Stahlbürstenpeeling, Epoxymaske und Antifoulingbad -
Eine Woche in der Schönheitswerft Los Christianos
Es ist soweit, seit zwei Wochen ist die fast einjährige Phase des Getrenntseins von Micha und mir vorbei.
Die Schapps beherbergen meine Kleidung, die Küchengeräte befinden sich auf einmal an neuen Plätzen und mein Schuhe liegen zum Leidwesen von Micha in allen Ecken.
Mit anderen Worten, die erste Eingewöhnungsphase ist vorbei und es wird Zeit, die Lady für ihren Trip über die Kapverden und den Senegal in die Karibik vorzubereiten. Ein Jahr Salzwasser und viel Sonne haben sie altern lassen, das Antifouling hat sich stellenweise in Nichts aufgelöst, am Rumpf zeigen sich hässliche Rostnasen und die Schraube ist vor lauter Seepocken kaum noch zu erkennen.
Werft ist angesagt und auf den Kanaren ist es gar nicht so einfach, einen
Termin zum Kranen zu bekommen, wie wir nach langem Telefonieren feststellen
müssen - und vor allem nicht ganz billig !
Im Endeffekt helfen wieder einmal der direkte Kontakt und die Fähigkeit
Spanisch zu sprechen. In Los Christianos an der Südküste von
Teneriffa, einen Katzensprung von Gomera entfernt, wenden wir uns direkt
an Ramon, den Chef des Travelliftes. Besonders gesprächig ist er
auf Anhieb nicht. Aber auf die Frage nach einem Termin, den wir telefonisch
nicht bekommen haben, räumt er uns, nach gutem Zureden seines Gehilfen
Luis, ab dem morgigen Tag eine Woche ein.
Mit Herzklopfen nähern wir uns am nächsten Morgen um 9 der Box,
wo die Lady in die Luft gehoben werden soll. Schwell und Wind im Hafen
machen die Sache nicht einfacher und die Angst, die Gurte des Liftes könnten
nicht halten, ist allgegenwärtig. Im Nu bildet sich eine Menschentraube
aus Touristen, Fischern und Kindern, die das Schauspiel ebenfalls verfolgen
wollen.
Ohne laute Worte und mit viel Gefühl platziert Ramon mit seinen Helfern
die Gurte und die Lady wird sanft aus dem Wasser gehoben. Luis kriecht
auf dem staubigen Boden vor der Lady um sicherzustellen, dass immer eine
Handbreit Luft unterm Kiel bleibt.
Innerhalb einer Stunde ist unsere Gute perfekt aufgebockt, und uns bleibt
nichts anderes übrig, als das Ausmaß der Baustelle zu betrachten.
Dasselbe Spiel, wie vor einem Jahr in Holland erwartet uns. Tagelang schleifen,
spachteln, streichen, doch diesmal bei 30°C im Schatten !
Unsere Arbeitswut erstaunt uns selbst. Nach dem Reinigen des Unterwasserschiffes
legen wir gleich mit den Schleifarbeiten los. Blaumänner werden aus
den Schapps geholt, und die nächste Woche sieht man Micha und Nathalie
nur noch staubig, dreckig und farbgesprenkelt. Die Fischer der Cofradia
ziehen neugierig ihre Runden um uns, schließlich sieht man hier
nicht so häufig eine Frau mit Werkzeug in der Hand.
Allerdings gibt es vier weibliche Wesen, die die Cofradia fest in der
Hand haben. Fatima und Elena arbeiten von morgens bis nachmittags in dem
Restaurant auf dem Gelände. Sie kennen jeden, sind immer gutgelaunt,
auch im größten Stress, kochen hervorragend und bemuttern uns
auf eine nett-ironische Art vom ersten Tag an.
Nach kurzer Finanzbesprechung und -planung sind wir uns einig, dass wir
schneller arbeiten werden, weniger Zeit verlieren und somit weniger Gebühren
zahlen müssen, wenn nicht einer von uns zwischendurch kochen muss.
Naheliegend also, dass wir unsere Pausen von nun an in der Bar Cofradia
verbringen.
"Ramon, a la oficina" klingt eine herrische Stimme mindestens
10 mal am Tag durch die Lautsprecher über das gesamte Werftgelände.
Sie gehört einer der beiden Secretarias, die das Büro fest im
Griff haben. Anfänglich ein bisschen eingeschnappt, da Micha sich
an ihnen vorbei einen Platz erschlichen hat, hat er sie schnell besänftigt
und für viele Besorgungen eingespannt. Dachte er, bis ein lautes
"Miguel, a la oficina" ihm klar machte, wer hier wen regiert.
Und wir pinseln weiter. Micha kümmert sich um den blauen Teil der
Lady. Stundenlang sitzt er auf der Arbeitsbühne und zeichnet mit
Akribie die Schrift und den Fisch nach, während ich am Boden hocke,
Macken zuspachtel, Roststellen bekämpfe und das Antifouling ein ums
andere Mal auftrage.
Zwischendurch das obligatorische Fachsimpeln mit anderen Bootseignern.
Alex, ein Werber aus Los Christanos, hat von einem Deutschen ein DDR-Stahlboot
gekauft und benutzt nun seinen Sommerurlaub um das Schiff von Grund auf
zu renovieren, direkt neben uns. Eine Stereoanlage ist nicht notwendig,
wir haben Alex, der den ganzen Tag entweder schief pfeift oder singt.
Der Sonntag war unser Lieblingstag. Alle Fischer und anderen Arbeiter
sind bei ihren Familien, und wir haben die Werft für uns allein.
Normalerweise gibt es Sonntags keinen Strom, aber bei der letzten Überprüfung
der Zeitschaltuhr, die ab 20:00 alles abschaltet, wurde der Sonntag vergessen.
Boxen raus, Manu Chao und Reggae treiben uns für die letzten Arbeitstunden
an. Der überwiegende Teil der Arbeit ist geschafft und wir belohnen
uns mit Filetsteaks und Sekt.
Die nächsten Tage vergehen leider mit viel Geldausgeben, Ramon besorgt
uns Jemanden, der den Kühlschrank repariert. Das Kühlaggregat
hat ein Leck und muss ausgetauscht werden. Gott sei Dank funktioniert
der Kompressor noch !
Der Anker, den angeblich ich verbogen habe, wird mit Hilfe von Thomas
wieder geradegebogen. Thomas kommt aus Ghana und lebt seit ein paar Jahren
auf Teneriffa auf einem Boot. Auf der Werft hat er sein eigenes kleines
"Freiluftbüro" und führt Reparaturen jeglicher Art
durch. Mit der Cofradia hat er einen Vertrag geschlossen. Sie lassen ihm
die Werft sozusagen als Arbeitsplatz, vermitteln ihm den einen oder anderen
Job, dafür kauft er das nötige Material im Büro der Cofradia.
Leider kommen nicht mehr so viele Segler nach Los Christianos, seitdem
das Gerücht entstanden ist, dass man nicht mehr im Hafen liegen darf,
so dass sich auch seine Kundschaft verringert hat.
Die letzte große Aktion, die wir von Land aus starten, ist das Bunkern.
Viele Grundnahrungsmittel und insbesondere Konserven, sind auf den Kapverden
und in der Karibik sehr teuer, wenn man sie überhaupt bekommt. Auf
Teneriffa gibt es den letzten großen Supermarkt bis Panama.
Drei Stunden ziehen wir mit sechs Einkaufswagen und einer fünf seitenlangen
Liste durch die Gänge und horten kanisterweise Olivenöl, kiloweise
Nudeln, Spaghetti, Mehl, Butter in Dosen und was man sonst noch alles
braucht. Zu Michas Freude gibt es Rittersport in allen Sorten, zu meiner
Freude Weingummi von Haribo !
Die Kassiererin kichert in der halben Stunde, die sie braucht um unsere
Karren durchzugehen. Es ist ihr ein Rätsel, wie man soviel einkaufen
kann.
Am nächsten Morgen wird der Einkauf vom Supermarktfahrer auf die
Werft geliefert und Luis hilft mit dem Gabelstapler beim Einladen. Ein
ganzer Tag geht dabei drauf, die Lebensmittel sicher zu verstauen und
Listen anzulegen, was wo zu finden ist.
Nichts hält uns nun mehr auf dem Trockenen, für den nächsten
Tag ist der Rückzug ins Wasser geplant. Die vier Damen werden noch
mit Blümchen von uns beglückt. Wir beide haben schon fast wieder
Wasser in den Augen, so wohl haben wir uns in der Cofradia gefühlt.
Morgens um 11 rücken dann Ramon und Luis mit dem Travellift an. Im
Nu hängt die Lady in den Seilen und wird vorsichtig ihrem Element
übergeben.
Und wir ? Hängen plötzlich in einem Loch - der Arbeit und Anspannung
der letzten Woche beraubt. Der Tauchkurs auf El Hierro wartet auf mich,
doch zuvor wollen wir uns noch ein paar Tage auf Gomera mit unseren Freunden
Zipi und Tom von der SY La Complice in der Thunfischbucht gönnen. |