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Tauchträumen,
Makrotauchgang in Bonaire

Es gibt viele Arten zu tauchen, Unterwasser zu fotografieren und vor allen Dingen darüber zu berichten. Mit dem Makrovorsatz vor der Linse beschränkt sich das Blickfeld. Das Bewusstsein für das begehrte Objekt jedoch erweitert sich. Die Erlebniswelt, eh schon verändert durch die fehlende Atmosphäre, wird intensiviert durch den Druck der Wassersäule, der etwas berauschenden Wirkung der Gase aus der Druckluftflasche und durch die Linse.

Nur ein paar Meter weit weg von der IRON LADY, vertäut an der Muhring vor der Hauptstadt Kralendijk der Insel Bonaire, fällt steil ein wunderschönes Korallenriff auf 40 Meter Tiefe ab. Ich muss nicht weit tauchen um ins Kunstkabinett eingelassen zu werden. Nur ein, zwei Autoreifen, ein alter Motorblock zieren den Weg bis zu Riffkante, an der das bunte Leben beginnt. Das Knacken der Papageifische, die an den Polypen nagen, hallt wie leise Musik durch die Unterwasserkunsthalle. Sonst nichts. Stille. Keine anderen Besucher. Eintritt frei.

Sehen, Unterwasser sehen, will gelernt sein. Ab dem 20ten Tauchgang fängt man langsam an zu sehen, zu entdecken, bis dahin ist man meist zu sehr mit der neuen Umgebung, mit sich und seinem ganzen Gerät beschäftigt. Der normale Tauchgang dauert 30 bis 40 Minuten mit der normalen 10 Liter Tauchflasche und das bei einer Tiefe bis 25 Metern. Eine ganz schön lange Zeit. Unter Führung einer Tauchschule wird dann eine Strecke von ein paar hundert Metern abgetaucht, eine Höhle entdeckt, ein Zackenbarsch, eine Steilwand oder ein paar Wrackreste besucht. Vorbei geht es an großen Gehirnkorallen, Fächerkorallen und vielen Dingen mehr. Ein Taucherlebnis. Im eingeschränkten Winkel durch das kleine Blickfeld der Gesichtsmaske. Mein Ziel ist kleiner, diffuser und nicht bei solchen Tauchgeschwindigkeit zu entdecken.

Genau an der Kante begrüßt mich ein kleiner Tannenbaum, der sich auf einer Koralle angesiedelt hat. Ich bin kein Biologe, der sofort über den lateinischen Namen, deren Gattung und Entstehung Bescheid wissen muss, sondern ein Grafiker, der nichts anderes will als dieses Bild im richtigen Licht, im richtigen Winkel auf dem Filmmaterial der Unterwasserkamera festzuhalten. Ich atme vorsichtig aus und schwebe langsam nach unten, lasse mich weich in den Sand fallen und versuche die Kamera mit der rechten Hand, den Blitz mit der linken Hand, an das Objekt meiner Begierde heranzubringen. Lange überlege ich, den Atem immer noch angehalten. Der Automat blitzt, die Kamera knipst, der Tannenbaum ist weg. Blitzschnell hat er sich erschrocken in sein Haus zurückgezogen.

Immer noch nicht an der Riffkante angekommen überfliege ich mit wenigen Zentimetern Abstand den Körper eines anderen Sterns. Ein Seestern dessen Oberfläche und Struktur mich begeistern. Was hat sich Mutter Natur nur gedacht, als sie dieses Lebewesen kreierte? Der Seestern ist weniger schwer einzufangen, als der scheue Tannenbaum. Kurz dahinter endet die Sandebene und wildes Wachstum wendet sich zum Himmel. Letztmalig kann ich mich sanft in den Sandboden fallen lassen und die fingerartigen Gebilde gegen die Wasseroberfläche fotografieren. Ich spiele mit der Blende des Objektivs und schieße noch ein paar Aufnahmen, um unterschiedliche Tiefenschärfen zu erreichen.

Meine alte Klodeckeltarierweste - ein Jackett war mir bisher zu modern und zu teuer - habe ich mehr für den Notfall mit, um schneller an die Oberfläche zurückzukommen. Die maximale Tauchtiefe wird kaum die 10 Metermarke überschreiten, unendliche Nullzeit. Tariert wird mit dem Luftvolumen in der Lunge, das mitgenommene Blei ist genau dosiert. Am liebsten habe ich möglichst wenig Ausrüstung beim Tauchen dabei. Selbst die Kamera bleibt oft im Boot, weil die Bilder im Kopf, die Erinnerungen noch viel imposanter und nachhaltiger sind.

Über die Riffkante gleitend, atme ich langsam aus und tauche schwerelos ab, kopfüber in den Korallengarten. Kopf und Kamera unten, Flossen oben. Rechtzeitig atme ich wieder Luft ein, bekomme Auftrieb und schwupps habe ich eine dreidimensionale grüne Polypenfläche vor der Linse. Den Blitz etwas seitlich, gebe ich dem Kunstwerk die Tiefe und mit etwas Luftzugabe in der Lunge, flutsche ich wieder einige Dezimeter hoch. Hier in diesem Korallengarten gibt es kaum eine Stelle an der man sich festhalten kann, überall lebt es und meine Hand würde verletzen. In Bonaire ist es verboten beim Tauchen Handschuhe und Knieschützer zu tragen, damit die Taucher sich von vorn herein darauf einstellen, die Ausstellung in Ruhe zu lassen. Berühren verboten.

Ich bin völlig den mich umgebenen Strukturen verfallen. Einen am Riff vorbeiziehenden Manta würde ich nicht bemerken, so sehr ist mein Blick auf die Makroschönheiten gerichtet. Zwei Handbreit weiter sitzt im Irrweg einer weiteren Gehirnkoralle ein neues kleines Lebewesen, blinzelt mich an und verzieht sich wieder ins Innere seines Hauses. Ein weiterer Blick führt mich zu einer unglaublichen Struktur, das nächste Kunstwerk.
Der ganze Trick ist die Farbe der Korallen. Erst durch das Licht des Blitzes oder einer kleinen Taschenlampe werden diese Farben sichtbar. Das wirkt sich natürlich besonders in der Makrofotografie aus, denn große Flächen sind unter Wasser nur schwer auszuleuchten. Ein gelb leuchtendes Gebilde, das aussieht wie ein Osterblumenstrauß ist ohne das Hilfslicht mattgelb im tiefen Blau. Auch an die Oberfläche gebracht verlieren all diese Schönheiten in der prallen Sonne schnell ihre Pracht. Nach dem Blitzlichtschuss bleiben von dem gelb leuchtendem Gebilde nur die Röhren zu sehen, in die sich die so bunten Tentakel zurückgezogen haben.

Die Feinheiten in den einzelnen Strukturen, die Ringe in den schlangenförmigen Wendungen der Oberfläche, lassen mich minutenlang vor den Bildern dieser natürlichen Kunstausstellung verweilen. Welche Bedeutung, Aufgabe haben diese kleinen Öffnungen? Staunend über jede kleine Entdeckung vertreibe ich mir meine Zeit und genieße die teils erotische Wirkung mancher Korallen-Kunstwerke. Die weicheren Elemente der Show bewegen sich leicht in der Bewegung des Wassers, filtern wohl noch kleinere Nahrungspartikel aus dem Wasser, zu klein, als dass ich diese erkennen könnte.

Immer wieder kopfstehend unter Wasser, nach unten oder seitlich fotografierend schwebe ich langsam in der aufkommenden, aber leichten Strömung an kinderspielzeugähnlichen, dreidimensionalen Fraktalen vorbei, die sich gummiartig bewegen. Ein Blick auf das Manometer der Druckluftflasche sagt immer noch 150 bar, es sind 20 Minuten vergangen, die Wassertiefe beträgt 7 Meter. Alles ist bestens, eine Strecke von vielleicht 10 Metern ist zurückgelegt, mehr mit der Strömung treibend, denn meine Flossen habe ich lediglich für Drehungen des Körpers benutzt.

Neue Strukturen tauchen aus dem Blau auf. Es scheint eine unermessliche Vielfalt von Künstlern zu geben, die immer neue Formen entwickeln. Zauberer müssen hier unter Wasser nachts tätig sein, die diese zärtlichen Gebilde formen und zum Leben erwecken. Vor Bonaire ist mir bis auf das Rote Meer noch kein Tauchgebiet vor die Linse oder das Auge gekommen, welches so eine reiche Artenvielfalt von Korallen beherbergt. Im Roten Meer waren mir diese Makrowelten aber noch versagt, da ich noch kein Auge dafür hatte, eher Haie, Schildkröten und andere Aufregungen, in zwei Wochen, Teil meines Jahresurlaubs.

Rot ist Unterwasser, wie Überwasser, fast immer die Farbe für Gefahr. Korallen können, so empfindlich sie auf der eine Seite sind, enorme Verletzungen verursachen. Der gut ausgebildete Taucher wird schon deshalb jede Berührung vermeiden, weil er vielleicht vorher beim Schnorcheln schon mal die Bekanntschaft mit den Nesselzellen der Feuerkoralle gemacht hat. Brennen, Entzündung und Wunden, die wochenlang nicht verheilen wollen, sind die Folge. Auf dem Segelboot kann einem das Leben dann schnell zur Hölle werden, wenn der Weg ins Wasser gesperrt ist. Denn nur ohne Salzwasserberührung hat man die Chance, dass die Wunde schnell und gut zuwächst. Also besser die Finger weg von den Korallen.

Ein Feuerwurm kreuzt die Begrenzung meines Kamerabildfeldes. Eine Koralle, die sich bewegt? Nein. Oder doch? Ich betrachte auch ihn mal einfach nicht biologisch, sondern mit meinen Ausstellungsaugen. Schon komme ich in den kostbaren Bereich des Korallengartens. Schmuckähnliche Gebilde, wie Amulette in den Vertiefungen besetzt mit spanischem Gold. Wieder sind es feinen Ringstrukturen, die der Koralle diese wunderschöne dreidimensionale Wirkung geben. Das rauschende Unterwasserlicht und der Blitz der Kamera macht alles sichtbar, was sonst im blauen Dunst verborgen bliebe. Unvorstellbare Schätze, die den Meisten verborgen bleiben, weil nur der Besuch unter der Oberfläche den Anblick ermöglicht.

Mir wird kalt. Nicht Luftknappheit, sondern zitternde Finger sind es, die an Rückkehr denken lassen. Unter einer großen Gehirnkoralle entdecke ich noch das zärtliche Gebilde eines Korallennetzes. Wieder und wieder frage ich mich wie und wovon sich solche Lebewesen ernähren. Oder sind es Pflanzen? Interessante Frage, bei einem wärmenden Tee nach dem Tauchgang werde ich wohl noch eine Weile lang darüber nachdenken können.

Der Weg geht zurück über die Riffkante. Weiche Wedler winken zum Abschied und durch das Wirrwarr gelingt mir noch ein Foto gegen den hellen Hintergrund, der von oben spiegelnden Wasseroberfläche. Wie Schnee im Winter an den Bäumen oder Raureif sehen die kleinen, hellen Polypenarme auf den Weichkorallen aus. Sie halten mich erneut auf, lassen mich spielerisch den richtigen Winkel zur Abbildung suchen.

Unter der Lady, kurz vor der Badeleiter zum realen Leben in einer anderen Welt, finde ich noch meinen ganz persönlichen Tannenbaum. Als ich ins Wasser eingestiegen bin, war er noch nicht da. Ganz sicher. Oder bilde ich mir das jetzt ein? Nachdem ich aus dem Wasser bin, berauscht, wie nach einem überdimensionalen Feuerwerk blicke ich angstvoll in das Objektiv der Kamera. Sind alle Erinnerungen der letzte Stunde auch wirklich da drin? Schon am Nachmittag werde ich mehr wissen. Hier auf Bonaire gibt es natürlich ein richtiges Fachlabor, um den begeisterten Unterwasserfotografen seine Filme entwickeln zu lassen und die Neugier zu stillen.

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