Villamoura - Madeira
Soviel Wasser
Wild entschlossen meinen besten Freund Guido zu Fuß vom Flughafen abzuholen, ging ich schon in aller Frühe los. Wanderschuhe, dicke Socken gegen Blasen und danach den Strand lang, ostwärts. Nach vier Stunden kamen die ersten Bedenken auf. Die Sonne brannte mir unendlich auf den Schädel, und ich machte immer längere Pausen an den vielen Strandbars, die am Wegesrand lagen. Zu guter Letzt verlief ich mich auf einem Golfplatz nebst dazugehörigen Bungalowterrain. Da riss mir endlich die Hutschnur. Ich stellte mich an den Straßenrand um zu trampen. Keiner hielt an und ich musste weiter und weiter zu Fuß laufen.
Irgendwann fand ich eine kleine Einheimischenkneipe, in der es zwar kein Telefon gab, aber der Sohn des Besitzers hatte wohl ein Handy und wurde in Kürze zurückerwartet. Mir wurde fest zugesagt, dass eben jener Sohn mir ein Taxi rufen könnte. In Kürze ist ein sehr dehnbarer Begriff und ich musste in Kürze viele Biere trinken, bis ich endlich im Taxi auf dem Weg zum Flughafen war.
Viel zu früh kam ich am Flughafen an und traf doch auch gleich eine alte Schulkollegin, Sonja. Ist ja auch vollkommen natürlich, im Flughafen von Faro eine alte Schulfreundin wiederzusehen. Guido kam mit dem berühmten roten Hartschalenkoffer. Aber die Story möchte ich nicht schon wieder ausbreiten, das kann man sich in den Logbüchern der entsprechenden Zeit im Detail durchlesen.
Es begann die Zeit der Versorgungseinkäufe, Arztbesuche, Ölwechsel. All das, was wir Yachtis halt so lieben. Brütende Hitze half uns bei unserer Liebschaft. Aber trotzdem sind wir mal wieder bei widrigem Wetter ausgelaufen. Eine Kaltfront zog in den nächsten Tagen durch. Ich prognostizierte Guido zwei Tage Flaute und darauffolgend viel Wind und Dünung...
Wie angekündigt kam nach 48 Stunden die Front und bescherte uns kein Damenwetter mehr. Genaueres und Realistischeres sollte man sich aber besser im Logbuch dieses Zeitraums durchlesen.
Im Nachhinein bin ich immer noch sehr beeindruckt vom Atlantik und dem Wetter, welches uns für die Überfahrt beschert wurde. Die Brutalität und Größe, mit der die Wellenberge aus Norden angerollt kamen, gaben mir das Gefühl klein und elend in einer Nussschale zu sitzen. Übernächtigt und gereizt musste ich Guido ertragen und Guido musste mich ertragen. Leider kann man diese Wellen nicht fotografieren. Auf den Photos sieht das alles ganz harmlos aus. Ein bisschen blaue Welle halt. Zumindest kann man nicht vom eigenen Boot aus fotografieren. Vielleicht vom Masttop aus, doch wer will da schon bei schrägem Wetter sein?
Beeindruckend war vor allen Dingen zu wissen, wie weit es noch bis zum nächsten Hafen war. Mit dem Finger auf der Karte ist das wirklich nicht weit. Doch in der Realität sind es Tage, hunderte von Seemeilen und man selber bewegt sich im Schneckentempo. Vernünftige Wettervorhersagen bekommt man leider immer nur für 2 Tage. Und was ist, wenn der Schlag über 5 Tage geht, oder sogar über Wochen ? Danach ist man auf die eigenen Künste angewiesen. Tja, und auf diese vertraut man ja nun noch nicht so hundertprozentig.
Auf jeden Fall fühlt man sich absolut der Natur, dem Meer ausgeliefert. Man kann an den Ereignissen nichts, aber auch gar nichts ändern. Das schlaucht. Vor allen Dingen, weil man sich mit jedem Tag auf See, den dazugehörigen Erlebnissen und Eindrücken und dem was man von anderen Yachtis hört, neuer Grausligkeiten bewusst wird. Alle Seeleute neigen zur Übertreibung. Also ist das doch alles Seemannsgarn. Und wenn nicht ?
Allein auf See sein empfindet wohl jeder anders. Ich empfinde es als teilweise gruselig, aber nicht unangenehm.
Guido hat wohl ähnlich gedacht. Es sind die Wachen, die einen so fertig machen. Im Cockpit sitzen, Sterne schauen, Rundumblick, Kurs auf Karte und PC kontrollieren, Segel trimmen und ansonsten aufpassen, dass man nicht einschläft. Es gibt auch viele, viele glückliche Momente auf Langfahrt. Zum Beispiel, die Wachablösung, zumindest solange das Wetter so ist, dass man beruhigt in die Koje fallen kann und der andere jetzt Wache schieben muss. Wie sagte Guido: Dreimal am Tag lachen wir !
Irgendwann, wenn man eigentlich schon nicht mehr daran glauben kann, kommt Land in Sicht. Und dieser Moment ist eigentlich der schönste, der alles ausgleichende Moment des Glücks. Man freut sich über den ersten Schritt auf dem neuen, meist unbekannten Land. Meist legt man sich rücklings auf den erreichten Steg (nur nicht in Holland bei Regen), raucht eine Zigarette. Danach sucht man nach den Mädels, die einem die Blumenketten um den Hals legen und akzeptiert später ersatzweise das eiskalte Bier an der nächsten Hafenkneipe.
Unser Glück war aber vor allen Dingen Porto Santo. Endlich blaue Lagune. Ruhe, keine gigantische See. Und erst einmal am Strand lang gehen, Schuhe aus, einfach umwerfend und toll. Guido hatte schon ein altes Restaurant direkt am Strand ausfindig gemacht, wo wir dicke Stücke Fleisch, gebraten auf einem Stein, aßen. Damals war die BSE - Krise noch nicht so weit fortgeschritten, dass man Angst hatte sich nach Genuss des Fleisches rücklings auf den Boden werfen zu müssen und elendig zu verrecken.
Man hat überlebt. Man hat es geschafft. Man hat einfach ein tolles Gefühl im sicheren Hafen zu liegen und erst einmal ausschlafen zu können. Angekommen, wird man neugierig auf den Hafen und die Umgebung. In Guidos und Michas Fall war erst einmal Feiern angesagt. Das Feiern und die Folgen benötigten 48 Stunden um abzuklingen. Am berühmten "Tag danach" bin ich mit dem Roller über die Insel gebrezelt, habe mir Schluchten und Steine angeschaut und die Ruhe zum Fotografieren genutzt.
Die ruhig gelegene Ostküste widerspricht der atlantischen Westküste. An der West und Nordküste gibt es keinen einzigen Ort, nur Klippen und Brandung. Hohe Brandung. Auf der anderen Seite ist es sanft und ruhig.
Mit dem Roller fahre ich in ein paar Stunden um die komplette Insel. Vorbei an Buchten und Wellen ohne mich hinzulegen oder zu verletzen. Auch wenn ich den Roller trete bis zum Umfallen. Die Einwohner schaffen Kunst der ganz besonderen Art auf ihrer Insel. Ob sie wohl wissen, wie gerne ich alte verrostete Maschinenteile fotografiere ?
Nun beginnt langsam die Zeit der ersten Taucherlebnisse. Jeder würde sich jetzt über tolle Unterwasserbilder freuen, wir haben unendlich viele gemacht, doch leider ist die Nikkonus Kamera schon bald abgesoffen. Mit unseren Bildern einfach undicht geworden und voll Salzwasser gelaufen. Trotzdem versuchte ich immer recht glücklich zu schauen. Ob es einen kostenlosen Ersatz der Kamera geben würde? Nix da. Keine Kulanz, stellt sich später bei einem Besuch in Deutschland heraus. Schrott. Einen herzlichen Dank der Firma Nikkon. Inzwischen haben wir wieder eine neue Kamera, wieder von dieser Firma. Warten wir es ab.
Die Lady verwandelte sich in ein Tauchexpeditionsschiff. Die Tauchgründe sind leider ziemlich abgefischt und das gründlich. Spätfolgen der in den Fünfzigern üblichen Dynamitfischerei ? Kein Fisch über Handgröße. Zum Ausgleich und der Besänftigung des schlechten Gewissens haben die Portugiesen Fischzuchtroboter aufgestellt. Schöne neue Welt.
Es empfiehlt sich nicht, auf Madeira zu tauchen für jemanden, der schon im roten Meer war. Klasse allerdings die gute Sicht und Wasserqualität. Es erinnert mich stark an das Mittelmeer, vom Fischbestand und der Wasserqualität.
Die Überfahrt nach Madeira war kurz und schmerzlos. Wir hatten nicht so tolles Wetter, den Wind, schräg von achtern. Alles rappelte nur und die Crew lag lesend in der Koje. Zum Rundumblick schauten wir abwechselnd über die Kim. Nach Stunden kam der erste Ort in Sicht. Mein Schicksal sollte mich ereilen und ich ahnte noch nichts davon. Machico. Guido hatte diesen Hafen ausgesucht, weil wir irgendwie noch nicht nach Funchal wollten. Eigentlich ist das verboten, denn nach Handbuch sollte man erst einmal ordentlich im Hafen Funchal einklarieren. Spätestens nach der Strecke Ijsselmeer - Kanaren glaubt man aber eh keinen Büchern mehr. Immer ist alles anders. Vor allen Dingen das Wetter hält sich gar nicht mehr an die Bücher. Irgendwie bekomme ich immer öfters das Gefühl, dass Mutter Natur die Homo Sapiens ziemlich leid ist.
Langsam kamen wir Machico näher und sind entsetzt über den Flughafen von Funchal, der direkt hinter Machico liegt. Machico allerdings entpuppte sich als ein wunderschönes Dorf mit einem sehr geeigneten Liegeplatz. Guido fing an, sich auf seine Abreise und Rückkehr in die Zivilisation vorzubereiten. Einen Tag lang erkundeten wir noch den nördlichen Teil Madeiras.
An dieser Stelle möchte ich aber auf die ausführlichen Logbucheinträge ab dem 25. Oktober 2000, der Zeit in Machico verweisen, weil es als Tagebuch viel verständlicher und näher beschrieben ist. Es gibt aus der Zeit, die ich in Machico verlebt habe wenig Photos, weil ich einfach nur gelebt und mich akklimatisiert habe. Wenn ich genauer darüber nachdenke, weiß ich nicht, weshalb ich eigentlich keine Photos gemacht habe.
Nun ja, die Photos beginnen nachfolgend wieder mit dem Auslaufen aus Machico. Ich glaubte weiter südlich noch bessere Häfen zu finden, als Machico. Erst einmal aber wollte ich ordnungsgemäß einklarieren, in Funchal. Dort liegt man vor Anker oder rollt im Hafen für viel Geld. Also rollte ich vor Anker und lernte Helen und Christoph von der SY Lullaby und Sverker von der SY Saskia kennen.
Es sollten drei wunderschöne Tage vorübergehen, in denen ein Kennenlernen, aktiv etwas zusammen machen und verabschieden, absolviert wurden. Zusammen mieteten wir uns ein Auto. Weil die meisten Fahrtensegler eh knapp bei Kasse sind, ist das schon ein Umstand der generell verbindet.
Der Trip ging in die Berge, über die Wolken. Die Landschaft Madeiras ist herrlich, tiefe Täler zerschneiden das Land. Wir waren uns immer uneinig, welches der richtige Weg sei und zum Schluss hatte Helen das Sagen, wie immer, wenn Frauen dabei sind. Is´ klar.
Madeira hat viele Gesichter. Am bekanntesten sind wohl die vielen Levadas entlang der Berghänge. Das hieß den ganzen Tag auf apfelsinenkistenbreiten Steinballustraden wandern. Zum Teil mit erstaunlich steilen Abgründen. Mir ist schwindelig geworden bei der ganzen Kraxelei. Aber es hat sich gelohnt. Am Ende der Tour kam wir endlich an den Wasserfällen an. Wie meist bei solchen Wanderungen ging es allerdings den ganzen Weg auch wieder zurück.
Auf der Rückfahrt kamen wir wieder voll in die Wolkensuppe. Hier oben wird das Wetter gemacht, so kam es einem vor. Etwas nervend ist bei der Fahrtenseglerei eigentlich immer, dass man so einen Mietwagen auch meint ausnutzen zu müssen und ggfs. stundenlang im Auto sitzt.
Schon am nächsten Tag verabschiedeten wir uns alle. Die SY Lullaby und SY Saskia wollten bei gutem Wetter nach Lanzarote auslaufen, ich wollte auf Madeira Natales Besuch abwarten. Deshalb lief ich die Küste entlang um einen schönen Hafen zu finden und landete glattweg drei Tage später wieder in Machico. Außer diesen beiden Häfen gibt es nämlich keine annehmbare Häfen. Machico ist auch nur deshalb annehmbar geworden, weil acht Wochen vor meiner Ankunft der Wellenbrecher um ca. 100 Meter verlängert worden ist. Steht auch in keinem Handbuch.
In den kommenden zwei Wochen blieb ich in Machico, benutze meine neu gewonnen Kontakte zu Bootsbauern und Schreinern um die Plicht der Iron Lady aufzuarbeiten. Alles Holz runter, schleifen, schleifen und wieder schleifen. Lackieren, Beizen und ... und ... und. Ja, auch das gehört zum Fahrtensegeln. Leider. |