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Südseeträume 02.06.03 bis 17.07.03
Tuamotus

Von unseren bisher besten Freunden während unserer Reise, Carlotta und Horatio von der italienischen SY DECIBEL, frisch getrennt, schaffen wir es gerade noch ein paar Meilen Bug an Bug zu segeln, dann trennen sich unsere Wege. Die DECIBEL läuft zu den Marquesas, wir in die Gruppe der Tuamotus.

In den Zeiten ohne GPS und nur mit Sextant haben die Segler die Tuamotus gemieden wie die Pest. Die Tuamotus umfassen etwa 80 Atolle über eine Nord-Süd-Ausbreitung von etwas 1400 km. Die Saumriffe sind nie höher als die Palmen. Fast nicht erkennbar mit dem Radar, erst wenn es schon zu spät ist, kurz vor dem Riff, sieht man die brechende Welle. Unvorstellbar hier bei Nacht mit Koppelnavigation durchzusegeln, so lagen hier auch schon viele heute bekannte Segelbuchautoren beigedreht, waren froh am nächsten Tag durch die engen Lücken zwischen den Inseln hindurchgefunden zu haben. Aber seit ein Hand-GPS weniger kostet als ein gutes Abendessen mit zwei Personen in Düsseldorf, seit dem ist eben Jan und Jedermann auch hier zu finden. Unter anderen: Wir!

Von Süden kommend segeln wir durch die Inselwelt, ohne überhaupt eine zu Gesicht zu bekommen. Dazu müssen wir uns erst einmal entscheiden. Gut. Das Atoll Amanu steht auf dem Plan. Mitten in der Nacht segeln wir durch die Inselwelt, vertrauen unseren elektronischen Karten und stehen dann wie geplant vor unserem ersten Pass. Ein Pass funktioniert ganz einfach, bei Flut fließt das Wasser des Meeres hinein, bei Ebbe fließt das Wasser hinaus. Nur das die ganze Zeit über das Saumriff Millionen von Kubikmetern Wasser in die Lagune hineingelangen. Also verlängert sich die Zeit, in der das Wasser aus dem Pass fließt. Das tut es gerne mit über 5 Knoten. Dann ist es schier unmöglich in die Lagune einzufahren. Allein schon den Pass zu finden, scheint schier unmöglich zu sein. Dann mal schauen ob alle Berechnungen stimmen, die Nase der Lady in den Pass. Ja. Natale hat Recht behalten, gut drei Knoten Strömung ziehen uns in den Pass. Am Ende dann aufpassen, vorm Riff schnell rechts abbiegen. Wie die Anfänger schmeißen wir unseren Anker vorm Dorf in ein Feld von meterhohen Korallenköpfen. Die Kette verhakt sich dermaßen, das wir Anker und Kette mit Markierungsboje dort liegen lassen müssen. Was peinlich! Also doch an die Tonne des Versorgungsschiffes und mit dem Dinghi ins Dorf. Mit Hilfe der netten Polynesier bekommen wir unsere Kette zurück und werden durch die flache Einfahrt ins Hafenbecken des Dorfes geleitet. Ein Schnorchler vorweg räumt noch ein paar Brocken aus dem Weg. Es ist wirklich nur die berühmte Handbreit Wasser unterm Kiel vorhanden. Hier liegen wir wie in Mutters Schosse und die täglichen Gewitter interessieren uns recht wenig.

Am Pass steht immer eine Kirche, in Amanu sind es direkt derer Zwei. Unter den Palmen, in denen der Wind weht, im Pass wo die Strömung steht, Mann, das ist ein romantisches Plätzchen. Die hübschen Polynesierinnen mit den langen schwarzen Haaren und den duftenden Tiareblüten hinter dem Ohr treffen sich zu einer Selbstgedrehten im Schatten des Gotteshauses inklusive Kinderschar und beäugeln uns neugierig. Wohin, woher, warum? Wir antworten inzwischen mit einer freundlichen Routine in allen uns bekannten und verwandten Sprachen. Das gehört auch dazu, zum Welt umsegeln.

Ich gehe mit den Jungs zum Speeren. Die Haie scheinen sie dabei nicht weiter zu interessieren. Ich soll auch speeren, aber ich fotografiere lieber. Die Einheimischen sind super nett zu uns, aber doch verschlossen, wahrscheinlich weil sie wissen, dass wir sie schon bald wieder verlassen, wie so viele andere Segler vor uns.

Eben so ist es denn auch. Mit dem Dinghi kreuzen wir noch bis zum nächsten Eiland der Lagune. Ich übe Palmen hochklettern, Natale fotografiert sie lieber am Strand, die Kokosnüsse! Noch einen Tag schlendern wir durchs Dorf, doch wir sind uns einig, irgendetwas bedrückt uns hier. Anker auf und weiter.

Raroia, so entscheiden wir, ist das nächste Ziel. Ein Atoll, wie alle anderen auch. Ein Pass, der jetzt auch nicht mehr so aufregend ist. Ein paar andere Segler und vor allen Dingen Mücken und Fliegen. Wir wandern auf die andere Seite zum Riff, das gerade im Moment trocken liegt. Wir bestaunen das Leben, die Korallen unter ein paar Zentimeter Wasser, die kleinen Fische und Krebse, man muss nur genau hinschauen. Das Riff lebt und begeistert wandern wir vorsichtig Stunde um Stunde weiter, bis der Tag sich neigt. Die Innenseite der Lagune mit dem Dorf: Palmenhaine, spielende Kinder, ein paar Männer sitzen unter einer alten Veranda und trinken Bier. Wir fotografieren viel, Natale experimentiert und ich schaue aufs Meer. Alles dreht sich hier um Perlen, das Gold von Französisch Polynesien. Ein paar alte Fischer wollen uns, den dummen Touristen ein paar Blacks zum Touripreis verkaufen und da geht mir dann innerlich die Hutschnur flöten. Die Gambiers sitzen mir immer noch im Rücken, zu freundlich wurden wir dort behandelt. So kann es gehen.

Am nächsten Morgen schon holen wir unser Eisen zwischen den Korallenköpfen wieder heraus. Was ist los mit uns, warum werden wir nicht sesshaft im Moment? Warum nehmen wir den Kontakt mit den Einheimischen nicht auf? Liegt es daran, dass ich meine Französischlektionen nicht in dem Maße geschafft habe, wie ich mir erst vornahm oder ist es immer noch die ach so schöne Zeit mit unseren Freunden von der DEZIBEL. Ich weiß es bis heute nicht. Ich glaube Letzteres...

Da muss Ablenkung, Spaß und Party her. Vom Atoll Toau ruft Schelmi, IRENA per Funk alle netten Segler per SSB zusammen. Tauchen, Speeren, BBQ, Palmen und Kokosnüsse, er verspricht uns das Paradies in den Tuamotus. Kurze Diskussion und schon sind wir auf dem Weg. Ein paar Tage durch die Inseln und als wir in den ehemaligen Pass einfahren, kommen schon Mana und Jean-Paul an und weisen uns eine Mouring zu! Mouring, das hatten wir schon lange nicht mehr. Vorsichtshalber tauche ich runter und schaue mir die Konstruktion an. Ein paar Meter Kette und dicke Tampen, da hat jemand professionelle Arbeit geleistet.

Mana ist der älteste, Jean Paul der jüngste Sohn der Taupiri Familie, die die Insel hier bewohnt. Neben Fischfang, haben sie ein kleines Restaurant aufgemacht, wo es neben Sandfliegen ;-) ein hervorragendes Essen gibt. Jetzt wo Mana und Jean Paul alleine sind, Mama und Papa in Papeete, da läuft alles etwas lockerer ab. Im Pass liegen etwa zehn Boote, an manchen Tagen sogar mehr. Morgens sammelt Mana alle Taucher mit dem Boot ein, irgendjemand muss den Sprit spendieren, dann fahren wir mit dem Fischerboot der Taupiris raus zum Außenriff in der Leeseite des Atolls und lassen uns kurz auf 40 Meter durchfallen. Die Anfänge, von Schelmis improvisierter Tauchschule sind etwas vorsichtiger, manchmal mehr und manchmal weniger. Das Außenriff ist wunderschön und geht wirklich tausende von Metern senkrecht in die Tiefe. Hier werden bestimmt sonst die genialen Tauchfilme, wie 'Big Blue’ gedreht. Es gibt alles an Kleinfisch zu sehen, was man sich vorstellt, doch der Großfisch lässt leider auf sich warten. Nach dem Tauchen geht es dann mit allen Seglern ins Innenriff. Jeder, der Speeren kann und will kommt mit, und das Abendessen wird zusammengestellt. Sind die großen Jäger dann mal einen Tag nicht ganz so erfolgreich, dann geht Mana zur Reuse und bedient sich. Man muss sich das wie eine Art Tiefkühltruhe auf polynesisch vorstellen. Abends sitzen alle Segler zusammen, jeder bringt was mit. Die, die wollen, kochen mit in der Küche und gemeinsam wird alles unter lautem Gelächter und viel Spaß aufgegessen. Zur Mittsommernacht gibt es ein besonderes Fest. Dafür sorgen besonders unsere skandinavischen Mitsegler und Wahlkapitäne. Die Abende sind lang und feuchtfröhlich und vor allen Dingen eins: Unvergesslich.

Das Leben auf Toau ändert sich etwas, als Papa und Mama wiederkommen aus Papeete. Mit ihnen die drei Töchter und noch ein Sohn. Der normale Restaurantbetrieb wird wieder aufgenommen. Zum Tauchen fahren jetzt nur noch Natale und ich mit unserem eigenen Dinghi, das aber täglich! Die meisten Segler ziehen weiter nach Papeete, nur wir bleiben mal wieder kleben. Mit Taupiri und den anderen Söhnen lernen wir nun harpunieren unter schwereren Bedingungen im Pass. Dort laichen gerade die 'Marbled Grouper’ in Unmengen. Der Inselfrachter wird erwartet und das Benzinfass ist leer. Aus Spaß wird Ernst, aus Ernst wird Arbeit, wie so oft. 250 Grouper finden ihr Ende in Taupiris Fischerboot nach etwa 4 Stunden speeren in 10-15 Meter Wassertiefe mit 20 Grau-, Weiß- und Schwarzspitzenhaien um uns herum. Ausgenommen werden sie auch noch. Der Küstenfrachter nimmt den Fang mit und lässt eine Tonne Benzin da. Das Leben kann weitergehen und schon am nächsten Tag sind Mana und Jean Paul früh morgens unterwegs um Kopra zu machen. Das süße Leben ist anscheinend wirklich vorbei. Am Nachmittag kommt das Boot vollbeladen mit Coconuts zurück.

Doch alles hat auch seine Vorteile. Wir kommen immer näher mit der Familie in Kontakt und sitzen oft abends gemeinsam mit der ganzen Familie in der Küche und essen polynesisches. Auf der einen Seite Lobster bis zum abwinken und dann Spagetti mit Corned Beef. Immer dabei literweise selbstgemachte Kokosnussmilch, die diesen netten Menschen anscheinend ihren Umfang gibt! Das Leben in der Mittagssonne spielt sich auf der Veranda der Taupiris ab. Alle hängen gemeinsam im Schatten ab. Die Jungs spielen auf einfachen Ukulelen wundersame Tahiti Musik und singen dazu, die Mädels tanzen und deren Star ist eindeutig Natale. Natale hier, Natale da. Besonders Fanari hängt immer an ihrem Rockzipfel, dass ich fast schon eifersüchtig werde. Taupiri, der gerne hilft unsere Rumbestände zu reduzieren, ist ein fantastischer Freediver. Bis auf vierzig Meter soll er ohne Flasche tauchen können.

Um die Allerherrlichkeit noch abzurunden taucht eines Tages DECIBEL auf. Von den Marquesas auf dem Weg nach Tahiti packt die Beiden wohl doch auch die Sehnsucht. Horace schließt sich den männlichen Taupiris und mir an, um jeden Tag das Essen zu speeren und beweist einmal wieder, dass den Italienern das Fische speeren wohl mit in die Wiege gelegt wird. Zwei ausgewachsenen Octopusse erlegt er in Folge, ich habe noch nicht einmal einen gesehen. Sogar der alte Taupiri wird neidisch und ich darf meine spanischen Kochkünste anwenden. Es gibt Paella mit spanischem Rotwein. Immer bei den Ausfahrten dabei ist Tequila, der Höllenhund der Taupiris, der den Gerüchten nach keine Scheu davor hat den Haien, die die Brüder derzeit draußen am Riff fangen, das Ende zu bereiten. Ansonsten lernt Natale von den Taupiris die Herstellung von Poisson cru, rohem Fisch, vorzugsweise Papageifisch, in Kokosnussmilch. Jeden Tag versüßt uns dieses Essen den Tag, man mag meinen das wir jetzt bald alle polynesische Ausmaße annehmen, doch bei der ganzen Taucherei und Schnorchelei werden wir eher schlanker und ranker. Selten habe ich mich so gesund gefühlt wie bei den Taupiris.

Die nächste Insel auf der anderen Seite das Passes gehört einem Onkel der Familie. Vom Haus ist nicht viel übrig, die Bootsgarage ist so gerade noch erhalten, dazu ein freches altes Schwein. Viel mehr gibt es hier nicht zu sehen. Doch der beste Platz für eine Zukunft denke ich mir. Eine kleine Tauchschule und schon ist eine neue Existenz dahergezaubert. Doch real überdacht fehlen die Kunden, nur die geizigen Segler, davon wird das Schwein nun auch nicht satt und eine kleine Praxis für Natale, da fehlt natürlich noch das Wasserflugzeug, wofür uns das notwendige Kleingeld gerade nicht zur Hand ist. Dazu kommen die Hurricans und ach, überhaupt gibt es doch noch so viel zu sehen auf unserer Reise um die Welt. So sitzen wir unter den Palmen, starren aufs Meer. Mal wieder, wie so oft geht die Sonne unter. Morgen ist ein neuer Tag. Neuer Tag, neues Glück.

Der Tag unserer Abreise kommt näher und näher, unser Visum für Polynesien läuft bald aus. Gerne gibt sich Polynesien als Bestandteil der EU ab und kassiert Gelder zur Unterstützung, bei den Visumsformalitäten werden Europäer allerdings behandelt wie Ausländer. Wir wissen das und Natale, oft sehr behördentreu, mehr als mir recht ist, macht Druck. In Papeete müssen wir uns bei der Immigration melden und wenn das Visum dann schon abgelaufen wäre, wäre nicht gut. Dickköpfig, wie ich dann auf der anderen Seite gerne mal bin, brumme ich wild und gebe dann aber doch nach.

Die Taupiris haben uns genauso in ihr Herz geschlossen, wie wir sie. Einfach machen sie und die Abfahrt nicht. Rose legt sich am Abfahrtstermin einfach in unsere Seekoje, Papa sitzt mit der Flasche Rum im Cockpit, die Mädels sitzen im Salon, fangen an zu Basteln und zu Malen und Jean Paul blockiert das Vordeck mit Mana und Horace. Zwischendrin noch Nelson, der italienische Bootshund und Carlotta, die mir mit ihrem italienischen Charme jegliche Abfahrtsvorbereitungen untersagt. So liegt die Lady schwer beladen im Pass und es wird später und später. Die Versammlung aufzulösen geht natürlich nur unter großem italienischem Tam Tam mit polynesischen Tränen begleitet. Die Sonne sinkt und irgendwann am späten Nachmittag endlich unter Androhung alle mitzunehmen, dürfen wir dann doch den Mouringtampen lösen. „Was habt Ihr nur mit den Taupiris gemacht?“, fragt uns Madeleine von der belgischen TICO TICO, später in Papeete. „Nichts war mit den Taupiris anzufangen.“ Traurige Stimmung hing noch Tage über Toau, dass wir abgefahren sind. Das tut uns natürlich gut auf der einen Seite, aber der Weg zurückzukommen ist so unendlich weit. Ob wir Toau jemals wieder betreten werden? Und ob es unsere Familie dann noch gibt? Fragen über Fragen, die wir auf dem Weg nach Papeete ausgiebig diskutieren.




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