzdem finden wir Zoll und Immigration, bringen in kurzer Zeit
die Papierprozedur hinter uns. Jegliche Sorge meinerseits wegen des
fehlenden Ausreisestempels war umsonst, der Immigrationofficer weiß
noch nicht einmal, wo die Kapverden liegen...
Und wieder eine neue Währung. In einem Laden tauschen wir unsere
US - gegen Trinidad - Tobago - Dollar, kurz TT genannt. Eine Bank gibt
es nur im Hauptort und für den Bus dorthin benötigen wir die
einheimische Währung in der Tasche. Außerdem lachen uns am
Strand Tomaten, Salat, Mangos und Papaya an... Nach fast drei Wochen
auf See, gibt es natürlich nur noch Dosenfutter in der Kombüse.
Am Strand sitzen wir und knabbern frische Möhren wie die Karnickel.
Neue Weiße im Ort, Segler, schnell bekommen wir alles unter der
Hand angeboten und für einen good price versteht sich, von Marihuana
über Geldwechsel, die bekannten Steeldrums, eine Hängematte
unter Palmen oder einfach nur ´ne Kokosnuss. Alles da. Welch ein
Kontrast zu den Kapverden, wo man nach Allem suchen musste, wo nichts
selbstverständlich war. Hier quellen die Läden über mit
Allem, was das Herz begehrt. Amerikanische Produkte, Fast food und natürlich
karibische Spezialitäten. Doch inmitten all dieser Zivilisation
ein paar Dinge, die an Afrika erinnern, die Fischer kommen heim mit
ihrem Fang, und mit dem Ton der beim Blasen in ein Schneckengehäuse
entsteht, kündigen sie den Verkauf an. Auf dem Rückweg fahren
wir Slalom durch die vielen Fischerboote, die mit ihren Schleppangeln
aus dünnem Bambusrohr zu beiden Seiten, wie gigantische Insekten
aussehen. Für den ersten Tag haben wir genug und verkriechen uns
wieder aufs Boot, wo alles so schön wackelt.
Der nächste Tag hat es gleich wieder in sich. Auf nach Scarborough,
der Hauptstadt von Tobago. Erste Probleme gab´s mit dem Transport,
niemand konnte uns sagen, wann nun der Bus fährt, aber das kennen
wir ja mittlerweile aus vielen Ländern. An die Haltestelle setzen
und warten, wird irgendwann belohnt, so auch in unserem Falle. Die Fahrt
geht in atemberaubenden Kurven durch das Landesinnere, den Regenwald,
entlang der raueren Nordküste. Wir können uns gar nicht satt
sehen. Aus dem Radio klingen Calypsoklänge in die sich Schlittenglöckchen
und Rentierbrüllen mischt, denn es ist Weihnachtszeit. Vor den
Häusern stehen aufwendig geschmückte Plastiktannen mit Kunstschnee
und Lametta, an den Fenstern Weihnachtssterne. Bei 30° Grad und
tropischen Regengüssen eine etwas seltsame Erscheinung. Angekommen
in Scarborough, werden wir weiter beschallt. Stadthektik, viele Strassen
und Autos, die zu allem Übel auch noch auf der falschen Seite fahren.
Die Menschen auf den Strassen sind genauso bunt, wie die Reklameschilder
und Schaufenster, Schwarze, Weiße, Inder, Asiaten und alle vorstellbaren
Melangen tummeln sich in der Stadt. Neben den Geschäften für
Saris und indischen Goldschmuck finden sich Läden, in denen Kunsthaar
in allen Formen und Farben verkauft wird. Ein paar Häuser weiter
ein chinesischer Supermarkt. Doch auch Burger King, KFC und weitere
amerikanische Ketten finden großen Anklang.
Wir besorgen die einheimische Währung, ein paar Kleinigkeiten
und sehnen uns schnell wieder nach der Behaglichkeit des Städtchens
Charlotteville. Doch so einfach wie der Hinweg, soll unsere Heimreise
nicht werden. Wir fragen uns bis zur Haltestelle der Sammeltaxis durch
und warten. Eine halbe Stunde später warten wir immer noch, allerdings
mit einem einheimischen Aufpasser, der denselben Weg hat und uns helfen
wird. Eine Stunde später warten mit uns 20 andere Menschen, zwei
Stunden später nur noch wir und unser Begleiter, die anderen waren
immer schneller, wenn es darum ging ein Taxi in Beschlag zu nehmen.
Was soll's, auch wir landen schließlich irgendwann nach Einbruch
der Dunkelheit auf der Iron Lady und sind um eine Erfahrung reicher!
Das nächste Mal nehmen wir den Bus zurück!!!
Unser Ankerplatz vor Charlotteville heißt Pirates Bay, doch die
modernen Piraten, die hier liegen, sind Segler, fast alle frisch über
den Atlantik gekommen. Neben uns ein dänisches Schiff, hat gerade
den Besitzer gewechselt, von Christian I zu Christian II, Einer verrückter
als der Andere und zu Besuch zwei unglaublich blonde Mädels aus
Dänemark. Ein chaotisches Freakboot, aber sympathisch. Zum Feiern
werden wir an Bord eingeladen und essen Sushi aus frisch harpuniertem
Barrakuda, sehr lecker. Ein paar Bootslängen vor uns liegt Werner,
ein deutscher Lehrer auf dem Weg von Brasilien nach Hamburg, zurück
nach Hause. Neues Crewmitglied an Bord seit Rio ist jedoch nicht etwa
eine kaffeebraune Schönheit, sondern der kleine Kater Caipirinha,
der Werner in Schwierigkeiten bringt. Er hasst Fisch und hat noch nie
Einen ausgenommen, doch Caipirinha verlangt alle paar Tage lauthals
nach seiner Lieblingsmahlzeit. So gibt es eine Lehrstunde von Micha,
dem Meister des Fischeausnehmens. Die Segler! Moderne Piraten und können
noch nicht mal ihren Fisch zubereiten!!!
Die Tage ziehen ins Land, wir pendeln vom Dorf zur Lady und zurück.
Viele Ausflüge können wir leider nicht machen, denn die Regenzeit
hat sich dieses Jahr bis in den Dezember hineinverlagert und beglückt
uns mit tropischen Regengüssen. Bettwäsche, Klamotten, alles
was nach der langen Fahrt nach einer Wäsche schreit, wird einfach
nicht trocken. Nach zehn Tagen in der schwülen, nassen Hitze gehen
wir Ankerauf und versprechen uns besseres Wetter im Süden der Insel.
Erster Stop ist die Bloody Bay am Bloody River, so genannt, wegen einer
blutigen Schlacht zu Kolonialzeiten. Vor der Flussmündung liegen
haufenweise Steine, Bäume und Geröll, so dass eine Flussfahrt
mit dem Beiboot ausfällt, doch echter Luxus ist das Bad im Süßwasser.
Kein Wassersparen, Shampoo bis zum Abwinken, fließendes Wasser...
Am Abend jagen Pelikane rechts und links der Lady, in der Ferne hört
man die Geräusche des Urwalds, ein friedlicher Ort.
Doch nicht lange, am Morgen werden wir unsanft von starkem Schwell geweckt,
ein kurzer Blick nach draußen bestätigt, dass dies kein sicherer
Ankerplatz mehr ist! Die nächste Bucht, Englishman Bay, deren Bild
uns schon in einem Reiseführer lockte, bietet dasselbe Bild. Ein
Landgang ohne Kentern im Dinghi ist in der starken Brandung nicht möglich.
Sehnsüchtig schauen wir auf den wunderschönen langen Sandstrand,
umgeben von Palmen und Urwald!
Nichts zu machen, wir setzen unseren Weg fort, spähen mit dem Fernglas
in jede Bucht, drehen ab und suchen die nächste. Letztendlich landen
wir am westlichen Zipfel, kurz hinter dem ausgedehnten Buccoreef in
der Store Bay.
Nicht, dass die Situation hier wesentlich besser wäre! Es ist
fast absurd, an Land machen wir Luxushotels aus, kitschige Deko, gigantische
Wellenbrecher und ein dadurch entstandener Minibeach für die Touris!
Während sie Cocktails schlürfen, ist die Lady belagert! Von
Schwell, Brandung, Wind und Wetter. Ein paar andere Segler verlassen
die Bucht auf der Suche nach einem besseren Platz, doch es gibt keinen.
Die Wetterkarte zeigt eine dichte Wolkenfront über Tobago, restliche
Karibik: Sonne pur.
Nun gut, wir harren aus, sehen der Wäsche beim Schimmeln zu und
warten! Drei Tage vergehen, bis wir uns in Ölzeug ins Dinghi sitzen
können, um an Land zu fahren! Wie gut, dass wir gerade auf dem
Atlantik Psychologie auf engstem Raum geübt haben!
Am vierten Tag der Durchbruch, zögerlich zeigt sich die Sonne.
Die Palmen am Strand leuchten wieder in sattem grün und über
die Bucht zieht sich ein wunderschöner Regenbogen. Im "wash
and surf", einem Waschsalon mit Internetcafe, belegen wir einen
ganzen Tag die Maschinen und Trockner. Die Fenster der Lady stehen weit
auf, bis der ganze Mief verbannt ist. Wir lachen wieder und nehmen neue
Ziele in Angriff. Die Bucco Bay, fast komplett umschlossen vom Riff,
doch in den letzten Tagen nicht erreichbar gewesen.
Nathalie im Mast, Micha am Steuer, suchen wir uns per Sichtnavigation
den Weg in die Bucht. Ruhiges Wasser, Korallenbänke und aus dem
Mast ein wundervoller Blick über das gesamte Riff in allen schillernden
Farben. Doch unter Wasser hat auch dieses Riff seine besten Tage hinter
sich. Micha fängt beim Schnorcheln zwar seine erste Languste, aber
ansonsten sehen wir hauptsächlich tote Korallen und kaum Fisch.
Grund dafür sind unter anderem die vielen Glassbottomboats, die
Touristen die Wunder der Unterwasserwelt zeigen wollen. Rücksichtslos
werfen sie Tag für Tag den Anker in die Korallen, die ungeschulten
Touristen steigen aus und trampeln, weil sie es nicht besser wissen,
weitere Korallen zu Schutt. Schon eine leichte Berührung reicht
oft aus, um diese sensiblen Lebewesen zu zerstören. Nach Informationen
eines Tauchlehrers, setzen sich nun auf der Insel mehrere Menschen dafür
ein, die noch bestehenden Riffe zu erhalten, Mourings für Segler
und die Glasbottomboote, bessere Aufklärung der Touristen sollen
unter anderem dazu beitragen.
Langsam sind wir reif für einen Tapetenwechsel! Schon seit einigen
Tagen drängen Hannes und Ruth von der Vite Vite, die uns per Funkkontakt
über den Atlantik begleitet haben, endlich nach Trinidad zwecks
Kennenlernen von Angesicht zu Angesicht! Außerdem ist in vier
Tagen Weihnachten, Zeit die Yachtkolonie Chaguaramas aufzusuchen und
nach ein paar netten Menschen Ausschau zu halten um zu feiern.
Schade, dass wir nicht mehr Glück mit dem Wetter auf der Insel
Tobago hatten, doch da wir ja nicht nach drei Wochen wieder nach Hause
reisen müssen, können wir drüber lachen! Wer erlebt denn
sonst heutzutage noch Belagerungszustände!